Aus dem Rathaus Baden-Baden
„Große aber auch schon dekadente Zeit“ – Komponisten und Künstler in Baden-Baden

Baden-Baden, 19.09.2020, Bericht: Rathaus Die «Great Spas of Europe», eine Gruppe von elf bedeutenden Kurstädten aus sieben europäischen Ländern, haben im Januar 2019 ihre Bewerbung als UNESCO-Welterbe eingereicht.
Das Land Baden-Württemberg und die Stadt Baden-Baden erwarten gemeinsam mit den übrigen zehn Städten nun voller Spannung die Entscheidung des Welterbekomitees, die Corona-bedingt verschoben werden musste. Die Stadt Baden-Baden veröffentlicht in Kooperation mit den Institutionen der beteiligten Autorinnen und Autoren eine Artikelserie zu den «Great Spas of Europe». In dieser Woche nimmt Sie Udo Barth, Mitarbeiter der Stadtbibliothek, mit auf eine Reise in die Baden-Badener Künstlersalons des 19. Jahrhunderts. Die gesamte Serie finden Interessierte unter www.baden-baden.de/unescowelterbe.
Es gibt kaum bedeutende Komponisten des 19. Jahrhunderts, für die sich keine Verbindung zu Baden-Baden herstellen lässt. Dass dabei die Franzosen eine große Rolle spielen, erklärt sich schon aus der Tatsache, dass die Stadt an der Oos vor allem auch für die westlichen Nachbarn zur Lieblingsdestination ihrer Aufenthalte wurde. Seinen Ruhm und seinen endgültigen Aufstieg zur Sommerhauptstadt Europas verdankt Baden-Baden aber vor allem den Pariser Geldmagnaten Jacques Bénazet und dessen Sohn Edouard.
Als Spielbankpächter dirigierten sie von 1838 bis 1867 die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt und prägten ihr architektonisches Aussehen. Die Stadt und deren repräsentativen Gebäude waren zum internationalen Treffpunkt aufgestiegen, wo man auf musikalische Genüsse keinesfalls verzichten wollte. Dazu trug schon das damals klein besetzte Orchester bei, das als Vorläufer der heutigen Baden-Badener Philharmonie gelten mag und bedeutende Solisten wie Franz Liszt zu begleiten hatte.
Seit 1857 der Böhme Miloslaw Koennemann den Dirigentenstab übernahm, nahm der Klangkörper rasante Fahrt auf. Mit seiner sinfonischen Dichtung «Fremersberg» schuf Koennemann eine liebevolle Hommage an seinen Wirkungsort. Kein im damaligen Konzertbetrieb namhafter Komponist ließ es sich nehmen, seine Visitenkarte in dem Modebad abzugeben. Dazu zählen der Kontrabass-Virtuose Giovanni Bottesini und nicht zuletzt der Wiener Walzerkönig Johann Strauss, der mehrmals im neu erbauten, von Friedrich Weinbrenner konzipierten Maison de Conversation, dem heutigen Kurhaus, sein Publikum zu Begeisterungsstürmen hinriss.
«Es strömen Pianisten, Violinisten, Sänger und Komponisten aus allen Winkeln der Erde dahin, angelockt durch die Schönheit der Gegend, die elegante Gesellschaft, welche man dort antrifft, und noch mehr durch die außerordentliche Freigebigkeit des Spieldirektors Bénazet; und alle rufen: 'Nach Baden! Nach Baden! Es ist jetzt die Saison!'» Die elegante Welt lechzte geradezu nach einem neuen Theater, und Bénazet reagierte darauf mit dem Auftrag, eine neue Spielstätte zu errichten. Eingeweiht wurde die bis heute erfolgreiche dramatische Bühne 1862 mit der Uraufführung von «Béatrice et Bénédict», einer Bearbeitung von Shakespeares «Viel Lärm um Nichts». Hector Berlioz hatte dazu den Auftrag erhalten und genial in ein musikalisches Drama gepackt.
