Gastkommentar
Osterfestspiele Baden-Baden – Ein großer Abend für die große Sängerin Asmik Grigorian – Gastkommentar von Inga Dönges

Gastkommentar von Inga Dönges
07.04.2026, 00:00 Uhr
Baden-Baden Asmik Grigorian: Diva oder Primadonna? Ausdruck von Stärke, Selbstbestimmung und Erfolg oder erfolgreich gefeierte Sängerin?
Seit geraumer Zeit ist die Sängerin zur bête noir geworden. Einen Himmelsplatz behauptet sie nur noch im Weltreich der Pop-Musik. Erfolgreiche Frauen der Opernbühne präsentieren sich heute lieber «down to earth» als abgehoben. Und doch: Asmik Grigorian ist die Diva der Festspiele. So sieht sie der große Stimmenkenner Jürgen Kesting. Und gilt das auch im hier und heute im Liedgesang? Das wäre atemberaubend schön!
Asmik Grigorian wurde 1981 in Vilnius / Litauen als Kind musikalischer Eltern geboren. Ihre Mutter war litauische Sopranistin, ihr Vater armenischer Tenor. So war ihr die Musik quasi in die Wiege gelegt. Sie absolvierte umfangreiche Studien und begann eine erfolgreiche Karriere an den Opernhäusern der Welt. Der Liedgesang liegt ihr am Herzen. Kongenial ihr Begleiter am Flügel Lukas Geniušas. Geboren 1990 in Moskau trat er 1996 in die Moskauer Fréderic-Chopin-Hochschule für Musikaufführungen ein. Bald schloss sich eine internationale Karriere an. Sein Vater ist ein litauischer Pianist, seine Mutter Professorin am Moskauer Konservatorium und schon die Großmutter war eine bedeutende Pianistin. So haben sich bei beiden Künstlern die musikalischen Gene vererbt!
Schon beim Betreten der Bühne strahlten beide Künstler Verbundenheit aus. Asmik Grigorian mädchenhaft in einem Kleid bunt und zart gemustert, den romantischen Liedern angepasst. Der Flügel weit geöffnet, sie stand mit dem Rücken davor und sang in das Publikum. Man fragt sich, wie gelingt Singen ohne Blickkontakt zum Pianisten? Es gelang, vielleicht sangen sie beide auf einem Atem?
Nach dem ersten Liederzyklus geleitete der Pianist die Sängerin charmant von der Bühne, um für seine beiden Klavier-Soli zurückzukehren. Alles war aus einem Guss mit den Liedern von Peter Tschaikowsky (1840 – 1893) und Sergej Rachmaninow (1873 – 1943).
Das Leben beider russischen Komponisten war betont nach dem Westen orientiert. Man reiste nach Italien, wie auch Johann Wolfgang Goethe und Heinrich Heine, und wurde von den dortigen Künstlern inspiriert. Tschaikowsky zählte zu den «Westlern» und brachte auch politische und soziale Gedanken mit nach Hause. Aber er war Russe schlechthin, schloss sich aber keiner speziellen Prägung an. Seine Musik ist Kunst und nicht gekünstelt. Die westliche Form wird bei ihm mit russischem Geist erfüllt.

Foto: Michael Gregonowits
Der Abend begann mit einer lieblich-zarten h-Moll-Elegie «Inmitten eines Balles» mit dem Text von Alexei Tolstoi. Man war fasziniert von der Persönlichkeit der Sängerin, ihrer makellosen Stimmführung mit herrlichen Legato-Bögen, selbst Koloraturen waren miteinander verbunden und nicht abgehackt – einfach Charisma und gesamt Ausstrahlung. Man verstand den russischen Text nicht, aber man fühlte ihn und seine Bedeutung.
Und der Pianist begleitete den Gesang als wäre der Steinway-Flügel ein Bösendorfer mit seinem warmen Klang, der eins mit der Stimme wurde. «Nur wer die Sehnsucht kennt», ein Goethe Gedicht in die russische Sprache übersetzt, war eine einzige Umarmung mit Noten und nicht nur mit Worten.
