Osterfestspiele 2017

Tosca in Baden-Baden - Sir Simon Rattle wendet sich an Despoten unserer Tage - "Eine Zeit, in der Anführer unserer Welt stolz sind auf ihre Ignoranz"

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goodnews4-VIDEO-Interview von Nadja Milke mit Sir Simon Rattle

Baden-Baden, 23.03.2017, 09:00 Uhr, Bericht: Christian Frietsch Wehe dem, der seine Meinung frei äußert und auf der falschen Seite steht, dem droht Verhaftung, Folter und noch Schlimmeres. Die Rede ist nicht von der Türkei 2017. Die Rede ist von Baden-Baden und der Neuinszenierung von Puccinis Tosca bei den bevorstehenden Osterfestspielen in unserem Festspielhaus. Im goodnews4-VIDEO-Interview wendet sich Sir Simon Rattle an die Despoten unserer Tage:

«Jetzt, wo wir eine Zeit erreicht haben, in der Anführer unserer Welt nicht einfach nur ignorant, sondern stolz auf ihre Ignoranz sind, wird es auch die Geschichte sein müssen, die erzählt wird.» Die Kunst könne uns helfen, Geschichte zu verstehen, sagt der Dirigent der Berliner Philharmoniker im goodnews4-VIDEO-Interview. Aber «wie heldenhaft wir alle sein können, ist eine andere Frage», spielt Sir Simon Rattle auf die entscheidende Kraft der Zivilcourage an.

So wird Tosca bei den Baden-Badener Osterfestspielen wohl nicht nur zu einem rauschenden in sich gekehrten Opernfest, sondern zu einer Aufführung mit viel Potential zur kritischen Auseinandersetzung mit den Ermüdungserscheinungen der Demokratie und den Gründen für die Erfolge der Autokraten. «Tosca kann uns lehren, dass jeder seine Schwächen hat, welche auch immer das sein mögen. Sogar Scarpia hat seine Schwächen. Ich sehe einen großen Zusammenhang zwischen Tosca und dem wunderbaren Film ‘Das Leben der Anderen’. Es geht darum, was man machen kann, wenn man sich unter solch einem Druck befindet, von dem man nie glauben würde, dass er passieren könnte», stellt Sir Simon Rattle einen Zusammenhang her zu unserer Zeit und den Fragen, die sich jeder stellen darf.

Und die Freude an seiner Arbeit und an der Musik kommt dem großen Dirigenten nicht abhanden: «Es die raffinierteste, schönste und phantasievollste Musik aller Opern.»

Das Programm zu den Osterfestspielen 2017: www.festspielhaus.de. Ein goodnews4-VIDEO-Interview mit Festspielhaus-Intendant Andreas Mölich-Zebhauser folgt.


Abschrift des goodnews4-VIDEO-Interviews mit Sir Simon Rattle:

goodnews4: Was ist die große Herausforderung bei Tosca?

Simon Rattle: Es ist ein sehr schwieriges Stück. Die Tatsache, dass die Menschen Stücke oft sehr gut kennen, macht sie nicht gerade einfacher. Das Faszinierende für mich ist − wir verbringen tatsächlich eher Zeit damit, an dem Stück zu arbeiten, als es in einer Inspiration zusammenzuwerfen, was heutzutage natürlich die Norm ist − all diese außergewöhnlichen Details bei all den unterschiedlichen Charakteren zu finden. Und die Art, in der das Stück heute zu uns spricht. Aber das Schwierige ist, dass man all das, was gut ist an dem Traditionellen, nimmt und es damit abwägt, was die Musik-Partitur eigentlich sagt und fragt: Sagen beide das gleiche? Aber das ist eigentlich das Wundervolle an unserem Beruf. Ich habe es noch nie dirigiert, unser Tenor hat es mindestens 150-mal gesungen, aber wir alle lernen viel während des Prozesses.

goodnews4: Die Kunst gab schon immer Antworten auf das Zeitgeschehen. Wie ja auch Tosca. Das Klima, die Flüchtlinge, die Kriege. Haben Sie den Eindruck, dass die Themen in der Kunst schon angekommen sind?

Simon Rattle: Natürlich und sie werden mehr und mehr. Kunst kann uns helfen, Geschichte zu lehren. Viele der Probleme der letzten 20 oder 25 Jahre waren ganz einfach, dass Menschen ihre Geschichte nicht kannten und sie nicht recherchierten. Jetzt, wo wir eine Zeit erreicht haben, in der die Anführer unserer Welt nicht einfach nur ignorant, sondern stolz auf ihre Ignoranz sind, wird es auch die Geschichte sein müssen, die erzählt wird. Und die Kunst spielt dabei natürlich eine Rolle. Wie heldenhaft wir alle sein können, ist eine andere Frage.

goodnews4: Was kann uns Tosca dabei lehren?

Simon Rattle: Tosca kann uns lehren, dass jeder seine Schwächen hat, welche auch immer das sein mögen. Sogar Scarpia hat seine Schwächen. Ich sehe einen großen Zusammenhang zwischen Tosca und den wunderbaren Film «Das Leben der Anderen». Es geht darum, was man machen kann, wenn man sich unter solch einem Druck befindet, vom dem man nie glauben würde, dass er passieren könnte. Besonders für Künstler ist dies ein gutes Lehrstück zum Nachdenken. Und natürlich ist das Stück erstaunenswert und es funktioniert noch immer nach so vielen Jahren wie der außergewöhnlichste Thriller und gleichzeitig ist es die raffinierteste, schönste und phantasievollste Musik aller Opern.

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