Gastkommentar
Am Abend legt der Soldat sich zur Ruhe – Gastkommentar des Baden-Badener Pfarrers Hans-Ulrich Carl

Baden-Baden, 16.06.2022, 00:00 Uhr, Bericht: Redaktion Zum Feiertag gibt der Baden-Badener Pfarrer Hans-Ulrich Carl mit einem Vers Anlass zum Nachdenken. In diesen Tagen des Krieges in der Ukraine schreibt der evangelische Pfarrer über einen Arbeitstag eines Soldaten und das Handwerk des Tötens.
Kann das sein?
Am Abend
legt der Soldat sich zur Ruhe.
10 Stunden – 12 Stunden hat er
das Handwerk des Tötens geübt.
Er ist müde
nach solch harter Arbeit.
Zu Hause hat er
verlässliche Mauern errichtet,
Dächer gedeckt gegen Regen,
Glas in Fensterrahmen gesetzt.
damit seine Freunde behaglich wohnen.
Hier hat er
Raketen geschickt,
die Mauern zertrümmern,
die Dächer abdecken,
die Scheiben zerscherben,
damit die anderen nicht mehr dort wohnen.
Zu Hause hat er
gern mit den Kindern gespielt,
mit Freunden und Nachbarn getrunken,
nach den Mühen des Tages den Schlafmantel angelegt.
Jetzt hat er
Kindergärten und Schulen zerschossen,
Familien und Nachbarn entwurzelt,
den Schlaf der anderen in die Keller verbannt.
Zu Hause hat er
die großen Romane gelesen,
den Gesang der Netrebko im Radio gehört,
im Bett unter der Ikone gelegen.
Jetzt hat er
Bibliotheken unter Feuer gesetzt,
Orchestergräben in Gräber verwandelt,
Ikonostasen mit Schuttstaub geschändet.
Nun ist er müde vom Töten.
Kameraden kommen zur Nachtschicht,
die führen die Operation weiter
für 10 Stunden, 12 Stunden:
niederreißen, zerstören, vernichten.
Einen Orden wird er bekommen, einen speziellen
für unermüdlichen Einsatz.
Tüchtig ist er gewesen,
gut hat er´s gemacht.
Erschöpft legt der tapfre Soldat sich zur Ruhe
und träumt von zu Hause.
Pfarrer Hans-Ulrich Carl, Juni 2022
Zurück zur Startseite und zu den weiteren aktuellen Meldungen.