Zwei Soli für Klavier folgten: eine Romanze und ein Scherzo passten sich den Gedichten an, und der Pianist ließ die Tasten fliegen und gab dem Ganzen einen Rahmen. Dazu passten ebenso die Texte von Tolstoi und Goethe.
Nach der Pause Sergej Rachmaninow. Sein Leben war unstet und von den politischen Umständen stark beeinflusst. Er war Russe und liebte sein Land, war aber als Künstler auch «Westler» und fühlte sich politisch in seiner Heimat nicht wohl. Ab 1906 lebte er in Dresden als Rückzugsort, um Ruhe zum Komponieren zu finden. Nach seiner Emigration 1917 fuhr er mehrfach nach Westeuropa, blieb in Frankreich, von dort in die USA und starb in Beverly Hills.
Das Programm wurde fortgesetzt mit dem besonderen Stil von «Im Schweigen der geheimnisvollen Nacht», den Asmik Grigorian selbst so beschrieb: «Die meisten von Rachmaninows Romanzen verlangen wirklich nach opernhafter Energie.» Tatsächlich schrieb er «Miniatur»-Opern, welche wenige Minuten dauern. Schon der erste Piano-Ton war nicht mehr ein Piano in der Liedtradition eines Salons des 19. Jahrhunderts wie bei Tschaikowsky. Sondern das war eine dramatisch-aufgeladene Expression, die Asmik Grigorian sich zu eigen gemacht hat. Bei ihr war es mehr als Interpretation: sie ist tief in Rachmaninows Inneres eingetaucht. Es ist wie Schöpfung aus dem musikalischen Werk; sie übernimmt gleichsam die Komposition und schafft so Neues über Rachmaninow hinaus.
Dann verschafft Lukas Geniušas der Sängerin mit virtuosen Klavierstücken eine Atempause. Zwei Préludes, Allegro und Grave, zeigen das große Können des Pianisten, der eben nicht nur Liedbegleiter ist. Er verfügt über alle Finessen mit Perfektion und klingt einfach hervorragend, es sind eben pianistische Glanzstücke.
Die vier letzten Lieder klingen melancholisch. «Dämmerung», «Hier ist es schön», «Wir werden ausruhen» nach Anton Tschechow und wieder auftrumpfend «Dissonanz». Sie waren auch hier mit großem Können dargebracht. Man schaute nicht hinauf in die Höhe zu den Obertiteln. Alles stand in den Noten und wurde mit Verve vorgetragen. KUNST, das ist der Dreiklang aus Sängerin, Pianist und Flügel. Ganz schlicht und einfach und deswegen ein so großes Erlebnis.
Nun, ist Asmik Grigorian Diva oder Primadonna? In der Oper mögen diese Bezeichnungen als passend erscheinen, aber nicht im Liedgesang. Das ist richtig und auch wichtig. Denn zum Lied gehört die Demut, der Dienst: an Dichtern UND Komponisten. Tief im Inneren muss der Interpret den Nuancen nachspüren, um den Gehalt des Werkes zum Ausdruck bringen zu können. Asmik Grigorian ist eine solche Ausnahmekünstlerin und erfüllt die Ansprüche, des Werkes an die Interpretin. Möge sie immer die Entscheidungen treffen, die für sie als Sopranistin und für das Werk das Richtige ist.
Der Liederabend war ein Geschenk an das Publikum, welches die dargebotenen Lieder und Klavierstücke wertschätzte – kein Huster, kein Telefon war zu vernehmen. Insgesamt ein großer Abend für eine große Sängerin. Der Jubel des Publikums war immens und wurde mit drei Zugaben beschenkt. Darunter Rachmaninow «believe me not my friend» und von Richard Strauss «Morgen».
Ein Kuriosum sei noch erwähnt. Das Festspielhaus war nicht ausverkauft. Das mag an der Preisgestaltung gelegen haben, denn der höchste Kartenpreis lag knapp unter 300 Euro, was wohl einfach zu hoch war. Trotz und alledem möchte man diese Ausnahmekünstlerin gerne wieder hören, vielleicht mit einem Arienprogramm, um die zweite Seite dieser Künstlerin zu hören und zu genießen. Hier jedenfalls war es gelungen. Bravo!
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