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Ein Gedicht zum Wochenende – „Ich ließ meinen Engel lange nicht los“ von Rainer Maria Rilke

Ein Gedicht zum Wochenende – „Ich ließ meinen Engel lange nicht los“ von Rainer Maria Rilke
Der Engel des Fürstenbergdenkmals im Herrengut in Baden-Baden. Foto: Archiv

Baden-Baden, 07.10.2023, Bericht: Redaktion Diese kleine goodnews4-Serie hilft vielleicht zu erkennen, dass nichts so flüchtig ist wie die tägliche Nachricht.

Ein kleines Gedicht zur Inspiration, vielleicht auch zum Sinnieren und gelegentlich auch zum Schmunzeln. Ausgesucht von Christian Frietsch.

«Ich ließ meinen Engel lange nicht los»

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.
Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, -
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt …
Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht,
kann er frei seine Flügel entfalten
und die Stille der Sterne durchspalten, –
denn er muss meiner einsamen Nacht
nicht mehr die ängstlichen Hände halten –
seit mich mein Engel nicht mehr bewacht.

Rainer Maria Rilke

Österreichischer Lyriker

Geboren: 4. Dezember 1875, Prag, Tschechien
Gestorben: 29. Dezember 1926, Montreux, Schweiz




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