Gastkommentar

Jonas Kaufmann und Luca Salsi im Festspielhaus Baden-Baden – „Oft waren beide Sänger nicht mit dem Orchester synchron“ – „Der Intendant sollte seine Mitarbeiter besser kontrollieren“ – Gastkommentar von Inga Dönges

Jonas Kaufmann und Luca Salsi im Festspielhaus Baden-Baden – „Oft waren beide Sänger nicht mit dem Orchester synchron“ – „Der Intendant sollte seine Mitarbeiter besser kontrollieren“ – Gastkommentar von Inga Dönges
Foto: Michael Gregonowits

Bild Inga Dönges Gastkommentar von Inga Dönges
12.01.2026, 00:00 Uhr



Baden-Baden Was ist Oper? «Die Oper ist ein unmögliches Kunstwerk.» So Oscar Bie (1864 in Breslau geboren und 1938 in Berlin gestorben). «Aus einem Missverständnis der Nachahmung antiker Tragödien geboren, kostet sie alle Sünden theatralischer Schaustellungen durch.» Sie macht sich alle Künste untertan, nutzt sie aus und verführt das Volk. Sänger, Dichter und Komponisten spielen ihre zweifelhaften Rollen, das Publikum jongliert mit ihren Schicksalen. Das Ganze ist ein Traum, der niemals ganz Leben werden kann. Die Oper ist die vollkommene Vereinigung so vieler schönen Künste. Sie bleibt ein Begriff, ein Wunsch, ein Ideal. Der große Oscar Bie verlangt weiter die Wunder schöner Stimmen.

Hier nun: Jonas Kaufmann und Luca Salsi. Sie führen uns zu Giuseppe Verdi (1813 – 1901) und Umberto Giordano (1867 – 1948), von der klassischen Romantik in die Zeit des Verismo in Italien. Vor dem inneren geistigen Auge das Verdi-Portrait von Bodin, sieht man die noble Gestalt Verdis und man ahnt wie Seele und Kunst Eins sind. «Aus einem freundlichen, zutraulichen, ländlich-bärtigen Gesicht, blickt uns der Spiegel eines Lebens an, das wie eine seiner schönen Melodien dahinfloss, reich und klar … einigen Fermaten zum Schluss und einem frohen Ausklang. … . Zum letzten Mal ein Italiener alten Schlages, aber in seiner edelsten Kultur.» Geboren wurde er in Roncole bei Busseto. Mäzenatentum, guter privater Unterricht und mit elf Jahren schon Organist seiner Heimat. Das Volk sah begeistert seine Initialen VERDI: «Vittorio Emanuele Ré d’Italia». Er war kein Politiker, er war glücklich, Aufstieg und Einigung seines Volkes zu erleben. Verdi starb 1901 und vollendete mit 88 Jahren sein großes Leben, das er mit dem Glück, seinen Gaben bis zur Neige ausgekostet hatte. Und Alles mit und für die Kunst!

 

Die Künstler wählten zum Anfang «La Forza del Destino» (Die Macht des Schicksals) aus der sog. mittleren Schaffenszeit. 1862 für Russland geschrieben und gedacht waren die großen Buffo-Chöre als Replik zu Modest P. Mussorgskis «Boris Gudonow». Das Ganze eine wirre Geschichte. Die Duette zwischen Don Carlo und Don Alvaro sind nicht das Beste der Oper, aber sie geben der Oper ihren Charakter: kleine musikdramatische Einfälle, knappe Stilisierungen, leichte Würze. Durch vielfache Retuschen und Revision nach der missglückten Premiere in Sankt Petersburg 1896 überarbeitet für Mailand. Ein Erfolg, vor allem die führende Phrase, das Pieta-Motiv, ist einfach «dolcissimo». Hier also im Programm die Ouvertüre. Große Orchesterbesetzung der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern mit dem Dirigenten Jochen Rieder.

