Gastkommentar
Igor Levitt und Daniel Harding in Baden-Baden – Zufriedenes Publikum spendete Beifall und freut sich auf Neues von der englischen Insel – Gastkommentar von Ina Dönges

Gastkommentar von Inga Dönges
20.04.2026, 00:00 Uhr
Baden-Baden Lieben Sie Brahms? Selbstverständlich: JA! Eine Herzenssache für jeden Baden-Badener. Aber wie sieht und spielt es der Pianist? Wie steht es in der Partitur? Bei aller Freiheit der Interpretation ist sie der fest vorgegebene Rahmen und Fundament für das musikalische Spiel.
Dazu Igor Levit am 14. April 2026 in einem Interview, BNN: «Ich lebe, entwickle mich und mit jeder Veränderung persönlicher Natur verändert sich mein Spiel. Mein Spiel heute hat in meinen Augen relativ wenig damit zu tun mit meinem Spiel vor einem Jahr.» Ein Foto zeigt ihn mit dem Kopf und der geballten Faust auf der Tastatur des Flügels liegen. Was spielt Igor Levit nun? Brahms oder Levit? Also Etikettenschwindel?
Das Programm begann mit Johannes Brahms Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll op. 15, eines der ausdrucksmächtigsten Klavierwerke. In ihrer spezifischen Formgestalt stehen sie fast allein und vollenden die Konzertsymphonie. In mancher Hinsicht knüpfen sie an die letzten Konzerte Beethovens an. Das Klavierkonzert Nr. 1 wurde am 22. Januar 1859 in Hannover durch Brahms unter Leitung von Joseph Joachim uraufgeführt. Brahms selbst war eine überragende pianistische Begabung, konnte jedoch die akustische Unterlegenheit des Klaviers zu dem stark besetzten Orchester nicht auffangen. Es war ein Misserfolg, der traurige Berühmtheit erlangte. «Von einem Dessert schreiender Dissonanzen, einem Produkt von trostloser Ode» war die Rede. Mit diesem historischen Fiasko hat man die Zurückhaltung erklärt, die Brahms gegenüber neuen Kompositionen behielt.
Wie hat Igor Levit diese Probleme gelöst? Der Flügel stand ganz offen. Aber das rettete auch nicht vor der akustischen Dominanz des Orchesters. Es war riesig besetzt, die Plätze der Musiker erhöht, so dass der Flügel von ihnen zugedeckt wurde. Das hätte der Dirigent Daniel Harding besser richten müssen. Dazu kam, dass Igor Levit quasi auf piano/pianissimo spielte und im Tutti unterging. Seine Technik war merkwürdig. «Über Technik hörte ich immer nur diejenigen Pianisten reden, die keine haben.» (Alfred Grünfeld). Levit hing mit dem Oberkörper auf und über der Tastatur, schwankte von oben nach unten, warf die Arme nach hinten, also beim Retardando lag er diese lange Zeit darauf.
Eine Interpretation, ein Aufschlüsseln des Gespielten war nicht zu hören oder zu erkennen. Eigentlich müssten sich doch Gedanken, die Brahms in Musik übersetzte, im Klang wiederfinden. Rubinstein hat auf ein geheimes Zitat aufmerksam gemacht. In der «Cadenza quasi fantasia» zitiert Brahms ausführlich und wörtlich den «sanften Flügel» aus dem Finale von Beethovens 9. Symphonie.
Zu bemerken sei noch die Dauer des I. Satzes, die hier kein Brio in sich hatte. Die originale Metronom-Angabe lautet punktierte Halbe = 58. In diesem Tempo gespielt dauert der Satz knapp 17 Minuten. Heute Abend zeigte der Blick auf die Uhr ca. 22 Minuten.
Der II. Satz mit der Anlage ABA wird häufig als Huldigung an Rober Schumann aufgefasst. Auch hier eigentlich eine pianistische Aufgabe. Der III. Satz mit der Anlage ABA wird als Sonatenrondo eine Aufgabe für den Pianisten. Das Ganze ist recht enttäuschend, auch die Orchestersoli, z.B. die Flöte retten das Gesamte nicht. Große Teile des Publikums sind lautstark begeistert und können die anfängliche Frage sicher mit JA beantworten. Die Berichterstatterin teilt die Begeisterung nicht.
Die Zugabe war Robert Schumanns «Kinderszenen». Leider fast unhörbar vor lauter Piano, auf der Tastatur des Flügels liegend. Kinder in natura wären sicher geräuschvoller gewesen.
Stellt sich zum Abschluss die Frage: Wer ist dieser Igor Levit, der sich anmaßt, den großen Johannes Brahms nicht nur zu interpretieren, sondern zu verändern? 1987 in Gorki/Sowjetunion geboren, deutscher Pianist und sogenannter politischer Aktivist? 1995 als Kontingentflüchtling von Russland nach Hannover übersiedelt, wo er seine musikalische Ausbildung begann, dann die Leiter zum großen Pianisten aufstieg. Mit Daniel Harding entwickelte sich eine musikalische Bindung, so auch die erfüllte Chance des «Einspringens», die steil nach oben führte. Er hat eine große Fan-Gemeinde, die sich auch im Festspielhaus lautstark äußerte. Aber es gab auch andere, die nicht dazu gehörten. Die Berichterstatterin gehörte zu den letzteren.
Nach der Pause der Sprung auf die Insel, in die Blütezeit des englischen Bürgertums unter Queen Victoria und Prince Albert. Die Musik dieser Zeit ist im Ausdruck gebändigt und spiegelte das Wohlverhalten wider, welches von britischen Untertanen erwartet wurde. Edward Elgar (1857 - 1934) wurde in Worcester geboren. Er stand für sich allein in der Welt, erlernte verschiedene Instrumente, ohne eine geregelte Ausbildung genossen zu haben. Er lebte als freier Komponist und wurde in England gefeiert wie kein anderer une stare auch in vorcester Die «Enigma»-Variationen, op. 36, 14 Teile entstanden 1899. Nach Mitteilungen des Komponisten erhielt die Variationsfolge den Titel «Enigma» (Rätsel), weil im variierten Thema eine zweite Melodie verborgen sei, die allerdings nie gefunden wurde. Die Variationen sind als Portraits von Freunden des Komponisten gedacht. Sie beginnen mit Elgars Frau und enden mit ihm selbst.
Hier nun das «Orchestra dell' Accademia Nazionale di Santa Cecilia». 1908 gegründet, wurde es das erste Orchester Italiens, das sich ausschließlich dem sinfonischen Repertoire widmete. Internationale Dirigenten arbeiteten mit ihnen. Seit 2024/25 ist Daniel Harding Musikdirektor und führt auch in eine Opernzukunft. So hört man die Namen der High Society in Noten gefasst. Vorstellen kann man sie sich doch «irgendwie». Tempo- und Stilbeschreibung lassen sich erahnen und geben sich irgendwie die «Hand», von Überleitung zu Überleitung, fest gerahmt von Alice Elgar zu Beginn und Edward Elgar zum Schluss. Eine schöne und stimmige Hommage an die Freunde des Ehepaars.
Die Zugabe «Salut d'Amour» bekräftigt das Ideal der Freundschaft. Ein zufriedenes Publikum spendete Beifall für einen harmonischen Konzertabend und freut sich auf Neues von der englischen Insel.
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