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Auswirkungen über Leopoldsplatz hinaus

Leo-Baustelle fordert erste Opfer - Leerstand in Baden-Baden nimmt zu - Stadtverwaltung kassiert Einzelhändler ab - BBI-Chef Matthias Vickermann: "Dann auch die Thematik mit der Shopping Cité"

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goodnews4-O-TON-Interview von Nadja Milke mit Matthias Vickermann

Baden-Baden, 22.06.2017, 00:00 Uhr, Bericht: Christian Frietsch «Ja, eindeutig, und auch viele», antwortete Matthias Vickermann im goodnews4-VIDEO-Interview auf die Frage, ob die Leo-Baustelle schon Opfer unter den Einzelhändlern gefordert hat. Aber der Vorsitzende der Einzelhändlervereinigung Baden-Baden Innenstadt e.V., BBI, berichtet auch über weitere Auswirkungen über den Leopoldsplatz hinaus.

«Die Läden bei der Lichtentaler Straße haben ganz stark daran zu knacken, dass der Busverkehr gerade eingestellt ist und das seit Monaten. Das sieht man auch an den Geschäftsschließungen, die dort schon stattgefunden haben.» So würden auch die Apotheke am Augustaplatz und der Einkaufsmarktes Treff 3000 «stark darunter leiden, dass die Kunden einfach nicht kommen», sagt Matthias Vickermann. Die Lage der Einzelhändler sei grundsätzlich erschwert durch das zunehmende Online-Geschäft, das Outletcenter im elsässischen Roppenheim und die ausbleibenden russischen Kunden. Auch die unlängst mit Genehmigung der Stadtverwaltung erweiterte Shopping Cité mache «den Baden-Badener Händlern schwer zu schaffen». Dort könne man «alles bekommen und kostenlos parken − nicht wie bei uns, wo man, wenn man irgendwo steht, sofort aufgeschrieben wird und ein Knöllchen bekommt».

Doch damit nicht genug in den schweren Zeiten der Leo-Baustelle: «Wenn ich zum Beispiel von Händlern höre, die draußen einen kleinen Aufsteller haben, wo sie Ware verkaufen und froh und dankbar sind, wenn sie da vielleicht noch ein bisschen Umsatz generieren können, und dann die Stadt dafür im Jahr 400 oder 600 Euro verlangt.» Und Matthias Vickermann fragt und hofft Richtung Baden-Badener Rathaus: «Was hat eine Stadt davon, wenn nach und nach die Geschäfte zu machen und leer stehen?»


Abschrift des goodnews4-O-TON-Interviews mit Matthias Vickermann:

goodnews4: Neun Monate Baustelle am Leopoldsplatz. Gibt es denn schon erste Opfer der Baustelle, also Einzelhändler, die von messbaren Umsatzeinbußen berichten oder gar aufgeben mussten wegen der Baustelle am Leopoldsplatz?

Matthias Vickermann: Ja, eindeutig und auch viele. Gerade das Geschäft «Bär&Mehr», das hauptsächlich Kinderspielzeug verkauft hat, am Leopoldsplatz. Die Dame hat vor kurzem zugemacht, vor zwei Monaten ungefähr, sie hat sehr stark drunter gelitten und es ist nicht immer nur die Baustelle an sich, sondern hauptsächlich die Thematik mit dem Busverkehr. Wenn die Frequenz, durch diejenigen, die mit dem Bus fahren, fehlt, merken das die Läden natürlich ganz stark. Die Läden in der Lichtentaler Straße haben ganz stark zu knacken, dass der Busverkehr gerade eingestellt ist und das seit Monaten. Das sieht man auch an den Geschäftsschließungen, die dort schon stattgefunden haben. Es gab dort auch ein Geschäft für Kindermode, das vor kurzer Zeit zugemacht hat, und auch die Apotheke, nebenan die Änderungsschneiderei, gegenüber der Treff 3000 − von denen bekomme ich direkt oder indirekt schon mit, dass sie ganz stark drunter zu leiden haben, dass die Kunden einfach nicht kommen.

goodnews4: Gibt es denn von den Kollegen auch konkrete Vergleichszahlen zu den Umsätzen vor und nach der Baustelle?

Matthias Vickermann: Nein, leider nicht. Die hätte ich auch ganz gerne, um sie auf den Tisch legen zu können, aber das bekommt man nicht. Das ist manchmal grob geschätzt, der eine sagt, er hat 20 Prozent. Bei manchen, finde ich, das ist meine persönliche Meinung, ist es auch übertrieben, wenn sie sagen um die Hälfte ist es eingestürzt. Das ist schwierig zu sagen, weil ich glaube, die Baustelle ist wirklich nicht förderlich für einen Anlieger, ganz und gar nicht, und viele haben daran zu knacken. Das sind nicht nur die, die direkt an der Baustelle sind, sondern, wie ich auch gerade sagte, sogar die, die 200 bis 300 Meter entfernt sind, wie der Lichtentaler Straße. Es ist einfach eine Addition von vielen Problemen, die die Stadt gerade handelsmäßig hat.

goodnews4: Welche sind das?