Groß heißt nicht laut, aber auch nicht so leise, dass Tutti-Forte-Stellen im hinteren Parkett und auf dem 2. Balkon (Platz der Berichterstatterin) kaum zu hören waren. Vielleicht war das der An- und Sitzordnung des Orchesters geschuldet. Die Musiker saßen terrassenförmig: unten die Streicher, dann weiter oben die Bläser und auf der dritten Stufenebene Pauke und Blechbläser. Letzteren sei mehr Übung empfohlen. Es waren so viele Patzer, die der Dirigent eigentlich hören und ändern muss. Verdi lässt dem Orchester einen großen Anteil am Ganzen – es ist ständig beteiligt. Bald streut es reizvolle Arabesken in den Dialog, dann wieder Figuren auf Kosten der Melodie, immer wieder von Tutti-Akzenten zusammengefasst. Es passt auf, deutet, rahmt, verengt und verbreitet. Verdi hat eine große Vorliebe: die Interpunktion! Komma, Doppelpunkt, Ausrufezeichen, Aufführungsstriche, skandierende Schlusspunkte. Das steht alles in der Partitur. Nur zu hören war es nicht!

Bild Festspielhaus Baden-Baden

Foto: Michael Gregonowits

Dazu die beiden Sänger: Jonas Kaufmann, Tenor und Luca Salsi, Bariton. Jonas Kaufmann, geboren 1969 in München, von der PR-Maschinerie der Decca ein hochgejubelter Tenor. Das Urteil von Jürgen Kesting in seinem Buch «Die großen Sänger» (2008) ist leider immer noch gültig: Tenor mit baritonaler Färbung, Pianotöne nur in der Mittellage, das eingestrichene C nur im Falsett, kleine Schluchzer in der Phrasierung, um die Phrasengänge zu erleichtern, als Krönung je nach Rolle schmachtende Schnulzen. Dem Stimmen-Fachmann Kesting ist leider nichts zuzufügen. Luca Salsi wurde 1975 in Parma geboren und bezeichnet sein künstlerisches Leben so: «Ich bin in zwei Städten in der Provinz Parma geboren und aufgewachsen. Verdi ist mein erster Arbeitgeber, in Parma pfeifen die Leute seine Arien auf der Straße, es ist wie eine Familie, und ich konnte ihn jederzeit treffen.» Er hat die wohlklingende Bariton-Stimme, «italianita», und wenn es mit Forte nötig ist, die sogenannte «Röhre». Man glaubt ihm, was er singt. Seine Phrasierung ist sicher, auch dem Text der Arie angepasst. Die Stimme «sitzt». Portamenti gelingen ihm. In der Summe: man hätte ihn lieber als Solist gehört, was nur in einer Arie möglich war. Aber: Der Schwerpunkt des Programms waren Duette. Und da passte gar nichts miteinander. Die Stimmfarben, wenn es sie denn zu hören gab, passten nicht zueinander. Oft waren beide Sänger nicht mit dem Orchester synchron. Stimmte die linke Hand des Dirigenten nicht? Die Berichterstatterin seufzte zur Pause und hoffte auf den zweiten Teil: Verismo mit dem Anspruch «Ein Stück Leben» auf der Opernbühne zu haben.

Der sogenannte Verismo will wirkliche Menschen auf die Bühne bringen, eingebunden in ihr alltägliches Leben, so dass der Zuschauer sich mit den Dargestellten identifiziert. Der Affekt, die Äußerung der Emotion ereignet sich in der Oper im Gesang. Alexander Kluge nennt die italienische Oper ein Kraftwerk der Gefühle. Es war Ausdruck romantischer Sehnsüchte und ermöglichte eine Flucht vor der Realität.

