"NATUR UND KULISSE. Vornehme Parallelgesellschaften im 19. Jahrhundert"

Kühne These zur politischen Bedeutung der Lichtentaler Allee - LA8-Museumsdirektor Matthias Winzen zur neuen Ausstellung - "Das Gebäude ist das wichtige, da sitzt das Herrscherauge"

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goodnews4-VIDEO-Interview von Nadja Milke mit Matthias Winzen und Wolfgang Grenke

Baden-Baden, 22.03.2017, 00:00 Uhr, Bericht: Christian Frietsch Es ist vielleicht das politischste Angebot, das man jemals in einem Baden-Badener Museum zu sehen bekam. Mit den Krisen für Europa und für die Demokratie kommt das LA8 mit seiner neuen Ausstellung und einer spannenden These gerade recht und trifft auf eine steigende Bereitschaft der Menschen, wieder politisch aufmerksamer zu werden. Ausgerechnet die friedliche Lichtentaler Allee steht nun im Mittelpunkt des politischen Diskurses, den LA8-Museumsdirektor Matthias Winzen im goodnews4-VIDEO-Interview entfacht.

«Der friedliche, schöne Landschaftspark, wie der der Lichtentaler Allee, ist natürlich eine sehr politische Angelegenheit, denn er ist eine tolle bürgerliche Erfindung. Alle durften in den Park. Vorher, im barocken Schlossgarten, da waren nur die Höflinge zugelassen.» Matthias Winzen gibt dem politisch interessierten Feingeist einen Kompass mit durch die Lichtentaler Allee, der auch für aktuelle Betrachtungen der Weltlage das Zeug hat, bisher nicht geweckte Inspirationen freizulegen. «Der barocke Palastgarten ist einem ja auch autoritär. Das Gebäude ist das wichtige, da sitzt das Herrscherauge. Gerade Achsen durchpflügen die Natur, alles wird zurechtgestutzt, als wäre es eine Garnison.»

Vielleicht wecken diese Anregungen von Matthias Winzen auch das europäische Selbstbewusstsein, den wieder modern werdenden gröberen Staatslenkern entgegenzureden. Kurzum bei einem philosophisch-politisch motivierten Spaziergang durch die Lichtentaler Allee werden neue Kräfte frei. Für unsere europäische Vision des Zusammenlebens. Am besten davor zur Inspiration ein Besuch im Museum.


Abschrift des goodnews4-VIDEO-Interviews mit Matthias Winzen:

goodnews4: «NATUR UND KULISSE. Vornehme Parallelgesellschaften im 19. Jahrhundert», so der Titel der neuen Ausstellung im Museum LA8. «Vornehme Parallelgesellschaften im 19. Jahrhundert», das klingt wie eine gesellschaftspolitische Dimension. Ist es das?

Matthias Winzen: Der friedliche, schöne Landschaftspark wie der der Lichtentaler Allee, ist natürlich eine sehr politische Angelegenheit, denn er ist eine tolle bürgerliche Erfindung. Alle durften in den Park. Vorher, im barocken Schlossgarten, da waren nur die Höflinge zugelassen. Der barocke Palastgarten ist einem ja auch autoritär. Das Gebäude ist das wichtige, da sitzt das Herrscherauge. Gerade Achsen durchpflügen die Natur, alles wird zurechtgestutzt, als wäre es eine Garnison. Die Pflanzen müssen strammstehen. Und der englische Landschaftsgarten − nach dem Muster entwickelt sich ja die Allee − der lässt die Natur viel freier, das heißt, die Bäume dürfen auch gelb und rot werden, die dürfen welken. Trotzdem ist der englische Landschaftsgarten natürlich auch künstlich und zwar soll er künstlicherweise ganz besonders nach Natur aussehen. Fürst Pückler, der Ahnherr dieser Art von Landschaftspark auf dem europäischen Kontinent, sagt ja auch, dass er so wie Maler mit Pinsel und Farbe die Landschaft herstellt. Er stellt die Landschaft mit Axt und Spaten, beziehungsweise mit Bäumen und Sträuchern, her. Natur wird benutzt, um noch natürlicher künstlich Natur herzustellen. Eine wunderbare Paradoxie.

goodnews4: In was drückt sich die Macht und Gesinnung der Elite aus? Kann uns die Gestaltung der Parks und Gärten darüber auch etwas verraten?

