Leserbrief

Leserbrief „Meine Meinung“ – Zum Klinikum Mittelbaden – Mut für einen Masterplan „Krankenhaus Baden-Baden 2040“

Baden-Baden, 11.07.2026, Leserbrief In einem Leserbrief an die Redaktion nimmt goodnews4-Leser Dr. med. Mark Lopatecki Stellung zu dem goodnews4-Bericht Baden-Badener AfD- und CDU-Abgeordnete stimmen gegen GKV-Gesetz – Whittaker attackiert Bürger wegen Bürgerentscheid: «Die das Vorhaben torpedieren wollten».

Die aktuelle Diskussion über das Klinikum Mittelbaden leidet an einem grundlegenden Denkfehler. Sie vermischt zwei völlig unterschiedliche Fragen. Erstens: Wie sichern wir den Klinikbetrieb in den kommenden Jahren?
Zweitens: Welches Krankenhaus braucht Baden-Baden unter den Bedingungen der Krankenhausreform überhaupt noch?
Beides sind unterschiedliche Herausforderungen – und beide verlangen unterschiedliche Antworten.

1. Das Klinikum muss wirtschaftlich überleben

Die stetig steigenden Defizite kommen nicht überraschend. Sie sind die Folge eines Geschäftsmodells, das unter den neuen gesetzlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zunehmend an seine Grenzen stößt. Aufgabe der Geschäftsführung wäre es gewesen, diese Entwicklung frühzeitig zu erkennen und das Unternehmen entsprechend auszurichten. Dass dies bislang nicht gelungen ist, zeigen die aktuellen wirtschaftlichen Zahlen.

 

Jetzt ist der Aufsichtsrat gefordert. Er muss unabhängig prüfen lassen, welche Maßnahmen kurzfristig erforderlich sind, um das Klinikum wirtschaftlich zu stabilisieren. Dazu gehört auch die Bereitschaft, externen Sachverstand einzubeziehen oder – falls erforderlich – die Unternehmensführung neu aufzustellen. Sollte sich eine Sanierung außerhalb eines Insolvenzverfahrens als nicht mehr realistisch erweisen, darf auch eine geordnete Sanierung in Eigenverwaltung kein Tabu sein. Entscheidend ist, dass die medizinische Versorgung der Bevölkerung jederzeit gesichert bleibt.

2. Die Krankenhausplanung muss vollständig neu gedacht werden

Noch gravierender ist jedoch die zweite Frage.
Die Planungsgrundlagen für das Zentralklinikum stammen aus dem Jahr 2019 – also aus einer Zeit vor der Krankenhausreform, vor den heutigen finanziellen Belastungen und vor den tiefgreifenden Veränderungen in der medizinischen Versorgung. Wer heute unverändert an diesen Planungen festhält, ignoriert die Realität.

Die Krankenhausreform orientiert sich künftig an Leistungsgruppen statt an Bettenzahlen. Stationäre Behandlungen werden weiter zurückgehen, ambulante Versorgung wird zunehmen, Telemedizin und künstliche Intelligenz werden die Patientenversorgung verändern und gleichzeitig verschärft sich der Fachkräftemangel. Unter diesen Voraussetzungen stellt sich nicht mehr die Frage, wo ein Krankenhaus gebaut werden soll.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr:
Welches Krankenhaus braucht Baden-Baden im Jahr 2040 überhaupt noch? Die Leistungsfähigkeit eines Krankenhauses bemisst sich künftig nicht nach der Zahl seiner Betten, sondern nach der Qualität seiner medizinischen Leistungen, seiner Spezialisierung, der Effizienz seiner Abläufe und seiner digitalen Vernetzung. Deshalb braucht Baden-Baden keinen überarbeiteten Neubauplan nach den Maßstäben von gestern.

Baden-Baden braucht einen Masterplan «Krankenhaus Baden-Baden 2040».

Ein solcher Masterplan muss alle bisherigen Denkverbote hinter sich lassen. Er muss definieren, welche Leistungen künftig stationär erbracht werden, welche ambulant erfolgen können, wie Robotik, künstliche Intelligenz und Telemedizin sinnvoll integriert werden und wie Patientenhotels oder andere moderne Versorgungsformen medizinisch geeignete Patienten nach abgeschlossener Akutbehandlung unterstützen können.

Erst wenn diese medizinischen und wirtschaftlichen Grundlagen feststehen, kann seriös über den optimalen Standort entschieden werden. Die Reihenfolge ist entscheidend: Zuerst das Konzept – dann der Standort. Nicht umgekehrt.

Die Bürgerinnen und Bürger haben Anspruch auf Ehrlichkeit. Sie müssen erfahren, dass sich die Rahmenbedingungen seit dem Bürgerentscheid grundlegend verändert haben. Eine Überprüfung der damaligen Planungen ist deshalb kein Wortbruch, sondern verantwortungsvolle Politik. Wer neue Erkenntnisse ignoriert, handelt nicht konsequent, sondern ideologisch.

Die aktuelle Krise des Klinikums Mittelbaden ist deshalb nicht nur eine Bedrohung. Sie ist möglicherweise die letzte Gelegenheit, die Gesundheitsversorgung der Region zukunftsfähig aufzustellen.

Wer heute den Mut hat, einen Masterplan «Krankenhaus Baden-Baden 2040» zu entwickeln, handelt medizinisch, wirtschaftlich und gesundheitspolitisch verantwortungsvoll.

Wer dagegen Milliardeninvestitionen auf der Grundlage von Planungen aus dem Jahr 2019 fortschreibt, riskiert, dass Baden-Baden kein Krankenhaus der Zukunft baut – sondern den Sanierungsfall von morgen.

Dr. med. Mark Lopatecki
Baden-Baden


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