Gastkommentar
Dieses Konzert war eine Reise in alte Zeiten des Festspielhauses – Yannik Nézet-Séguin und Jan Liesecki spielen sich in die Herzen des Publikums – Gastkommentar von Inga Dönges

Gastkommentar von Inga Dönges
27.04.2026, 00:00 Uhr
Baden-Baden Zwei Kanadier bringen die romantische Musik zum Klingen und so wird Frühling in Baden-Baden. Richard Wagner (1813 – 1883), Felix Mendelssohn-Bartholdy(1809 – 1847) und Robert Schumann (1810 – 1856) stehen auf dem Programm und fordern immenses technisches Können und vor allem (?) Interpretation, die im Grunde Nachschöpfen der Kompositionen und Eintauchen in die Seele des Komponisten bedeutet. Und das ist gelungen!
Basis dafür ist das Rotterdam Philharmonic Orchestra in großer Besetzung. Der Dirigent des heutigen Abends Yannik Nézet-Séguin war von 2008 bis 2018 ihr Chefdirigent und ist heute noch ihr Ehrendirigent. Dese innere Verbindung gibt den Ton an und bringt Wagners «Siegfried Idyll» zum Klingen.
Entstanden 1870 für Kammerorchester aus Fragmenten eines 1864 für Cosima, der Mutter seines Sohnes Siegfried (1869 – 1930) komponierten Weihnachtsständchens. Es war ursprünglich ein Streichquartett für Streicher, Oboe, Flöte, Trompete, zwei Klarinetten, zwei Hörner und Fagott. Danach entstand das dreisätzige Stück, auch nach Motiven der Oper «Siegfried». Ein schlicht reizendes Stück, das für die Bläser viele solistische Möglichkeiten bietet. Sie spielten Wagners Bezeichnung entsprechend: «Tribschener Idyll mit Fidi (Siegfrieds Kosename), Vogelgesang und Sonnenaufgang». Alle Bläser gaben ihre Visitenkarte ab, besonders die Flöte. Ein Lob für alle Bläser, die mit Phrasierung, Trillern und großen Bögen bliesen.
Der romantische Beginn machte dann Platz für den Flügel, der von der Seite her in die Mitte geschoben und verheißungsvoll ganz geöffnet wurde für das Klavierkonzert Nr. 1 g-Moll op. 25 von Felix Mendelssohn-Bartholdy, entstanden 1831.
Im 1. Satz beginnt das Orchester mit kurzer Einleitung, die einem Sturmangriff gleicht, in den sich nach wenigen Takten das Klavier förmlich hineinwirft und die Führung übernimmt, um dann zu einer weichen, kantablen Melodie zu gelangen. Es gibt keine Satzpausen – Fanfaren verbinden die Sätze. Ein kurzes Atemholen für Künstler und Zuhörer. Das ist auch gut, denn die Finger des Pianisten laufen in unvorstellbarer Weise über die Tasten. Wie ein Wunder: Jeder Ton, jede Taste klingen nacheinander und nicht übereinander. Man kann sich die Partitur kaum vorstellen. Beim Lesen wird einem sicher schwarz vor Augen.
Und der Pianist? Er sitzt aufrecht, Arme und Hände in Ruhe vor sich und ist eigentlich doch ein «Teufelskerl» mit seiner Musik. Er ist eins mit dem Orchester und seinem Dirigenten. Und so gelingt dieses Feuerwerk das ganze Stück hindurch. Im 2. Satz brillieren Bratschen und Celli, werden dann wieder vom Flügel übernommen und wie ein Lied ohne Worte vorgetragen. Blechinstrumente kündigen den 3. Satz an. Alle greifen immer wieder auf das Einleitungsmotiv zurück, um dann mit einem prächtigen Orchester-Crescendo zu schließen.
Alle im Saal halten kurz den Atem an, um dann in frenetischen Beifall auszubrechen. Jeder fühlte sicher, dass gerade etwas Außergewöhnliches geschehen war. Man hatte einfach mitgefühlt und ohne Worte verstanden. Sicher jeder für sich, aber doch alle gemeinsam. Als erklatschte Zugabe spielte Jan Lisiecki von Johannes Brahms den Walzer in A-Dur op.39, Nr. 15 und der Beifall schwoll nochmals an.
Man stellte sich die Frage, wer war dieser junge Pianist? 1995 in Calgary geboren, nach der Einwanderung seiner polnischen Eltern nach Kanada. So gehörte Chopin sicher zu seiner Kindheit. Mit fünf Jahren begann er sein Klavierstudium, übersprang mit seiner außerordentlichen Begabung vier Klassen, um im Alter von 19 Jahren sein erstes Orchesterkonzert zu haben. Seine Erscheinung auf der Bühne: ein großgewachsener junger Mann, eins mit seinem Flügel. Seine Haltung drückt die Verbundenheit mit der Musik aus, die er beherrscht und sicher auch liebt, so dass er das Gesamtkunstwerk verkörpert.
Nach der Pause die 1. Symphonie E-Dur, die «Rheinische» op. 97 von Robert Schumann. 5 Sätze uraufgeführt am 6. Februar 1851 in Düsseldorf unter Leitung des Komponisten. Der 1. Satz beginnt ohne Einleitung wie mit einem Paukenschlag und erfüllt die Vorgabe «Lebhaft». Das zweite elegische Thema wird erst später eingeführt. Im 2. Satz überschäumende Lebensfreude. Das Scherzo ist heiter, im Trio gibt es einen langen Orgelpunkt, und die Klarinetten brillieren darüber. Der 3. Satz «feierlich» führt in den mächtigen Dom zu Köln mit einer laufenden Zeremonie und weiter mit rheinischer Stimmung und Fröhlichkeit. In der Coda setzt ein gewaltiger Bläserchor ein und lässt den Satz festlich ausklingen.
Der Beifall ist groß und berührend. Dem Dirigenten gebührt die Palme des Abends. Ohne ihn wären Orchester und Flügel mit seinem in jeder Hinsicht großen Pianisten nicht zustande gekommen. Die Baden-Badener haben Yannik Nézet-Séguin auf dem Weg zu diesem Dirigenten erleben können. Er ist Jahrgang 1975 und strebt sicher dem Höhepunkt seines Dirigenten-Lebens zu. Er dankte seinem Publikum zum Abschluss mit dem Scherzo aus Mendelssohns-Bartholdys «Sommernachtstraum» und reiht sich bei den Instrumentengruppen seines Orchesters mit Lob ein. Also Musiker, die sich gegenseitig schätzen und entsprechend famos spielen.
Dieses Konzert am 25. April 2026 war eine Reise in alte Zeiten des Festspielhauses. Was wäre der Wunsch für die Zukunft? Weiter so: ein Ambiente entwickeln, die Kultur erhalten und ihr Form und Inhalt geben. Und mit Platon dem Guten, Schönen und Wahren seinen Platz geben und erhalten.
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