Matthias Winzen: Es ist eine ziemlich vermischte Sache, also natürlich wollen dann, als der Landschaftsgarten wie die Lichtentaler Allee populär wird, und auch sehr stark dazu beiträgt, dass Baden-Baden populär wird im 19. Jahrhundert durch das Sehen und Gesehenwerden auf dieser Bühne und die Bäume und Sträucher sind die Kulisse für diese Bühne. Da geht dann auch Wilhelm l., der spätere Kaiser, spazieren. Der wird 1861 in der Lichtentaler Allee direkt attackiert von einem Attentäter. Das geht ja auch nur, weil er nun tatsächlich, wie alle anderen, durch die Lichtentaler Allee geht. Man zeigt sich, man wird gesehen, man tritt auf, man probiert die neue Kleiderordnung aus und da bilden sich natürlich auch Unterschiede aus. Aber trotzdem ist es der englische Landschaftsgarten, der sich weiterentwickelt zum Landschaftspark europäischer Prägung, der sich weiterentwickelt zur Lichtentaler Allee. Der ist ein ganz tolles Sozialexperiment, eigentlich kann jeder da rein, man setzt sich gemeinsam auf eine Parkbank, knüpft Geschäftsbeziehungen oder Liebesbeziehungen. Das geht alles im Park.

goodnews4: Einheimische, Liebespaare, Erholungsuchende und Glückspieler, Alt- und Neureiche, Mätressen und vornehme Damen, berühmte Maler, einflussreiche Architekten − alle Player der Gesellschaft trafen in den Parks zusammen, so auch hier in der Lichtentaler Allee in Baden-Baden. Gibt es auch eine Botschaft der Ausstellung im LA8?

Matthias Winzen: Ja, die Botschaft ist: Weitermachen. Man muss an so eine tolle Idee, wie einen Landschaftsgarten wirklich anknüpfen. Der Landschaftsgarten schafft es auf einer ganz paradoxen Weise im Grunde genommen Gegensätzliches zu vereiden. Ein Garten ist natürlich auch immer Naturbezwingung, aber Naturbezwingung zum Zwecke der Naturverherrlichung. Das ist eine ganz wunderbare, paradoxe Idee, also wirklich im Kern Versöhnung und wer mit offenen Augen durch den Park geht, wird naturfreundlicher, aber auch menschenfreundlicher. Das ist eigentlich die Botschaft.

goodnews4: Was würden Sie sagen, sind die wichtigsten oder spektakulärsten Exponate der Ausstellung? An welchem Bild und welchem Exponat sollte man auf gar keinen Fall einfach so vorbeischlendern?

Matthias Winzen: Man soll an keinem Exponat vorbeischlendern. Es ist so: Wer durch einen Park verständig geht, geht im Grunde genommen mit derselben Sensibilität durch den Park wie er ein Gemälde anguckt. Man muss einen Park wirklich sehen, auch als eine Komposition. Man braucht so ähnliche Empfindsamkeiten, ähnliches Wissen, um einen Park wirklich schön zu finden, wie man sie braucht, um ein Landschaftsgemälde anzugucken. Das ist ja tatsächlich auch historisch so, dass die Parkgärtner Maler waren, beziehungsweise jemand wie Fürst Pückler Muskau nun tatsächlich auch sagt, er komponiert Landschaft, er lässt große Erdmassen hin und her bewegen, pflanzt ausgewachsene Bäume aus malerischen Gründen vorne und bläuliche Pflanzen, Tannen nach hinten, damit es eine malerische Wirkung gibt. Das heißt, es ist schwer zu sagen, ist die Natur sozusagen ein Vorbild für eine bestimmte Sorte Landschaftsmalerei oder ist eine bestimmte Sorte Landschaftsmalerei Vorbild für Parks. Deshalb nutzt es sich hier, Landschaftsgemälde, zum Beispiel von Schirmer oder Gustav Courbet, in der Ausstellung anzugucken, dann findet man den Park vor unserer Tür noch schöner.

goodnews4: Was ist geblieben in unserer Zeit von der Rolle der vornehmen Parkgesellschaften?

