Elektronischer Schiedsrichter

Der Videobeweis im Fußball hat sich bewährt – Spektakuläre Innovation bei WM in Katar: Abseits wird erstmals halbautomatisch erkannt

Der Videobeweis im Fußball hat sich bewährt – Spektakuläre Innovation bei WM in Katar: Abseits wird erstmals halbautomatisch erkannt
Ein ausverkauftes Fußballstadion verfolgt jede Entscheidung genau. Foto: Archiv

Baden-Baden, 16.07.2022, Bericht: Redaktion Vor mittlerweile sechs Jahren wurde auch in Deutschland der elektronische Schiedsrichter eingeführt. Doch noch immer sorgt der Videobeweis Woche für Woche für Diskussionen.

Dabei war es eigentlich das Ziel, diese zu beenden. Doch diese Entwicklung ist nicht weiter erstaunlich, denn schon vor dessen Einführung gab es in Deutschland rund 80 Millionen Schiedsrichter.

Das ist auch gut so, denn der Sport ist auch deshalb so beliebt, weil er dazu anregt, seine Meinung in die Diskussion einzubringen. Auch in Deutschland lebt der Fußball von den Emotionen, die er bei seinen Fans hervorruft. Doch Fehlentscheidungen schaden dem Sport grundlegend. Es war daher verständlich, dass sich die Verantwortlichen entschlossen haben, auch im Fußball technische Unterstützung bei der Klärung strittiger Situationen im Spiel hinzuzuziehen.

Im Sport steht zu viel auf dem Spiel

In anderen Sportarten ist dies längst gängige Praxis. In der höchsten Spielklasse des deutschen Fußballs geht es nicht nur um Prestige, sondern auch um viel Geld. Ein einziger Punkt kann darüber entscheiden, ob sich eine Mannschaft, für die finanziell hochattraktiven europäischen Wettbewerbe qualifiziert oder nicht.

Zudem stehen diese stark im Fokus der internationalen Medien. Die zunehmende Bedeutung der Sportwetten und ihrer Anbieter für den Sport macht sich bemerkbar. Unzählige Vereine haben mittlerweile einen Sponsor aus der Branche. Diese wiederum haben großes Interesse an spannenden Spielen und befeuern die Berichterstattung mit eigenen Blogs, Vorschauen und Einschätzungen. In Deutschland ist König Fußball der klare Marktführer. Rund 55 Prozent aller Wetten werden auf das runde Leder abgegeben. Kein Wunder also, dass die Meinung der Buchmacher zählt, wenn es um die Einschätzung eines Favoriten geht.

Aktuell geben die Experten in ihren Fußballwetten sieben Mannschaften die besten Chancen, sich an der Tabellenspitze zu platzieren. So erhält der Titelverteidiger FC Bayern München mit einer Quote von 1,20 (Stand: 12.7.) die beste Möglichkeit, seinen Titel zu verteidigen, doch mit Borussia Dortmund, RB Leipzig, Bayer 04 Leverkusen, TSG 1899 Hoffenheim, Eintracht Frankfurt und Borussia Mönchengladbach lauern insgesamt sechs weitere Teams auf den weiteren Plätzen der Favoritenliste. Für all diese Vereine ist die Qualifikation für die UEFA Champions League oder die UEFA Europa League enorm wichtig, denn sie sichert einen wichtigen Teil ihres Budgets. Fehlentscheidungen könnten diese Chance zunichtemachen. Das ist einer der Gründe, warum der Einsatz des Videobeweises heutzutage so wichtig ist.

 

Die Entscheidungen sind überwiegend korrekt

Fußball regt auf und das im positiven Sinn. Daran ändert auch ein elektronisches System nichts, das am Ende ja doch wieder von Menschen betreut wird. Wenn Zuschauer und Medien vor der Einführung des Videobeweises bei strittigen Szenen unterschiedlicher Meinung waren, werden sie dies auch jetzt und in Zukunft sein.

