Gastkommentar
„Berta, das Ei ist hart!“ – Aus der Zeit der 50er Jahre ins Festspielhause gefallen – Gastkommentar von Inga Dönges

Gastkommentar von Inga Dönges
19.10.2026, 00:00 Uhr
Baden-Baden Eine musikalische Lesung nach Loriot, am 17. Oktober 2026 im Festspielhaus Baden-Baden. Die gute alte Zeit des Vicco von Bülow, genannt Loriot, feierte eine Wiederauferstehung.
Es war eine Versammlung von Verehrern des Humors – aus der Zeit der 50er Jahre ins Festspielhause gefallen. Ja, eigentlich sogar eine der Alt-68er. Sie liebten Loriot auf ihre Weise. Man kannte die Pointe – freute sich darauf – klatschte von tiefer innerer Begeisterung ergriffen fast schon Sekunden vor der Pointe. Es war ein Wiedersehen mit alter, aber nicht verstaubter Kunst. Sein Humor ist zeitlos, aber sehr speziell und muss in den sog. Neuen Zeiten mit KI und anderen «Zauberlehrlingen» erhalten werden.
Wer war Loriot, dieses Genie der lockeren und doch ernsthaften Kunst, in deren Pointe man sich – natürlich heimlich – selbst wiedererkannte, der ein Bild der Gesellschaft und ihrer Zeit malte und in Worte übertrug? Er wurde als Vicco von Bülow 1923 in Brandenburg an der Havel geboren und starb 2011 in Ammerland. Der Künstlername Loriot ist das französische Wort für den Vogel Pirol, dem Wappentier der Familie.
Schauspieler, Regisseur (besonders für seine große Liebe: die Musik, also der Oper), Bühnen- und Kostümbildner, Cartoonist – er war ein Universalist auf den großen Feldern der Literatur, Theater, Film und Fernsehen, womit er die Wohnzimmer der Gesellschaft betrat und die Bonner Republik nicht mit dem Degen, sondern mit dem Florett der scharfen Worte begleitete.
Das Programm bot einen Querschnitt aus dem großen Oeuvre Loriots. Im ersten Teil nahm es das Familien- und Eheleben aufs Korn, im zweiten Teil nach der Pause war es das politische Leben seiner Zeit, und man wusste, was man heute so schmerzlich vermisst: das politische Kabarett. Übriggeblieben ist nur noch «Fraktur», jeden Samstag in einer großen deutschen Tageszeitung.
Wie traurig ist heute alles geworden! Aber von der Bühne hinunter ins Publikum wurde das Lachen transportiert, und einen Lacher soll man niemals verachten. Es begann ganz schlicht auf der schmalen Vorbühne, kein Vorhang, man kam einfach hinein. Ein Flügel, ein Garderobenständer, das berühmte Sofa, Tisch, Stühle, Sessel und die drei Protagonisten des Abends.
Der Pianist Dietmar Loeffler betrat die Bühne im Dreiteiler, comme il faut, denn auf Formen legte man bei von Bülows großen Wert. Das Publikum klatschte und er fragte: «Warum klatschen Sie? Ich habe doch noch gar nichts getan.» Der erste Lacher war sein! Und so ging es Schlag auf Schlag weiter. Dietmar Loeffler begleitete das Programm mit Gusto-Stückerln von Beethoven, über Wagner bis zur Operette und reihte so die einzelnen Sketche zu einer Perlenkette. Bei Leon Fleisher zum Konzertpianisten und Liedbegleiter ausgebildet war er der notwendige Dritte im Bunde mit den beiden Schauspielern Christine Sommer und Martin Brambach. Beide gut ausgebildet und fest engagiert im Ensemble großer Bühnen, nun frei und mit ihrem Programm auf Deutschland-Tour.
Man kennt die Sketche, die immer noch die Lachmuskeln strapazieren. Das Jodel-Diplom, das die Hausfrau fürs Leben selbstständig machen soll. Das Ehepaar, sie in der Küche, er im Wohnzimmer auf dem Sofa, und er will nur ruhig sitzen. Sie fragt: «Herrmann, was machst Du?» Seine Antwort: «Nichts.» Beim Frühstück: Das 4 ½ - Minuten-Ei wird nach Gefühl gekocht und kommt deshalb immer gleich hart auf den Tisch. Richard Wagners «Siegfried» führt zu Loriots Hundeliebe. Sein Mops ist das Wichtigste im Leben. Und so weiter! Dem geschätzten Publikum fallen unter Lachen sicher weitere Geschichten ein.
Damit ist das Ziel des Abends erreicht: Loriot vermittelt kritische Freude, man soll beim Lachen nachdenken und findet die Untiefen des heimischen und politischen Lebens. Namen und Parteien dürfen benannt werden – auch vom Frühstückstisch aus. Summa summarum: Ein Stückchen gute alte Zeit, von Loriots Humor getragen. Möge sie erhalten bleiben und nicht am Pisa-Test und seinem vorausgesagten, weiteren Bildungsverlust verloren gehen.
Zurück zur Startseite und zu den weiteren aktuellen Meldungen.