Matthias Winzen: Die große Attraktionskraft. Das Interessante ist ja, dass zum Beispiel Baden-Baden ohne Naturwunder wie Rheinfall von Schaffhausen, ohne altehrwürdige Uni wie Straßburg oder großes Münster wie Freiburg so eine Attraktion ist und darstellt. Schon 1807 stand in Zeitschriften wie toll Baden-Baden ist, dass die Damen hier flanieren, nicht nur mit Offizieren, sondern sie haben dann auch Zierbengel dabei.

goodnews4: Das müssen Sie erklären, das Wort «Zierbengel».

Matthias Winzen: Es gab offensichtlich auch für Damen im 19. Jahrhundert Escort-Service. Also, hier findet alles Mögliche statt. Diese Attraktion, die dann aber auch wirklich russische Dichter, deutsche Musiker wie Clara Schumann, Johannes Brahms, aber eben dann auch grandiose Maler wie Courbet, wie Schirmer nach Baden-Baden zieht. Diese große Anziehungskraft ist geblieben, weil die Leute wollen eigentlich, wenn sie über die Lichtentaler Allee gehen, ein Teil des Gemäldes sein. Sie wollen im Bilde sein. Das heißt diese Fiktionalität, die eigentlich eine künstliche Natürlichkeit hervorbringt, die verstehen auch die Leute, die jetzt meine komplizierten Erklärungen gar nicht nachvollziehen, aber es wird trotzdem erspürt und man will durch diesen Landschaftspark gehen und dann geht es einem hinterher besser.

Das Interview führte Nadja Milke für goodnews4.de.


Abschrift des goodnews4-VIDEO-Interviews mit Wolfgang Grenke:

goodnews4: Wir Baden-Badener sind ja in den Parks und Gärten groß geworden. Schätzen wir das heutzutage vielleicht zu wenig?

Wolfgang Grenke: Ja, vielleicht durchaus. Die Zeit ist halt viel hektischer als früher und eigentlich strahlt ja dieser Park Gelassenheit und Ruhe aus. Vielleicht sollten wir es tatsächlich mehr schätzen und auch mehr nutzen. In dem Sinne, dass wir uns eben auch die Zeit gönnen, einfach Ruhe zu finden.

goodnews4: Wir suchen ja immer nach dem Paradies auf Erden und in Baden-Baden haben wir es mitten in der Stadt. Sollte man vielleicht den Aufenthalt in den heute hektischen Tagen fest im Kalender notieren?

Wolfgang Grenke: Naja, also das Paradies auf Erden, das ist so eine Sache, aber nichtsdestotrotz, dass man gerne in Baden-Baden ist, dass man sich hier wohlfühlen kann, dass man ganz losgelöst von vielen anderen Dingen, die es vielleicht an anderer Stelle auch gibt, etwas Einmaliges erlebt, das finde ich schon ganz toll und deshalb ist es auch immer ein Genuss, das auch aufzunehmen und für sich zu akzeptieren und zu genießen.

goodnews4: Was ist denn Ihr Lieblingsort in der Lichtentaler Allee, abgesehen von der Lichtentaler Allee 8?

Wolfgang Grenke: Ich habe von meinem Büro hier im Haus aus einen wunderschönen Blick die ganze Allee runter in Richtung Süden. Da geht man schon mal ganz gerne auf den Balkon und schaut sich das Ganze an. Wobei ein einzelner Ort ist bei mir nicht so gefragt, aber mal so durchzulaufen, wenn so die ersten Krokusse kommen. Das ist wirklich etwas ganz besonderes.

Das Interview führte Nadja Milke für goodnews4.de.

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