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HEUTE GENAU VOR EINEM JAHR: Andreas Mölich-Zebhauser sagt bye-bye – Claudio Abbado und Wolfgang Schäuble in einem Atemzug – "Baden-Baden hat einen riesen Charme durch seine Wurzeln"

Baden-Baden, 29.06.2020, Bericht: Redaktion Was war heute vor einem Jahr? Die Schnelligkeit mit der das Leben vergeht ist eine Erfahrung, die man gleich nach den Kindertagen macht. «Ach ja, das schon wieder ein ganzes Jahr her», werden Sie vielleicht sagen, wenn Sie diesen Bericht lesen, den wir vor genau einem Jahr als Aufmacher veröffentlicht haben. Viel Spaß bei dieser ganz kleinen Zeitreise.



Andreas Mölich-Zebhauser sagt bye-bye − Claudio Abbado und Wolfgang Schäuble in einem Atemzug − "Baden-Baden hat einen riesen Charme durch seine Wurzeln"

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goodnews4-VIDEO-Interview von Nadja Milke mit Andreas Mölich-Zebhauser

Baden-Baden, 29.06.2019, 00:00 Uhr, Bericht: Christian Frietsch «Ich weiß ja gar nicht richtig, was der erste festspielhausfreie Tag ist, weil ich eigentlich übermorgen nicht mehr Intendant bin», ist Andreas Mölich-Zebhauser im goodnews4-VIDEO-Interview wohl noch nicht abgelenkt von Wehmut und Irritation, was ihn zweifellos noch befallen wird. Er sei «noch geduldet», seine «letzte Saison zu Ende zu führen». Der erste wirklich freie Tag sei der 15. Juli «und an dem Tag werde ich erstmal durchschnaufen und dann werde ich weiter packen für den Umzug nach München».

Bei der Frage welche Begegnungen ihn am meisten beeindruckt haben, nennt er nur zwei Namen. «Ich sage mal eine ganz komische Reihenfolge – dass ich Claudio Abbado gewinnen konnte, den großen italienischen Dirigenten, seine letzten Opern hier zu machen. Beeindruckend für mich war, dass Wolfgang Schäuble mein Freundeskreisvorsitzender wurde und das bis zum heutigen Tage ist.» Beeindruckt konnte man auch sein von Andreas Mölich-Zebhauser.

Nicht nur wegen seiner Arbeit als Chef eines der seltenen Festspielhaus-Start-Ups. Menschliche Größe und Format zeigte er beim Tod von Ermano Sens-Grosholz, dem Ideengeber und ersten großen Mäzen des Festspielhauses. Während das Baden-Badener Rathaus, begleitet von Ex-Oberbürgermeister Ulrich Wendt an der Spitze, versuchte, die Geschichte der Entstehung des Festspielhauses zu ihren Gunsten umzuschreiben und um unverdienten Ruhm und Ehre balgte, sandte «AMZ» als einziger Offizieller Baden-Badens einen Kranz zur Gedenkfeier für Ermano Sens-Grosholz in die Baden-Badener Stiftskirche. goodnews4.de berichtete.

Auch für die derzeit vielleicht etwas provinziellen Baden-Badener Werbestrategen hinterlässt Andreas Mölich-Zebhauser eine Empfehlung: «Baden-Baden hat einen riesigen Charme durch seine Wurzeln, die man durch den Asphalt spürt – und zwar die ganz alten Wurzeln und vor allem natürlich die aus dem 18. Jahrhundert. Also ich würde das alles nicht so kurzatmig anschauen und sagen: ‘Da müssen wir jetzt nur klick machen und dann geht es noch eine Stufe höher.’ Also es geht fast nicht höher. Jetzt sollen mal die nächsten Hotels noch fertig werden, aber dann ist die Stadt auch fertiggeputzt und kann die Arme ausbreiten und sagen: ‘Ihr Kinderlein kommet.’ Bye-bye und vielen Dank, AMZ. Der hoffentlich nicht so schnell vergessen sein wird wie der selige Ermano Sens-Grosholz.


Abschrift des goodnews4-VIDEO-Interviews mit Andreas Mölich-Zebhauser:

goodnews4: Andreas Mölich-Zebhauser, wenn Sie zurückblicken auf die letzten 20, 21 Jahre, war es denn eine komische Oper oder eine tragische Oper für Sie in Baden-Baden?

Andreas Mölich-Zebhauser: Es war weder komisch, auch weil es verdammt schwierig am Anfang war, es war auch nicht tragisch, weil das eine Glücksentwicklung gewesen ist. Es war eigentlich eine sehr natürliche und richtige Entwicklung, dass man auch mal den mutigen Schritt gehen kann, eine große Institution rein privat zu finanzieren und dafür die nötigen Geldgeber zu gewinnen.

goodnews4: Was waren denn für Sie die fünf beeindruckendsten Begegnungen?

