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Volkmar Eidloth, Landesamt für Denkmalpflege, im goodnews4-VIDEO-Interview

Bewerbung Baden-Badens als UNESCO-Welterbe geht in "heiße Phase" - Landesamt für Denkmalpflege zu Welterbe und Windkraft - "Würde man am Battert ein Windrad aufstellen, hätte man ein Problem"

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goodnews4-VIDEO-Interview von Nadja Milke mit Volkmar Eidloth

Baden-Baden, 30.11.2016, 00:00 Uhr, Bericht: Christian Frietsch An der Spitze der Gegner von Baden-Baden als UNESCO-Weltkulturerbe steht die Fraktion der Freien Wähler, FW, mit seinen Stadträten Heinz Gehri und Hans-Peter Ehinger. Mit einem von den Welterbe-Gegnern verbreiteten Vorurteil über angebliche Mitspracherechte räumt das Landesamt für Denkmalpflege nun auf.

Im goodnews4-VIDEO-Interview stellt Volkmar Eidloth, Referent für Welterbefragen beim Landesamt für Denkmalpflege, klar: «Im Gegenteil ist es sogar so, dass die UNESCO, das wird oft vergessen und übersehen, voraussetzt, dass es Schutz gibt, dass es ein Management gibt, dass es ein Konzept für eine gute Weiterentwicklung − natürlich auch im Sinn der Erhaltung der Denkmale − gibt.»

Noch im März dieses Jahres hatte sich Hans-Peter Ehinger, Fraktionschef der Freien Wähler, in seiner Haushaltsrede im Baden-Badener Rathaus gegen das Projekt ausgesprochen und behauptet, dass «wir uns Mitspracherechte der Mitbewerber und weitere Einschränkungen bei städtebaulichen Veränderungen einhandeln». goodnews4.de berichtete. Die Freien Wähler gerieten mit dieser Position in den Verdacht, Lobbyarbeit für einige Bauträger und Investoren zu betreiben, die sich vielleicht sorgen, dass man bald über Baden-Baden hinaus genauer hinschauen wird, wenn das Baden-Badener Stadtbild durch überdimensionierte Neubauten leidet.

Schon in weniger als drei Jahren könnte Baden-Baden eine gewaltige Aufwertung erfahren. Das zuständige Komitee der UNESCO wird dann entscheiden, ob Baden-Baden zum Welterbe gehören wird. Für die meisten Baden-Badener ein ideeller, aber auch wirtschaftlicher Gewinn. Gastronomie, Hotellerie, der Einzelhandel und der Dienstleistungsstandort Baden-Baden werden wohl allesamt profitieren. Die ganz heiße Phase für die Bewerbung laufe bereits, verriet Volkmar Eidloth. Im September soll der Antrag beim nach Paris an das Welterbezentrum geschickt werden «zu einer technischen und formalen Vorprüfen, ob alle Unterlagen komplett sind und alles so richtig gemacht ist». Der offizielle Antrag werde dann im Januar 2018 eingereicht.

Nach der Baden-Badener Gemeinderatssitzung vom Montag nahm Volkmar Eidloth auf Anfrage von goodnews4.de nochmals Stellung zum Thema Welterbe und Windkraftanlagen:«Windkraftanlagen könnten einen Einfluss haben, wenn man zum Beispiel auf dem Battert ein Windrad aufstelle würde, hätte man ein Problem. «Wir gehen davon aus, dass innerhalb der geplanten Pufferzone keine Windkraftstandorte vorgesehen sind. Außerhalb der Pufferzone, vor allem am Rand, sind das Einzelfallprüfungen. Sehen alleine ist noch keine Beeinträchtigung des Welterbes.» Und Volkmar Eidloth verweist auf den Fall in Dessau-Wörlitz, wo man sich auf kleinere Anlagen geeinigt hat. Dort soll in 10 Kilometern Entfernung zu der Welterbestätte «Dessau-Wörlitzer Gartenreich» eine neue Windkraftanlage entstehen. Geplant waren zwölf Windräder mit einer Höhe von je 200 Metern. Die UNESCO hatte sich daraufhin mit einem Brief an die Landesregierung Sachsen-Anhalt gewandt, weil das Besondere an den dem «Dessau-Wörlitzer Gartenreich» ist, dass bereits beim Bau des Parks im 18. Jahrhundert darauf geachtet wurde, dass Besucher in alle Richtungen freie Sicht in die Landschaft haben. In einem Kompromiss hat man sich nun darauf geeinigt, dass die Windräder nur noch 180 Meter hoch sein werden. So dass man sie von einem ebenerdigen Punkt aus nicht wird sehen können. Außerdem bekommen die Windräder einen weniger reflektierenden grauen Farbanstrich und keine Farbmarkierungen an den Rotorblättern.

Abschrift des goodnews4-VIDEO-Interviews mit Volkmar Eidloth:

goodnews4: Was sind denn die konkreten Aufgaben des Landesamts für Denkmalpflege bei den Städten und Gemeinden in Baden-Württemberg?