Matthias Vickermann: Es ist grundlegend sowieso für jede Stadt das Hauptproblem: Online. Das zwackt uns jedes Jahr ein paar Prozentpunkte ab. Dann auch die Thematik mit der Shopping Cité. Man muss überlegen − auch wenn das ein anderes Angebot ist − wenn die Leute am Wochenende in der Shopping Cité sind und alles bekommen und dort kostenlos parken können − nicht wie bei uns, wo man, wenn man irgendwo steht, sofort aufgeschrieben wird und ein Knöllchen bekommt − es ist überdacht, es gibt viele Vorteile. Und dann sagen die Meisten: Ich fahre jetzt nicht nochmal in die Innenstadt, um noch eine Krawatte zu kaufen. Also die Frequenz einer Shopping Cité entzieht einfach der Innenstadt die Frequenz und die meisten Käufe, die in der Innenstadt passieren, sind Impulskäufe, die man im Schaufenster sieht, und bei denen man sich denkt: Das möchte ich jetzt kaufen. Diese werden weniger.
Von Roppenheim, glaube ich, sind mehr die Geschäfte betroffen in der Stadt, die direkt das gleiche Angebot haben oder die gleiche Marke führen, wo ein Kunde sagen würde: Dafür lohnt es sich nach Roppenheim zu fahren, das ist dort günstiger zu kaufen. Ein weiterer Grund im Hochpreissegment ist natürlich in den letzten zwei Jahren das Ausbleiben der russischen Kunden, die gerade im Hochpreissegment viel eingekauft haben. Momentan kommen wieder ein paar, aber bei weitem nicht das, was noch vor zwei, drei Jahren der Fall war. Die ganzen Dinge in Addition und noch eine Baustelle on Top, das erschwert natürlich unsere Arbeit hier.
Da müssen wir einfach gucken, wo die Reise hingeht und kann man machen was und auch wie man mit der Stadt zusammenarbeiten kann, damit eine Besserung oder eine Erleichterung kommt. Wenn ich dann zum Beispiel von Händlern höre, die draußen einen kleinen Aufsteller haben, wo sie Ware verkaufen und froh und dankbar sind, wenn sie da vielleicht noch ein bisschen Umsatz generieren können, und dann die Stadt dafür im Jahr 400 oder 600 Euro verlangt. Es gibt ja schon keine Entschädigung wie in anderen Städten, dass die betroffenen Händler eine Ausgleichszahlung bekommen, aber dann kann man wenigstens für die Händler, denen es so schwer geht − und das ist nachweisbar, das kann man mit Zahlen belegen und man sieht es auch zum Teil, wenn man sich mal die Geschäfte anschaut − dass man denen eine Erleichterung verschafft und die Aufsteller ohne Berechnung aufstellen lässt. Denn was hat eine Stadt davon, wenn nach und nach die ganzen Geschäfte zumachen und leer stehen? Und letztlich wird ja auch von der Gewerbesteuer, die wir alle abführen, einiges bezahlt. Wenn das zum Schluss ausbleibt, weiß ich nicht, ob die Stadt dann noch so attraktiv ist, wenn sie zu großen Teilen leer steht. Man sieht das auch in manchen Straßen, wo wir schon einige Leerstände haben und die Tendenz geht noch mehr in die Richtung.

goodnews4: Man sieht in der Verlängerung Richtung Palais Hamilton erweiterte Bautätigkeiten auch in der Lichtentaler Straße, die Geschäfte sind dort schwer zugänglich. Kennen Sie die Gründe für diese Maßnahmen? Sind Sie gut informiert über die Abläufe?

Matthias Vickermann: Im Gros ja, nur gab es ja schon so viele Änderungen, schon alleine bei der Kalkulation. Ich will nicht von einem Skandal sprechen, aber die Leopoldsplatz-Baustelle polarisiert ja so unglaublich − und es ist ja einfach auch viel Wahres dran, wo etwas falsch läuft. Ich sehe auch, dass von heute auf morgen in der Lichtentaler Straße beim Café König aufgebrochen wird. Wann das beginnt, das müsste, finde ich, noch mehr kommuniziert werden, gerade für diejenigen, die dort ihr Geschäft haben. Das ist nicht reibungslos, wie das hier abläuft. Es gibt natürlich die Veranstaltung und das finde ich auch ganz toll, was der Herr Uhlig macht, er kommt auch immer zu unserer BBI-Sitzung, sodass wir aus dem Vorstand Fragen stellen und die Händler mehr informieren können. Eines muss man natürlich sagen: Die Baustelle muss gemacht werden. Ich persönlich bin für die Beton-Variante, auch wenn es ein bisschen länger dauert, denn was haben wir davon, wenn in ein paar Jahren der Asphalt nicht mehr hält und es schon wieder gemacht werden muss. Diesen Weg muss man jetzt einfach gehen, aber bis dahin könnte man viele Erleichterungen machen, indem zum Beispiel die Kommunikation mit den Händlern noch ein bisschen besser wäre. Diese schnellen, spontanen Aufriss-Aktionen sind natürlich nicht gerade förderlich.