Als dann in Folge Jaques Offenbach 1869 nach Baden-Baden reiste, erreichte die Gästezahl die imposante Marke von 60.000. Die schönste Blüte dieser feinen aber auch schon etwas dekadenten Kultur der Baden-Badener Zeit ist die am 31. Juli 1869 im hiesigen Theater uraufgeführte «La Princesse de Trébizonde». Ein paar Jahre zuvor notierte Clara Schumann, die sich in den Sommermonaten mit ihren Kindern in Baden-Baden erholte: «Hier in Baden hätte ich die schöne Natur und auch künstlerischen Verkehr, denn Alles kommt ja hierher.» Johannes Brahms war nicht weit, wenn seine Seelenfreundin in Lichtental weilte. «Manche glückliche Stunde habe ich da verlebt und manche hübschen Noten geschrieben, traurig und lustig», meinte der Komponist rückblickend auf die Ergebnisse seiner Besuche in Baden. Im Tal an der Oos, vor allem im heutigen Brahms-Haus, entstanden wertvolle Werke unterschiedlichster Gattungen, so das Klavierquintett op. 34, das Horntrio op. 40 oder die Altrhapsodie op. 53. In dieser für ihn angenehmen Umgebung gelang es ihm auch, große Kompositionen ihrer Vollendung zuzuführen, so sein «Deutsches Requiem» und die beiden ersten Sinfonien.
Pauline Viardot, die mit Clara Schumann befreundet war, trug ebenfalls zum internationalen Renommee Baden-Badens bei. Als sie 1863 ihren Lebensmittelpunkt hierher verlegte, hatte sie eine aufregende Opernkarriere hinter sich. Sie war eine der faszinierendsten, vielseitigsten und einflussreichsten Musikerinnen des 19. Jahrhunderts. Und schuf mit ihrem Salon im Tiergarten, der heutigen Fremersbergstraße einen Hotspot der damaligen Szene aus Adel und Kunst. Heute wird die Tradition Baden-Badens als bedeutende Musikstadt fortgeführt durch das Festspielhaus, die Philharmonie und das Baldreit-Stipendium.
Auch die Maler wurden Teil des Erfolgs der Kurstadt, indem sie das Renommee des Ortes mitbestimmen. Den Landschaftern bot die Stadt mit ihrer Umgebung reichlich Material zu künstlerischem Tun, die von den Baumeistern Heinrich Hübsch und Friedrich Weinbrenner geschaffenen Gebäude trugen das ihre dazu bei, Baden-Baden auf die Leinwand zu bannen. So verbrachte der frisch gekürte Karlsruher Akademiedirektor Johann Wilhelm Schirmer 1855 seinen ersten Urlaub in Baden-Baden. Frucht seiner Streifzüge um das Kloster Lichtenthal bilden fünf Landschaftsgemälde, deren Entwürfe hier entstanden sind. Schon im Jahr 1810 hielt Carl Ludwig Frommel, der Direktor der Großherzoglichen Gemäldegalerie, den Blick von der Allee auf Baden-Baden in einer kolorierten Radierung fest. Ganze Scharen von badischen Hofmalern eilten an die Oos, um dort das Ineinanderwirken von inspirierender Natur und emsigen Umtrieb der Eleganz bildnerisch festzuhalten.
Manche hielt es länger an diesem Ort der Inspiration, so Georg Otto Eduard Saal, der ab 1852 sein Atelier in der Lichtentaler Allee einrichtete. Dort entstanden zahlreiche Ansichten aus der näheren Umgebung und dem Schwarzwald, der geradezu verlockte, auf die Leinwand gebannt zu werden. Jakob Götzenberger, auch er badischer Hofmaler, erhielt den Auftrag zur Ausmalung der Trinkhalle mit Fresken, die Sagen der näheren Umgebung darstellen. So komponierte er die Nixen des Mummelsees zu einer anmutigen Figurengruppe, die den Gästen der Kurstadt die Freuden des Badens demonstriert. In die Sommerhauptstadt Europas des 19. Jahrhunderts zog es aber auch international bedeutende Künstler, so Gustave Courbet. In Baden-Baden skizzierte Courbet Architekturmotive, Landschaften, Porträts, alte Kunst, Tierstudien und Karikaturen en masse. Franz Xaver Winterhalter, der umtriebige Erschaffer von Portraits der adligen Elite des 19. Jahrhunderts, bezog in Baden-Baden zeitweise ein eigenes Atelier.
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