Umberto Giordano (1867 – 1948) nahm seine Kompositionsstudien 1882 auf. Erst 1893 komponierte er «Andrea Chenier», nachdem ihm Luigi Illica den Libretto-Entwurf anbot. Es ist die historisch wahre Geschichte des Revolutionsdichters Andrea Chenier. Der wurde 1762 in Galata bei Konstantinopel als Sohn des französischen Generalkonsuls und einer Griechin geboren. Er war glühender Verfechter der Revolution, dann aber aufgrund der Auswüchse der Jocobiner-Herrschaft ihr entschiedener Gegner. Als Mitverfasser der Verteidigungsrede Ludwig XVI. und öffentlicher Ankläger der politischen Zustände wurde er am 25. Juli 1794 als eines der letzten Opfer Robespierres unter der Guillotine hingerichtet. Gérard ist eine Figur des dritten Standes, der sich als Lakai verdingte, politisches Bewusstsein entwickelte und zu einem der führenden Köpfe der Revolution wurde. Sein Monolog «Nemico della patria» ist eine Glanzarie, die der Bariton hinüberbringen muss. Luca Salsi konnte es. Er sang es einfach wunderbar und ins Herz gehend. Verlorene Ideale der Jugend: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Das ging in diesen politischen Zeiten einfach unter die Haut und hatte sogar Gegenwartsbezug.

Der dritte Programmschwerpunkt kehrt zum Anfang zurück, zu Giuseppe Verdi mit «Otello» (1887) einem Spätwerk. Diesmal hatte Verdi einen würdigen Librettisten gefunden: Arrigo Boito. (1842 - 1918), den gebildeten Dichter, Komponisten und … Wagnerianer. Seine Texte zeichneten sich aus durch kurze, wirksame Szenen, Empfindungen, Worte. So wachsen hier Wort und Musik zusammen. Oscar Bie nennt ihn einen Komponisten, der sich seiner Jugend erinnert, aber nicht alt werden will – ein alter Mann mit modernem Herzen. Hier gilt er als Zerstörer der Arie. Es gibt nur noch Arienanfänge, Arienmotive, Liederteile, melodische Stilisierungen. Das Rezitativ wird zur eindringlichen Phrase, die zur Melodie führt. In diesem Sinne wird das Duett Otello – Jago «Tu?! Indietro! Fuggi» eine Neugeburt des Accompagnato. Die Harmonien werden messerscharf, die Dur-Akkorde eisenhart. Hier im Finalduett des zweiten Aktes sind beide Sänger gefordert, wie auch das Orchester. Im Preludio mündet ein Gewitterchor nach einer wilden naturalistischen Revolution in wohlgesetzte formale Ensembles. Und Jonas Kaufmann greift zum Otello, eine der anspruchsvollsten Tenor-Partien, aber es ist erfolglos. Luca Salsi träufelt nicht nur Lügen in Otellos Ohr. Er spielt hervorragend, stimmlich ist er in seinem Element, man hätte in gerne in seiner großen Credo-Arie gehört.

So war das Ende großes Theater und mit Arien, die Appetit auf die jeweilige Oper machten. Das Publikum erklatschte die Zugabe: Giusy Ferreri, «Non ti scordar di me» (Vergiss mich nicht …. Mein Leben ist an Dich gefesselt). Das sang auch schon Mario Lanza – sicher mit liebendem Ernst. Dann ging die Show erst richtig los. Eine Drei-Männer-Freundschaft steppte über die Bühne. Sie waren gute Rattenfänger; denn das Publikum johlte wie auf dem Fußballplatz. Und die Sänger gaben dem Affen weiter Zucker! Bis dann endlich der Vorhang fiel. Nach langen Garderobe-Schlangen ging es hinaus in die Reisebusse. War 18:00 Uhr das Ende einer Kaffeefahrt? Oder war das alles ein böser Traum und auch das Programmheft nur ein Kabarett-Prospekt? Die Inhaltsangaben und Opern-Kurzbeschreibungen waren reines Kabarett. Die Revolution verhohnepiepelt, ihre Protagonisten lächerlich gemacht. Dafür zeichnet ein Karl Georg Berg verantwortlich. Der Intendant sollte seine Mitarbeiter besser kontrollieren, aber er nahm sich selbst eine monatelange Auszeit und der Pressechef ist auch verschwunden, auf Nimmerwiedersehen. Quo vadis Festspielhaus?




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