Gastkommentar

Große Kunst im Festspielhaus Baden-Baden – Publikum erklatschte am Samstag zwei Zugaben – Chouchane Siranossian darf man eine Teufelsgeigerin nennen! – Gastkommentar von Inga Dönges

Große Kunst im Festspielhaus Baden-Baden – Publikum erklatschte am Samstag zwei Zugaben – Chouchane Siranossian darf man eine Teufelsgeigerin nennen! – Gastkommentar von Inga Dönges
Foto: Michael Gregonowits

Bild Inga Dönges Gastkommentar von Inga Dönges
02.03.2026, 00:00 Uhr



Baden-Baden Ein Konzertabend, der beschwingt und mit seiner Leichtigkeit beeindruckt. Es spielt ein Orchester im Stehen auf der Bühne, umringt das Cembalo und seinen Meister und Dirigenten. Alle Musiker sind Streicher, blicken einander immer wieder mit einem Lächeln an, das Lob für die individuelle Leistung und Einverständnis miteinander bedeutet. Sie spielen auf einem Atem und großem Verständnis für – und miteinander.

Dem Zuhörer kommt der Verdacht, dass es große Kunst ist, was er hört und sieht. Keine historische Informiertheit und ähnlich Dröges werden deklamiert. Es ist einfach eine Einheit von Partituren, Streichern und ihrem Dirigenten, dem Cembalisten. Andrea Marcon spielt im Stehen, seine Finger gleiten von alleine über die Tastatur und hacken eigentlich den Takt sowie die Streicher mit ihren Instrumenten sich dazu quasi wie im Takt wiegen., als seien sie ihr eigenes Metronom. Das hier ist Kunst und nicht künstliche Intelligenz, eben nur ein hergeleitetes Adjektiv. Den Algorithmus dieser Kunst kann man nicht mit Worten erklären. Er ist einfach da und umfängt Spieler und Zuhörer.

 

Nun das erste einleitende Werk, das Concerto grosso op 6I1 in G-Dur für Streicher und Continuo von Georg Friedrich Händel (1685 – 1759). Es weicht vom Concerto-grosso-Typus ab. Sie stellen ein Concertino einem Tutti gegenüber, halten sich aber nicht an die üblichen drei Sätze. Sie verbinden Suiten und Konzertform und behalten den Titel «Große Konzerte». 1739 komponiert und 1740 aufgeführt hat dieses Concerto 5 Sätze und hat eine vielfältige Stimmung. Streichermelodien halten alle Sätze bewegt und freundlich. Händel komponierte das Concertino für 2 Sologeigen und einem Solovioloncello. Giacomo Montana, Mauro Spinazzè und Massimo Raccanelli spielen alles festlich, lebensbejahend und lebensfroh. Händel wendet sich mit seiner Musik an ein großes Publikum, an die Musiklaien. Die Themen sind einprägsam kurz, oft sogar nur 1-taktisch. Fugati sind meist nur 2-stimmig, führen eben nicht alle Stimmen durch. Der ungeschulte Zuhörer kann quasi mitsingen. Man kann sich ihrer Wirkung kaum entziehen. Das erste Konzert in G-Dur beginnt mit einem kräftigen Tutti-Thema. Die Bögen der Streicher fliegen förmlich wie ein Ballett. Ihm gegenüber stehen drei Soloinstrumente. Das Allegro führt kraftvoll zum Adagio, alle Instrumente sind für den Zuschauer im Einsatz zu sehen. Die Fuge führt zum Abschluss der Suite im beschwingten 6/8 Takt zum Tanz.

War Händel etwa leichtfüßig, wie seine ausführenden Musiker wirken? Wohl nicht. Er hat ein so großes Oeuvre hinterlassen, seinem Leben und seinem humanistischen Denken als Europäer geschuldet. Seine Vita gibt Zeugnis darüber. 1865 in Halle an der Saale geboren, wurde er 1702 zum Organisten der calvinistischen Domkirche ernannt, obwohl er Lutheraner war. Danach Hofkomponist beim Kurfürsten von Hannover, 1710 ging er nach London. König Georg I. verlieh ihm das englische Bürgerrecht. Seine Operntätigkeit fiel dem Geschmackswechsel des Publikums zum Opfer, das sich von der italienischen Oper abwandte. 1737 erlitt er einen Schlaganfall und lähmte seine rechte Seite, wovon er sich aber wieder erholte. Dem Geschmack der Zeit folgend komponierte er Oratorien. Er erblindete und konnte nicht mehr arbeiten. 1759 starb er in London und wurde in Westminster Abbey beigesetzt.