Wenn Menschen über die Einhaltung von Regeln entscheiden, gibt es immer verschiedene Sichtweisen. Doch die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Der Videobeweis funktioniert in weiten Teilen gut. Die Mehrzahl der Eingriffe war korrekt. Laut dem DFB lag der Prozentsatz der richtigen Entscheidungen im Herbst letzten Jahres bei 96 Prozent. Das ist eine Bilanz, die sich zweifellos sehen lassen kann. Sie zeigt, dass die Entscheidung, die Technik bei kritischen Situationen einzubinden, richtig war. Diese Bilanz kommt wenig überraschend, schließlich funktioniert der elektronische Schiedsrichter auch beim Tennis, Handball, im Eishockey oder beim American Football seit vielen Jahren problemlos.

Mehr Transparenz vonnöten

Der Grund für die immer wieder aufflackernde Kritik am System scheint tiefer zu liegen. Für die Zuschauer ist es nicht immer einfach nachzuvollziehen, warum und wann der Videobeweis eingesetzt wird und wann nicht. Mangelnde Transparenz führt schnell dazu, dass man Entscheidungen nicht vertraut. Grundsätzlich sollte sich die Technik nur bei klaren Fehlentscheidungen einschalten. Doch selbst diese Bewertung ist von außen nicht immer leicht nachzuvollziehen.

Wie man dieses Misstrauen abbauen könnte, zeigte schon die letzte Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Dort stoppte der Schiedsrichter das Spiel und kontrollierte die betreffende Szene selbst am Spielfeldrand. Die fragliche Szene im Spiel wurde für jeden Zuschauer sichtbar gezeigt, so waren alle Entscheidungen klar und transparent. Diese Offenlegung fehlt jedoch im DFB. Eine Änderung würde Verschwörungstheorien sofort den Boden entziehen.

Wenn jeder Fan die fraglichen Szenen und Entscheidungen mit grafischer Unterstützung in Zeitlupe nachprüfen kann, wird die Letztentscheidung des elektronischen Schiedsrichters akzeptieren. Schließlich handelt es sich dabei ohnehin um eine missverständliche Bezeichnung. Schließlich trifft nach wie vor ein Mensch die Entscheidung, die Technik liefert nur die dafür notwendigen Bilder. Die Letztentscheidung trifft ohnehin der Schiedsrichter, er muss dem Vorschlag des Video-Assistenten nicht folgen. Für den Fußball bedeutet der Videobeweis jedoch lediglich den Auftakt zu weiteren technischen Hilfen.

Die nächste technische Revolution kommt

Einen Vorgeschmack erhalten die Zuschauer bereits bei der im November beginnenden Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Diese findet nicht nur erstmals im Herbst statt, sondern möchte auch das ledige Thema Abseits ein für allemal klären. Abseits wird bei dem Turnier laut einem Beschluss der Fußballweltorganisation FIFA erstmals halbautomatisch erkannt. Diese Technologie soll ähnlich klaglos funktionieren, wie jene, die bei der Überschreitung der Torlinie zum Einsatz kommt. Alle Tests sind bisher problemlos verlaufen, nun steht der Härtetest in Katar an. Dabei kommen zwölf Trackingkameras und ein Sensor im Ball zum Einsatz. Gemeinsam erzeugen sie eine 3D-Animation, die innerhalb von fünf Sekunden beim Videoschiedsrichter eintreffen soll. Nach dessen Überprüfung sollen lediglich 25 Sekunden vergehen. Die Animation wird bei dem Turnier auch im Stadion und auch im TV zu sehen sein. Die neue Technik ist das Ergebnis dreijähriger Forschung. Sie stellt die nächste Revolution im internationalen Fußball dar.

Ob und wann die neue Abseits-Technologie auch in den nationalen Ligen zum Einsatz kommt, ist derzeit noch offen. Dies wird sicherlich auch davon abhängen, ob sich Technik bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar bewährt oder nicht. Die FIFA arbeitet jedenfalls bereits an einer günstigen Variante, die es auch finanziell schlechter gestellten Ligen ermöglichen sollen, das neue System zum Einsatz zu bringen. Für den DFB sollte diese Investition kein Problem darstellen. Nachdem man sich in den letzten Jahren vor allem mit der Organisation von Fußballspielen mit Zuschauern beschäftigt hatte, ist nun der Weg frei für neue Projekte. Der Zug in Richtung mehr technische Unterstützung scheint jedenfalls endgültig abgefahren zu sein. Wenn sich die Innovationen bewähren, kann man sicherlich mit weiteren Überraschungen rechnen.


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