PFC-Affäre

Drastischer Schritt in der PFC-Affäre - Blutuntersuchungen durch Minister Lucha beauftragt - Bürgerinitiative Kuppenheim soll in Expertengruppe mitwirken

Drastischer Schritt in der PFC-Affäre - Blutuntersuchungen durch Minister Lucha beauftragt - Bürgerinitiative Kuppenheim soll in Expertengruppe mitwirken
Gesundheitsminister Manne Lucha will genauere Informationen über die PFC-Blutkonzentrationen gewinnen. Foto: Dominik Lucha

Baden-Baden, 24.03.2017, 00:00 Uhr, Bericht: Christian Frietsch In einer Erklärung von gestern gab die Landesregierung in Stuttgart eine einigermaßen aufsehenerregende Maßnahme bekannt. Gesundheitsminister Manne Lucha, Grüne, hat am Donnerstag die Erarbeitung eines Studiendesigns für Blutkontrolluntersuchungen und deren anschließende Durchführung in der mit per- und polyfluorierten Chemikalien, PFC, belasteten Region Mittelbaden in Auftrag gegeben.

Ziel der Maßnahme sei es, genauere Informationen über die PFC-Blutkonzentrationen bei Einwohnerinnen und Einwohnern der Region zu gewinnen. Darüber hinaus kündigte Minister Lucha die Einrichtung einer Expertengruppe PFC beim Landesgesundheitsamt an. Neben externen Fachleuten solle darin auch die Bürgerinitiative Kuppenheim mitwirken, die das Thema PFC in der Region seit Jahren zivilgesellschaftlich begleitet. Mit der Umsetzung dieser Maßnahmen werde Lucha zufolge unmittelbar begonnen.

Für die Bürgerinitiative «Sauberes Trinkwasser für Kuppenheim e.V.» ist die deutliche Bewegung der baden-württembergischen Landesregierung als Erfolg für die energische und entschlossene Arbeit der Kuppenheimer zu werten, dies drückte sich auch in der Stellungnahme des Ministeriums aus. Lange erschien das von den Grünen geführte Ministerium eher als zögerlich. Es sei viel Zeit verschenkt worden, aber jetzt zähle vor allem, dass die bislang geleistete Arbeit nicht vergebens gewesen sei, schaut die Kuppenheimer Bürgerinitiative nach vorn.

Auch Bea Böhlen, grüne Abgeordnete des Wahlkreises Baden-Baden, meldete sich zu Wort und macht darauf aufmerksam, dass die Bevölkerung konkret «Gehör finde»


Die Erklärung des Ministeriums für Soziales und Integration im Wortlaut:

Gesundheitsminister Manne Lucha hat am Donnerstag, 23. März, die Erarbeitung eines Studiendesigns für Blutkontrolluntersuchungen und deren anschließende Durchführung in der mit per- und polyfluorierten Chemikalien, PFC, belasteten Region Mittelbaden in Auftrag gegeben. Ziel der Maßnahme ist es, genauere Informationen über die PFC-Blutkonzentrationen bei Einwohnerinnen und Einwohnern der Region zu gewinnen. Darüber hinaus kündigte Lucha die Einrichtung einer Expertengruppe PFC beim Landesgesundheitsamt an. Neben externen Fachleuten soll darin auch die Bürgerinitiative Kuppenheim mitwirken, die das Thema PFC in der Region seit Jahren zivilgesellschaftlich begleitet. Mit der Umsetzung dieser Maßnahmen wird Lucha zufolge unmittelbar begonnen.

Minister Lucha: «Die Landesregierung nimmt die Besorgnis der Menschen in der Region Mittelbaden über mögliche Belastungen sehr ernst. Deshalb gehen wir der Frage, ob die Menschen der betroffenen Region höhere Belastungen aufweisen als Menschen in einer nicht betroffenen Region, jetzt durch wissenschaftlich fundierte Blutkontrolluntersuchungen nach.» Lucha zufolge sollen die Blutuntersuchungen von einem unabhängigen Labor durchgeführt werden.