Bild Festspielhaus Baden-Baden

Foto: Michael Gregonowits

Das Programm nimmt seinen Lauf weiter mit Antonio Vivaldi (1678 – 1741). In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts klingt das Barock aus und mündete in die Gedankenwelt des Rokoko. Das «Venice Baroque Orchestra» bleibt seinem Namen treu und spielt sich weiter in die neuen Zeiten. 1678 in Venedig geboren, wurde Antonio Vivaldi für die Priesterlaufbahn bestimmt. 1703 geweiht, aber krankheitshalber von allen Amtspflichten befreit. Er wurde zum Chor- und Orchesterdirigenten bestellt. Auf Einladung von Kaiser Karl VI. lebte er häufig in Wien, wo er 1741 völlig verarmt starb und in einem Armengrab beerdigt wurde. Seine Hauptwerke waren und blieben die Violinkonzerte, deren strahlende Allegro-Sätze festliche Heiterkeit und dramatische Spannung vermitteln. So blieben die Mittelsätze oft im Gondelrhythmus mit Serenaden-Pizzikati. Es war Programm-Musik für Streicher. Das bekannte Gesamtwerk Antonio Vivaldis betrug etwa 770 Kompositionen. Er war selbst der größte Violin-Virtuose seiner Zeit. Seine persönliche Form des Konzertes war das dreiteilige Schema «Allegro, Adagio, Allegro» und das ausgewogene Verhältnis der beiden Ecksätze zueinander. Soli und Tutti werden gegeneinander aufgebaut, im mittleren, langsamen Satz hingegen beschränkte er sich auf lockere Streicherbegleitung.

So liebte das Publikum die Streicher und das Konzert für 2 Celli g-Moll. Massim Raccanelli und Federico Immesi waren die Solisten und boten ein Meisterwerk ihres Fachs. Hartes Staccato verband sich doch im leichten Legato. Ihre Celli taten alle Kunststücke, die ihnen abverlangt wurden. Dasselbe im folgenden Concerto für Streicher in g-Moll. Ein Feuerwerk an Technik. Die Violinen können ihre Technik durch vielerlei Spielfiguren und Stricharten erweitern und so den Tonumfang bis zur 12. Lage ausbauen. Sie genossen den Vorrang und so betritt die Geigerin Chouchane Siranossian die Bühne in einem stahlblauen langen tief dekolletierten Kleid. Sie ist Jahrgang 1984, in Lyon geboren, Tochter armenischer Eltern, mit 15 Jahren bereits Studium und Ausbildung bei großen Lehrern, Konzertmeisterin und Solistin. Sie spielt eine Barock-Violine aus der Werkstatt Gagliano und eine Violine von Guadagnini. Was man dann hört, ist eine unglaubliche Technik, eine Raserei auf den Saiten, als würde sie beide Instrumente zugleich spielen. Paganini war der Teufelsgeiger – sie darf man eine Teufelsgeigerin nennen! Schließlich passt ihre äußere Erscheinung dazu- eben als Armenierin. Sie spielt das Concerto für Violine D-Dur «Il grosso Mogul».

Diese Virtuosität setzt sich nach der Pause fort. «Die vier Jahreszeiten», vier Violinkonzerte mit programmatischer Schilderung der Jahreszeiten, erschienen 1625. Jedem Konzert ist ein erläuterndes Sonett eines unbekannten Dichters beigegeben: «Der Frühling ist gekommen.» Das erste Solo tragen drei Violinen vor mit Triller und Staccati schildert es den Vogelgesang. Dann das Murmeln des Wassers. Ein Gewitter steigt auf, ein Tremolo lässt den Donner grollen, Dreiklangfiguren beschwören den Blitz. Und so geht es fort für Sommer, Herbst und Winter. Heftige Klangflächen münden in den Schluss. So erlebt und hört man ein großes Klanggemälde von den Streichern fulminant umgesetzt. Es gab nichts, was es nicht gab. Eben große Kunst. Das sachverständige Publikum jeden Alters war begeistert und erklatschte zwei Zugaben – einmal die Solistin mit wahrlich abenteuerlichen Griffen auf ihrer Geige und einmal ein Tutti-Orchester.

Man ging beschwingt in den Frühlingsbeginn, ließ doch der «Frühling sein blaues Band flattern».




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