Volkmar Eidloth: Das sind viele Aufgaben. Im Grunde genommen lassen sie sich zusammenfassen damit, dass das Landesamt die Fachinstanz ist, die natürlich Denkmaleigentümer, aber auch Städte und Gemeinden bei allen Fragen zur Erhaltung und zur Pflege von Denkmalen nach Denkmalschutzgesetz berät. Sie ist dann natürlich auch in die denkmalrechtlichen Verfahren eingebunden, aber eben nur in beratender Funktion. Das Denkmalamt selbst entscheidet nicht, das machen die Denkmalschutzbehörden. Das fängt bei den unteren Denkmalschutzbehörden an, bei der Stadt Baden-Baden selbst bei privaten Eigentümern, geht dann über die höheren Denkmalschutzbehörden, die beim Regierungspräsidium angesiedelt sind, bis zur obersten Denkmalschutzbehörde beim Wirtschaftsministerium.

goodnews4: In Baden-Baden gibt es möglicherweise besonders viele Gründe, genau hinzuschauen. Ist denn das Landesamt für Denkmalpflege auch eingebunden in die Bewerbung zum Weltkulturerbe?

Volkmar Eidloth: Ja, genauer hinschauen muss man in Baden-Baden auch nicht, da ist kein Unterschied zu anderen Städten und Gemeinden. Vielleicht insofern als Baden-Baden doch einen sehr umfangreichen und sehr bedeutenden Denkmalbestand hat. Eingebunden in die Welterbe-Nominierung, in diese Idee, sind wir selbstverständlich. Ich selbst bin jetzt schon acht Jahre dabei. Das fing schon damit an, dass das Landesamt als Fachbehörde gefragt werden musste, inwieweit eine entsprechende Wertigkeit besteht, inwieweit überhaupt eine Chance besteht, Welterbe zu werden. Das liegt jetzt eben gut acht Jahre zurück. Wir haben das damals bejaht, allerdings nur im Verbund mit anderen europäischen Kurstädten und seitdem begleiten wir die Stadt Baden-Baden, die ja dann diese Idee aufgegriffen hat für eine solche Seriennominierung. Wir begleiten sie, wir beraten sie bei der Formulierung des Antrags, wir haben jetzt schon zweimal in Baden-Baden internationale Tagungen ausgerichtet mit ICOMOS, dem internationalen Rat für Denkmalpflege, um diese Nominierung auf einen fachlich und inhaltlich guten Weg zu bringen.

goodnews4: In Baden-Baden gibt es viele Befürworter und auch aktive Unterstützer der Weltkulturerbe-Bewerbung, es gibt aber auch Kritiker, die «Einschränkungen bei städtebaulichen Veränderungen» befürchten. Bei was für Projekten welcher Größenordnung hätte denn die UNESCO Mitsprache- oder Einspruchsrecht?

Volkmar Eidloth: Da muss man erstmal klarstellen, dass ja ein Welterbetitel, so er denn erlangt wird, keine neuen Rechtsverhältnisse schafft. Es ändert sich nichts an den bestehenden gesetzlichen Bestimmungen und Vorgaben − ob sie nun aus einem Bauplanungsrecht sich ableiten oder aus dem Denkmalschutzgesetz kommen. Im Gegenteil ist es ja sogar so, dass die UNESCO, das wird oft vergessen und übersehen, voraussetzt, dass es Schutz gibt, dass es ein Management gibt, dass es ein Konzept für eine gute Weiterentwicklung − natürlich auch im Sinn der Erhaltung der Denkmale − gibt. Sonst kann man gar nicht Welterbe werden, wenn nicht vorher nachgewiesen ist, dass so etwas existiert. Insofern ändert sich nichts und eine UNESCO wird sich da auch, wenn man den Titel hätte, nur dann einmischen, wenn es wirklich gravierende Veränderungen sind, die diesen außergewöhnlichen, universellen Wert gefährden. Das ist nichts anderes als bei dem normalen Denkmal auch, denn auch ein normales Denkmal kann sich ja verändern oder wird verändert, aber es muss seine geschichtliche Aussagefähigkeit beibehalten. In einem anderen Maßstab gilt nichts anderes, wenn man Welterbe ist. Da muss also schon Gravierendes passieren. Und das ist dann auch so geregelt, dass es bei gravierenden Veränderungen, die vielleicht den Welterbestatus tangieren könnten, so etwas wie eine Selbstanzeigepflicht gibt. Die UNESCO wird da normalerweise von sich aus eher nicht tätig werden.

goodnews4: Viel Diskussion gibt es in Baden-Baden noch um die Kern- und die Pufferzone. Kann man dies durch die Festlegung der Zonen beeinflussen?