goodnews4: Gibt es denn neue Hinweise zur Zeitplanung?

Matthias Vickermann: Ursprünglich waren ja zwei Jahre geplant, also bis zum Herbst nächsten Jahres. Jetzt haben wir schon gehört, dass durch die Archäologie und G20 ein paar Wochen hinzukommen. Aber dass wir ein genaues Enddatum haben, ist leider nicht der Fall. Dazu erhoffe ich mir mehr Informationen bei der nächsten BBI-Sitzung mit Herrn Uhlig. Ich möchte ja auch nichts Negatives über Herrn Uhlig oder die Stadt sagen, denn das sind ja nicht die, die die Baustelle machen. Aber mich wundert es, wenn ich tagsüber vielleicht mal drei Bauarbeiter sehe oder vier oder fünf, die dort arbeiten, und ich höre diese riesen Summe, die um einige Millionen nach oben korrigiert wurde, ob bei diesen großen Beträgen nicht einfach noch ein paar Mitarbeiter übrig sind, damit es schneller geht. Ich bin nicht aus der Baubranche und ich will auch dem Herrn Weiss oder keinem was, aber in anderen Ländern, finde ich, gehen solche Baustellen manchmal einfach schneller. Das ist mein Gefühl.

goodnews4: Eine weitere große Maßnahme läuft vor den Toren unserer Stadt. Der Zubringer wird nach dem Kreisel für ein Vierteljahr in beide Richtungen nur einspurig befahrbar sein. Befürchten Sie, dass sich Baustellen wie diese auf die Zahl der Tagesgäste in Baden-Baden auswirken?

Matthias Vickermann: Ich glaube, beim Primärgast nicht, aber der Wiederholungbesuch wird bestimmt ausbleiben. Da spreche ich aus eigener Erfahrung, wenn ich mal nach Karlsruhe fahre und habe das ganze Verkehrschaos mit Parkplatzsuche, dann macht das ja keine Freude mehr hinzufahren. Wenn man schon da ist, dann bleibt man auch und sucht sich eben seinen Parkplatz. Aber man meidet einfach Städte, wo es unbequem ist, und so eine Wartezeit, um in eine Stadt hinein oder hauszukommen, ich glaube nicht, dass das große Freude macht.

goodnews4: Was sagen Sie Gästen unserer Stadt, um diese aufzumuntern. Alles halb so schlimm: Baden-Baden ist auch mit den Baustellen eine schöne Stadt?

Matthias Vickermann: Alles halb so schlimm wäre natürlich etwas weit ausgeholt, weil es ja für manche wirklich schlimm ist und sie müssen ihr Geschäft schließen oder haben schon geschlossen. Andererseits haben wir das Riesenglück, in einer verdammt tollen Stadt leben zu dürfen, arbeiten zu dürfen und unser Geschäft betreiben zu dürfen. Diese Ansicht teilen, glaube ich, auch viele. Man muss sich auch immer in Relation zu anderen Städten setzen und wenn man unsere Innenstadt vergleicht mit anderen Städten, geht es uns schon noch ganz schön gut. Das ganze Klagen und Jammern ist auch nicht in allen Fällen immer ganz angebracht. Es gibt auch solche, die sich ein Leben lang über alles beklagen und davon habe ich im Laufe der dreieinhalb Jahre meines Amtes auch viele schon kennengelernt. Da muss man genau differenzieren, wem geht es wirklich schlecht, wo läuft der Betrieb nicht mehr, gibt es vielleicht auch interne Ursachen am eigenen Geschäftsmodell oder durch solche Faktoren wie Baustelle, Online, et cetera. Aber wenn man durch Baden-Baden geht, auch Kunden oder Freunde und Bekannte, die das erste Mal hier sind, sind alle verliebt in diese Stadt. Die Tendenz ist, glaube ich, gut und Baden-Baden bleibt auch gut, da bin ich jetzt nicht euphorisch, aber optimistisch.

goodnews4: Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Nadja Milke für goodnews4.de

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goodnews4-O-TON-Interview von Nadja Milke mit Matthias Vickermann


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