Andreas Mölich-Zebhauser: Naja, beeindruckende Begegnungen waren – ich sage mal eine ganz komische Reihenfolge – dass ich Claudio Abbado gewinnen konnte, den großen italienischen Dirigenten, seine letzten Opern hier zu machen. Beeindruckend für mich war, dass Wolfgang Schäuble mein Freundeskreisvorsitzender wurde und das bis zum heutigen Tage ist. Beeindruckend war, dass einer nach dem anderen der größten Künstler dieser Erde gesagt hat: «Baden-Baden, da gehe ich mal hin.» Und die, die «mal hin» gesagt haben und das getan haben, die kommen immer wieder. Das ist sehr beeindruckend. Und das Vierte ist, dass es für einen Intendanten einfach ein wunderschönes Glück ist, wenn man eine Erfolgsgeschichte begleiten kann.

goodnews4: Die Oper war schon immer auch politisch. Sind dies also gute Zeiten für die Oper?

Andreas Mölich-Zebhauser: Es sind gute Zeiten. Es wird immer viel diskutiert. Ich bin ja eher ein wenig konservativer und halte die Opernwerke für so bedeutend, musikalisch und oft auch in ihren Libretti – nehmen Sie den «Rosenkavalier» von Richard Strauss, der aber mit Hugo von Hofmannsthal gearbeitet hat an dem Stück – das waren wirklich großartige Arbeiten, die entstanden sind und auch gültig geblieben sind. Und man soll nicht immer so kurzatmig und schnappatmig sein und meinen man muss jetzt alles erneuern und alles, was älter als 50 Jahre ist, unerkennbar machen und mit Symbolen der heutigen Zeit belegen, das halte ich für einen Denkfehler.

goodnews4: Apropos, die Stadt Baden-Baden hat sich das Motto «good-good-life» gegeben, so heißt der neue Stern, der über Baden-Baden steht. Was haben Sie für einen Rat für Baden-Baden, die Stadt, die Sie als Wirkungsstätte ja nun verlassen werden, für die nächsten 20, 25 Jahre und das Festspielhaus?

Andreas Mölich-Zebhauser: Frau Milke, ich bin kein Hellseher. Und man müsste Hellseher sein, um zu sagen, wenn das gemacht würde, dann blüht die Stadt noch mehr. Es ist ja schwierig überhaupt Steigerungen herzukriegen, denn Baden-Baden hat sich so gewandelt in den letzten 20 Jahren – länger kenn ich sie ja nicht – und ist so ins Blühen gekommen, dass wir eigentlich ein bisschen stolz, aber vor allen Dingen froh sein sollten, dass es so weit gekommen ist und uns Mühe geben sollten, dass das nicht an irgendeiner Stelle das Wackeln anfängt. Ansonsten glaube ich, dass auch hier in den nichtmusikalischen Bereichen alles erneuert und neu gemacht werden sollte. Baden-Baden hat einen riesen Charme durch seine Wurzeln, die man durch den Asphalt spürt – und zwar die ganz alten Wurzeln und vor allen natürlich die aus dem 18. Jahrhundert und so weiter. Also ich würde das alles nicht so kurzatmig anschauen und sagen: «Da müssen wir jetzt nur klick machen und dann geht es noch eine Stufe höher.» Also es geht fast nicht höher. Jetzt sollen mal die nächsten Hotels noch fertig werden, aber dann ist die Stadt auch fertiggeputzt und kann die Arme ausbreiten und sagen: «Ihr Kinderlein kommet.» Das tun sie ja heute schon und das wird sich weltweit noch verstärken.

goodnews4: Wie steht es mit dem Festspielhaus? Geht es da noch einen Klick höher für Ihren Nachfolger?

Andreas Mölich-Zebhauser: Immer, natürlich. Es wird auch anders sein, aber es muss auch sein, dass mit einem Wechsel auch ein paar neue Facetten, andere Facetten aufgebaut werden. Gott sei Dank gibt es ja einen musikalischen Reichtum an Werken und Kompositionen, der schier unendlich ist und von dem wir heute nur einen Teil von vielleicht fünf Prozent kennen. Es ist so viel komponiert worden, was niemand mehr auf dem Schirm hat. Das muss jetzt nicht alles entdeckt werden, aber es soll Neues entstehen und da glaube ich, dass Benedict Stampa sicherlich einen ganz tollen Job macht.

goodnews4: Und was werden Sie an ihrem ersten festspielhausfreien Tag machen?

Andreas Mölich-Zebhauser: Ich weiß ja gar nicht richtig, was der erste festspielhausfreie Tag ist, weil eigentlich bin ich übermorgen nicht mehr Intendant, bin aber noch geduldet, meine letzte Saison zu Ende zu führen – also ist der erste wirklich freie Tag der 15. Juli und an dem Tag werde ich erstmal durchschnaufen und dann werde ich weiter packen für den Umzug nach München.

goodnews4: Wir wünschen Ihnen viel Erfolg und hoffen, dass wir Sie oft wiedersehen in Baden-Baden. Vielen Dank für dieses Interview, Andreas Mölich-Zebhauser.

Andreas Mölich-Zebhauser: Des Wiederkommens können Sie gewiss sein.

Das Interview führte Nadja Milke für goodnews4.de.

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goodnews4-VIDEO-Interview von Nadja Milke mit Andreas Mölich-Zebhauser


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