Volkmar Eidloth: Da gilt letztlich das gleiche. Die Kernzone ist die eigentliche Welterbestätte, die definiert sich einfach aus der Qualität heraus. Das sind fachliche Gründe, wo habe ich einen Bestand von Wert. Das ist in Baden-Baden – und das ist das Alleinstellungsmerkmal Baden-Badens, gerade auch in dieser Serie – die komplette historische Stadtanlage. Also von der Altstadt mit dem ursprünglichen Bäderviertel über das Kurquertier Lichtentaler Vorstadt, die Villengebiete – das alles zusammen macht Baden-Baden aus. Das ist eine gewisse Seltenheit, dass man eine internationale Kurstadt in diesem Umfang, in dieser Größe auch noch sehr gut erhalten hat. Darüber definiert sich die Kernzone. Die Pufferzone ist das, was dann sozusagen drumrum ist, gerade so auch auf das Stadtbild einwirkt, zum Beispiel wenn man hochschaut zum Battert. Die umgebende Landschaft ist ein ganz wichtiges Merkmal, das in eine Pufferzone mit rein muss. Das Kurhaus braucht einen Hintergrund, diese Waldkulisse. Das gehört dazu, aber auch hier ist es so, es muss Schutz bestehen für diese Gebiete. Da wird nicht durch die Ausweisung einer Pufferzone eine neue Schutzkategorie erfunden oder deklariert, sondern es muss Schutz bereits bestehen, um eine solche Pufferzone ausweisen zu können.

goodnews4: Um es mal konkret zu machen – wären in einer Welterbestätte Baden-Baden Bauten wie das Museum Frieder Burda in der Lichtentaler Allee möglich? SWR-Medienzentrum? Neue Siedlung „Wohnen am Tannenhof“ auf dem SWR-Gelände? Umnutzung und Neubau Kino Baden-Baden in der Lichtentaler Straße? Wohnsiedlung Vincentiusgelände?

Volkmar Eidloth: Es ist ja klar, dass solche Fragen kommen mussten. Ich muss vielleicht eines gleich mal vorweg sagen: Man muss das gar nicht vor dem Hintergrund Welterbe diskutieren meiner Meinung nach. Es ist grundsätzlich, Welterbe hin oder her, eine Frage, wo will eine Stadt wie Baden-Baden hin. Nehmen wir den SWR. Da ging es ja vor allen Dingen um die Diskussion eines Hochhauses. Da stellt sich einfach dann die Frage: Braucht Baden-Baden ein Hochhaus, braucht es eine zusätzliche architektonische neue Stadtkrone, hat es nicht genügend historische Wahrzeichen, die die Identität Baden-Badens ausmachen? Das hat für mich mit Weltwerbe zunächst mal gar nichts zu tun, sondern das muss man sich überlegen und abwägen. Und wenn ich das richtig sehe, hat sich das jetzt beim SWR auch insofern gelöst als im Wettbewerb auch deutlich andere Lösungen gefunden wurden. Kein Denkmalpfleger, niemand, wird an der Weiterentwicklung des SWR zweifeln wollen. Er ist wichtig, auch für die Identität dieser Stadt und dann vielleicht sogar auch im Hinblick auf das Welterbe. Das Museum Frieder Burda ist ein Musterbeispiel dafür. Natürlich hat es mit diesem Neubau Verluste gegeben, Eingriffe in die Gartenanlage der Lichtentaler Allee. Da ist natürlich das Gartendenkmal beschädigt worden, aber es ist etwas entstanden von hoher architektonischer Qualität, das die Stadtbaugeschichte und Architekturgeschichte dieser Stadt sehr sinnvoll weiterschreibt und auch unter einem eher immateriellen Gesichtspunkten heute eigentlich schon einen Baustein für einen Welterbeantrag ist, indem man zeigt, hier wird eine hohe international reflektierte Kulturpolitik fortgeschrieben und fortgesetzt.

goodnews4: Wo stehen wir denn jetzt gerade auf dem Weg zum Welterbe in Baden-Baden?

Volkmar Eidloth: Wir stehen im Moment in einer ganz heißen Arbeitsphase. Im kommenden Herbst, im September 2017, soll der Antrag voreingereicht werden. Das heißt, er wird nach Paris an das Welterbezentrum geschickt zu einer technischen und formalen Vorprüfeng ob alle Unterlagen komplett sind und alles so richtig gemacht ist. Wenn das positiv beschieden wird, wovon wir ausgehen, denn wir arbeiten ja ganz hart daran, dann würde er am Anfang des Jahres 2018 offiziell eingereicht. Das ist der Fahrplan im Moment. Dann kommt die Evaluierung durch ICOMOS und hoffentlich dann im Sommer 2019 das positive Urteil des Welterbe-Komitees der UNESCO.

Das Interview führte Nadja Milke für goodnews4.de.

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goodnews4-VIDEO-Interview von Nadja Milke mit Volkmar Eidloth

Mehr über die Welterbe-Bewerbung Baden-Badens: PDF Infobroschüre


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