Gastkommentar

Eine unglaubliche Liebesgeschichte im Festspielhaus – Gibt es im wohlhabenden Baden-Baden, der Stadt der Millionäre, keinen Bedarf für große Kunst? – Gastkommentar von Inga Dönges

Eine unglaubliche Liebesgeschichte im Festspielhaus – Gibt es im wohlhabenden Baden-Baden, der Stadt der Millionäre, keinen Bedarf für große Kunst? – Gastkommentar von Inga Dönges
Foto: Archiv

Bild Inga Dönges Gastkommentar von Inga Dönges
15.06.2026, 00:00 Uhr



Baden-Baden Eine unglaubliche Liebesgeschichte am Samstag, dem 13.Juni 2026, im Festspielhaus. Klaus Florian Vogt wandert, singt und führt in die Welt der Romantik.

Die Geschichte schrieb Wilhelm Müller mit dem Hinweis «im Winter zu lesen». Wer war dieser Wilhelm Müller mit der Namensgleichheit zu seinen «dramatis personae»? Geboren 1794 in Dessau als Sohn eines Handwerkers ging er 1812 nach Berlin und geriet dort in den Sog der «Freiheitskriege», dem Aufstand in Preußen gegen die französische Besatzung. 1814 entstanden die ersten Lieder des Zyklus «Die schöne Müllerin». Zurück in Dessau nahm er die Stelle eines «Gehülfslehrers» an und arbeitete journalistisch. Noch nicht 33 Jahre alt, starb er 1827 an einem Schlaganfall.

Heinrich Heine schrieb dem Freund, dass er keinen Liederdichter außer Goethe so sehr liebe wie ihn. Die liedhafte Lyrik der Romantik wurde bei ihm zum schlichten, naturverbundenen Liederzyklus. Und so muss Franz Schubert (1797–1828) die Idee zur Vertonung gefunden haben. Mit beiden Rahmenstücken umfasste der Zyklus 25 Gedichte. Schubert entfernte Prolog und Epilog und drei weitere Gedichte, die nichts Wesentliches zum Geschehen beitragen. Der Müllerbursche setzt sich Wandern zum Ziel, das Wasser «hat nicht Rast bei Tag und Nacht». So auch diese Lieder ohne Pause.

 

Klaus Florian Vogt singt, und er ist der Müllerbursche, der in Liebe entbrannt ist zur schönen Müllerstochter. Fröhlich singt er «Das Wandern ist des Müllers Lust». Die Stimme leicht und frei, er tippt den Text nur an, mäßig geschwind, in B-Dur, mit leichtem Wanderschritt, hört das Rauschen des Wassers, das Rollen der Räder und Steine, rhythmisch nachgebildet.

Er singt sich ein, seine Tessitura ist immens, die Höhe klar und vibratoarm. Also gibt es kein Anschleifen zu den hohen Tönen, man hört keinen Registerwechsel. Messa di Voce, Phrasierung und wechselnde Stimmfarben sind selbstverständlich und vollenden seine ganze Persönlichkeit auf der Bühne. So steht nun Klaus Florian Vogt auf der kleinen Bühne, groß gewachsen, und man könnte sich Überragendes auf der Opernbühne vorstellen. Er nimmt mit seiner Stellung und Ausstrahlung den Hörer mit auf die Reise des Müllers den Bach entlang. Die Diktion ist klar und verständlich, auch keine Superbetonung der Endkonsonanten. Es wirkt alles so einfach und klar.

Er führt weiter auf der Reise den Bach entlang bis zum bitteren Ende. Das fließende Wasser zieht ihn in seinen Bann (Wohin?). «Eine Mühle seh‘ ich blinken» und die Danksagung an den Bach, etwas langsam in G-Dur, danach das Umschlagen in Moll, was sich häufiger weiter durch die Lieder zieht, wenn es dem Ende zugeht. Als Zuhörer kann man nur rückhaltlos bewundern. Alle Worte setzt Schubert meisterhaft in Noten um. Es gibt keine interpretatorische Willkür, der Sänger ordnet hier seine Kunst ganz Schuberts Musik und Welt unter.

«Das Wandern ist des Müllers Lust» ist kein Anfang mit markigem Effekt, sondern eine schlichte Erzählung und führt viel später in den Abgrund. Müller, Schubert, das Ensemble Acht und Klaus Florian Vogt schöpfen gemeinsam diese tragische Liebesgeschichte nach. Es ist unmöglich, die Fülle der ausdrucksvollen Einzelheiten zu beschreiben. Es erzählt uns dieser Müller, der sich immer weiter in seiner Liebesgeschichte verstrickt. Die «Pause» wird heute gesungen. «Sag Bächlein, liebt sie mich?»

«Ungeduld» ist hier nicht der Reißer, den jedes Wunschkonzert bringt. «Dein ist mein ganzes Herz und soll es ewig bleiben.» Klaus Florian Vogt singt es mit Aplomb wie auf der Opernbühne, und man hört, dass ihm der Wagner-Gesang nicht schlecht getan hat. Im Gegenteil: er sang mit voller, aber leichter Stimme und war ein verliebter Müller, der danach in den Tod ging. So hat ein Tenor die Lyrik im Liedgesang mit der Opernbühne verbunden. Ein gewiss sehr seltenes Phänomen, das auch mit Belcanto-Gesang verquickt ist.

Schubert hat selbst eine Fassung für Kammerensemble geschrieben. Das Ensemble Acht ist ein Oktett und hat für Schubert besondere Sympathie. Drei Blasinstrumente Klarinette, Fagott und Horn mit einem Streichquartettplus Kontrabass. Andreas N. Tarkmann hat es eingerichtet. Dem sonst üblichen Klavier als Liedbegleiter ist so eine famose musikalische Alternative entstanden. Die Bläser lassen den Klavierpart erahnen.

Irgendwie ist die Summe der Instrumente auf dem Weg zur großen Bühne. Dazu ein Tenor, der ein großer Opernsänger ist und schon mit seiner Erscheinung die leere Bühne füllt. Das ist nun hier in Baden-Baden eine betrübliche Geschichte. Die Karten für «Die schöne Müllerin» ließen sich nicht ausreichend für das große Haus verkaufen. So wurde das Publikum auf die Bühne verpflanzt – 18 Reihen á 10 Plätze waren dann besetzt und ergaben durch die Musiker eine Hauskonzert-Atmosphäre. Da stimmt doch etwas nicht! Gibt es im wohlhabenden Baden-Baden, der Stadt der Millionäre, keinen Bedarf für große Kunst?

Der frühere Intendant Andreas Mölich-Zebhauser, dem sein Haus und die Kultur am Herzen lag, hatte einem «on dit» zufolge Geld und Plan für einen Kammermusiksaal. Liegt hier wohl etwas im Argen? So wurde z.B. für diesen Abend kein Pressefoto zur Verfügung gestellt.

Hier und heute erklatschte sich das Publikum eine Zugabe. Der Wunsch wurde erhört. Man sollte nicht traurig nach Hause gehen. Da capo! «Dein ist mein ganzes Herz und soll es ewig bleiben». Noch einmal großer Beifall auf kleiner Bühne. Wird es so bleiben oder geht das Herz für die Musik wie das Ende des Müllerburschen die Oos runter? Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.




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