Sind PFC für Menschen gefährlich?
Inwieweit PFC für Menschen gesundheitsschädlich sind, kann aufgrund der Verschiedenartigkeit der PFC-Verbindungen wissenschaftlich noch nicht abschließend beantwortet werden. Der vom Umweltbundesamt im Jahr 2016 festgelegte Humanbiomonitoring I-Wert, HBM I-Wert, stellt die Grenze dar, bis zu der davon ausgegangen werden kann, dass nicht mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung zu rechnen ist. Eine Überschreitung bedeutet jedoch nicht, dass eine konkrete Gesundheitsgefährdung zu befürchten ist. Dies wäre erst bei einem HBM II-Wert, der höher liegt als der HBM I-Wert, der Fall. Einen solchen HBM II-Grenzwert gibt es derzeit nicht.

Verschiedene Studien deuten jedoch auf einen Zusammenhang von PFC-Belastungen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei Menschen hin. So besteht u.a. der Verdacht, dass einige PFC die Fruchtbarkeit von Frauen und die männliche Spermatogenese negativ beeinflussen können. Es gibt auch Hinweise, dass der Langzeitschutz von Tetanus- und Diphtherieimpfungen abgeschwächt werden könnte. Zudem wurden Wirkungen auf den menschlichen Stoffwechsel bereits bei relativ niedrigen PFC-Belastungen beschrieben.

Blutuntersuchungen der Bürgerinitiative Kuppenheim
Anlass der von Minister Lucha beschlossenen Maßnahmen ist eine Stellungnahme des Landesgesundheitsamts, LGA, zu Blutuntersuchungen der Bürgerinitiative Kuppenheim, die diese in den Jahren 2015 und 2016 durchgeführt hatte. 2015 wurde das Blut von 17 und 2016 das Blut von 13 Einwohnerinnen und Einwohnern der Region Mittelbaden auf die PFC-Verbindung PFOA, Perfluoroktansäure, teilweise noch zusätzlich auf PFOS, Perfluoroktansulfonsäure, untersucht. In seiner Stellungnahme kommt das LGA zu der Schlussfolgerung, dass die PFOS-Belastung der Probanden auf eine «normale» Hintergrundbelastung zurückzuführen ist, während die PFOA-Belastung erhöht ist und auf eine Zusatzbelastung hindeutet.

Der Minister dankte der Bürgerinitiative für ihren Einsatz. «Auch wenn aufgrund der geringen Fallzahlen dieser Blutuntersuchungen statistisch keine sicheren Aussagen getroffen werden können, geben sie doch erste Hinweise auf eine PFC-Zusatzbelastung, denen wir jetzt konsequent nachgehen.» Dem Minister ist es wichtig, die Datenbasis über mögliche PFC-Zusatzbelastungen in der Region Rastatt durch die anstehenden Blutkontrolluntersuchungen auf eine breitere Basis zu stellen.

Ergänzende Informationen:
In Baden-Baden und im Landkreis Rastatt wurden rund 470 Hektar Ackerfläche und infolgedessen teilweise Grundwasser durch PFC-belastete Komposte verunreinigt. Die Bodenkontaminierung führte zu erhöhten PFC-Werten in Trinkwasserproben und in Pflanzen, die auf belasteten Böden angebaut wurden. Das Land hat seit Herbst 2013 Kenntnis von der Verunreinigung. Gemeinsam mit anderen Behörden hat das Land schnell und konsequent gehandelt und mögliche Belastungsquellen über Trinkwasser und andere Lebensmittel abgestellt. An langfristigen Lösungsstrategien zum Umgang mit dem PFC-Schaden wird mit Hochdruck auf verschiedenen Ebenen gearbeitet.

PFC ist die Abkürzung für per- und polyfluorierte Chemikalien. Die bekanntesten Vertreter sind die Perfluoroktansulfonsäure, PFOS, und die Perfluoroktansäure, PFOA. PFC werden seit den 1960iger Jahren wegen ihrer wasser-, schmutz- und fettabweisenden Eigenschaften in vielen Produkten verwendet: beispielsweise in Outdoor- und Arbeitskleidung, in Imprägniermitteln, für Pappbecher und Pappkartons oder bei der Herstellung von Teflon. Die meisten Menschen kommen heutzutage in ihrem Alltag mit PFC in Kontakt, dementsprechend lassen sich die Substanzen im Blut nachweisen.

Antworten auf häufig gestellte Fragen zu PFC und zur PFC-Belastung im Landkreis Rastatt finden Sie auf folgender Seite des Regierungspräsidiums Karlsruhe rp.baden-wuerttemberg.de.


Erklärung der Bürgerinitiative «Sauberes Trinkwasser für Kuppenheim e.V.»:

Vernunft und Verantwortung haben gesiegt − PFC-Bürgerinitiative begrüßt die kommende Blutuntersuchung

Mit übergroßer Freude und Erleichterung reagiert die Bürgerinitiative «Sauberes Trinkwasser für Kuppenheim e.V.» auf die eben erhaltene Pressemitteilung des Sozialministers Manne Lucha Landessozialministeriums, eine Blutkontrolluntersuchung in der vom PFC-Skandal betroffenen Bevölkerung in Auftrag zu geben

»Dafür haben wir in den letzten drei Jahren intensiv geworben und sind gerade in den Behörden auf viel Ablehnung und Unverständnis gestoßen», sagt Andreas Adam, zweiter Vorsitzender des Vereins, der sich eigens gegründet hatte, damit die Folgen des Umweltschadens für die Menschen vor Ort angemessen beurteilt würden, politisch, juristisch und vor allem gesundheitlich.

Aus den zuständigen Verwaltungen habe die Initiative genauso wie die betroffene Bevölkerung allgemein meist die Antwort erhalten, dass im Hinblick auf die PFC-Kontamination zu keinem Zeitpunkt eine Gesundheitsgefährdung bestanden habe und eine Blutuntersuchung nicht zielführend sei.

«Dass beides nicht stimmt, ist nun in den oberen Ebenen der Landespolitik angekommen», sekundiert der erste Vorsitzende Ulrich Schumann, «aber in der Zwischenzeit haben wir oft selbst gar nicht mehr daran geglaubt, dass man unsere Bitten erhört und die Notwendigkeit erkennt, im Sinne der Bevölkerung und auch der Wissenschaft Erkenntnisse zu gewinnen.»

Den notwendigen Nachdruck habe dem Anliegen die Unterstützung durch die regionalen und überregionalen Medien und die stetig wachsende Zahl der Mitglieder und Gleichgesinnten verliehen − und schließlich durch übergeordnete Behörden wie das Umweltbundesamt und das Landesgesundheitsamt; letzteres stand seit einigen Wochen im Austausch mit Andreas Adam und hat vor wenigen Tagen das entscheidende Gutachten erstellt.

Es sei viel Zeit verschenkt worden, aber jetzt zähle vor allem, dass die bislang geleistete Arbeit nicht vergebens gewesen sei. Dass das Sozialministerium die Bürgerinitiative mit ihrem mittlerweile angesammelten Knowhow, einschließlich der in Eigenregie durchgeführten Blutuntersuchungen, in Planung und Durchführung der Kampagne einbeziehen wird, empfindet Schumann als große Anerkennung, und Andreas Adam fügt hinzu: «Das ist ähnlich viel wert wie der Mittelbadische Naturschutzpreis, den wir in der kommenden Woche vom NABU entgegennehmen dürfen.»


Erklärung der Grünen-Landtagsabgeordneten Beate Böhlen und Thomas Hentschel:

Zur Entscheidung des Sozialministers erklärt Thomas Hentschel, grüner Abgeordneter des Wahlkreises Rastatt: «Es ist ein wichtiges Signal, dass sich das Land weiter aktiv um die Aufklärung bei der PFC-Belastung bemüht und hier wichtige Initiativen ergreift. Mit systematischen Blutkontrolluntersuchungen erhalten die Betroffenen vor Ort transparente Informationen über mögliche gesundheitliche Belastungen.»

Bea Böhlen, grüne Abgeordnete des Wahlkreises Baden-Baden: «Es ist wichtig ist, dass der Sozialminister diese Fragestellung zur Chefsache erklärt hat», und führt weiter aus: «Ich begrüße es ausdrücklich auch, dass bei der von Sozial- und Integrationsminister Manne Lucha geplanten Expertengruppe die Bürgerinitiative Kuppenheim beteiligt wird. Das zeigt: Die Anliegen der Bevölkerung finden Gehör.»


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