Rückblick

Pfarrer Hans-Ulrich Carl bedankt sich für 50 Jahre Baden-Baden – „Dankbar für die vielen reichen Jahre in Lichtental“ – Von Walter Carlein bis Elke Heidenreich

Pfarrer Hans-Ulrich Carl bedankt sich für 50 Jahre Baden-Baden – „Dankbar für die vielen reichen Jahre in Lichtental“ – Von Walter Carlein bis Elke Heidenreich
Pfarrer Hans-Ulrich Carl. Foto: Archiv

Baden-Baden, 27.11.2024, Bericht: Redaktion Ein Bericht von Pfarrer Hans-Ulrich Carl über seine 50 Jahre in Baden-Baden ist auch ein Blick auf die Zeitgeschichte unserer Stadt und ihrer Menschen.

Pfarrer Carl begegnete dem unvergessenen Oberbürgermeister Walter Carlein und der SWF3-Moderatorin Elke Heidenreich und vielen anderen prägenden Menschen in unserer Stadt. Es gab damals noch eine Bubenschule und eine Mädchenschule. Auch an dunklere Zeiten erinnert er sich, so an das Kanzeltauschverbot durch den katholischen Bischofs Saier.

Der Bericht von Pfarrer Hans-Ulrich Carl:

Am ersten Advent 1974, vor fünfzig Jahren, gab es einen Wechsel im Pfarramt der Luthergemeinde: Walter Spital, der 22 Jahre lang die Gemeinde geleitet hatte, trat in den Ruhestand, und – ein Studienkollege seines Sohnes Martin – Hans-Ulrich Carl trat in seine Fußstapfen, um 32 Jahre dort zu bleiben. Mit ihm kamen seine Ehefrau Heidrun und sein damals vierjähriger Sohn Tobias.

Oberbürgermeister war damals Walter Carlein; Evangelischer Dekan war Siegfried Heinzelmann, katholischer Dekan Hermann Stigler. In Lichtental war gerade Konrad Henn für 12 Jahre als Pfarrer der St. Bonifatius-Gemeinde eingeführt worden. Äbtissin im Kloster war Lucia Reiss, Rektorin der Mädchenschule die spätere Äbtissin Adelgundis Selle. Rektor der Bubenschule war Theo Kammerer, und zum Leiter des Waisenhauses wurde der aus Uganda stammende Denis Katongole vom Verwaltungsrat einstimmig gewählt. Den Gemeinnützigen Verein regierten Herbert Wassmer und Adolf Brodreis.

 

In der Luthergemeinde blieb die wichtigste Person - nach Pfarrer und Pfarrfrau – noch über viele Jahre hin – Else Katzenmaier, obwohl bereits im Ruhestand: Sie hatte einen Jugendchor gegründet, leitete einen Kinderchor und spielte eine wichtige Rolle im Handarbeits- und im Frauenkreis. Um den letzteren bemühte sich viele Jahre lang die Pfarrfrau mit großem Einsatz. Sogar einen Kurs in Erwachsenenbildung hat sie, nach einem für Telefonseelsorge dafür gemacht. Im Sekretariat waltete Dorothea Landres, Kirchendienerin war Erna Zimmermann und Organist war Hans Hochhäusler. Die Zahl der Gemeindeglieder wurde mit 2.700 angegeben.

Es war eine große Aufgabe, und die Familie kam dabei oft zu kurz. Man denke nur an die Zahl der Beerdigungen: bis zu 45 im Jahr! (Allerdings – diese Zahl weist auch darauf hin, dass die Gemeinde im Lauf der letzten 50 Jahre stark geschmolzen ist. Sind es noch 1.200 im Jahr 2024?) Drei Altersheime waren mitzubetreuen, das Schwarzwaldwohnstift, damals noch «Lehrerinnenheim», Theresienheim und Schafberg. Unterricht war zu halten in der Bubenschule und im Waisenhaus. Als die Mädchenschule zur Grundschule umgeformt war, durfte der evangelische Pfarrer auch dort zwei Stunden Religionsunterricht geben. Altennachmittage, Jugendgruppen und Musikbands im Keller, die Anonymen Alkoholiker, die Gesprächsgruppe der Diakonie für Leben nach Krebs – der Raum unter der Pfarrwohnung war stets reich belebt.

Besonders intensiv war die Verbindung zu den Lichtentaler Vereinen, vor allem zu den Unterbeuernern, die einen Lagerraum im alten Kindergarten belegt hatten und ihre Feste auf dem Kirchengelände feierten. Zu allen Festen war der Pfarrer mit Familie natürlich eingeladen. In den 90er Jahren stieg der Pfarrer sogar einmal selber an Fasnacht in die Bütt.

Es gab auch noch den Kindergarten im heutigen Lutherhaus, der Betrieb in der Maxi musste aber schon im Sommer 1976 wegen Mangel an Kindern eingestellt werden. Ende der 80er Jahre wurde der alte Raum für die Eröffnung einer «Spielschule für Eltern mit kleinen Kinder» (bis drei Jahre) zur Verfügung gestellt.

Es war ein bewegtes Gemeindeleben mit Jungschar und Junger Gemeinde, mit Bibelstunden und zahllosen Vorträgen. Die Erwachsenenbildung blühte auf, und die Ökumene nahm liebevolle Formen an. Jeden Herbst gab es zum Beispiel die «Wanderungen am Bücherberg»; bei denen wichtige Neuerscheinungen des Jahres vorgestellt wurden. In den ersten Jahren kam Jürgen Lodemann zum Bücherabend, und Elke Heidenreich vom SWF und sprach über neue Kinder- und Jugendbücher. Diese Abende hat danach über viele Jahre die Buchhändlerin Marianne Wasserburger übernommen, deren Laden ein zentraler Treffpunkt der Jugend gewesen ist.

Ein Kanzeltausch, einmal jährlich im Januar, war mit Pfarrer Henn eingeführt worden (Das wurde Anfang der 90er Jahre, nach einer ungeklärten Anzeige in Freiburg, von Bischof Saier verboten...).

Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen formierte sich (vor allem auch durch den Einsatz des Lutherischen Pfarrers Gottfried Daub) zu einem Gremium, das bis heute ein Wort im Stadtgeschehen mitzusprechen vermag. 1976 wurde die «Beratungsstelle für Ehe- Familie- und Lebensfragen» gegründet, die der Lichtentaler Pfarrer viele Jahre lang mit leiten musste. Sechs Jahre lang war er auch Vorsitzender der Kirchengemeinde. Außerdem hat er im Laufe der Jahre 16 Lehrvikarinnen in ihrer Ausbildung begleitet, die in den jeweils ein bis zwei Jahren auch je eigene Akzente im Gemeindeleben setzten.

Auf Ostern 1975 erschien der erste Gemeindebrief: 12 Seiten , drei Blätter, die im Kirchengemeindeamt kopiert waren und nun zusammengelegt werden mussten, jeweils mit einer Party verbunden. Ein Austrägerkreis fand sich, der bis heute besteht. Inhalt waren neben den notwendigen Mitteilungen immer auch ein Stück Satire (Die Kirchturmhähne äußerten sich zu kritischen Themen) und eine Weile gab es die kleinen Texte von Gerd Falk zur Ökologie und kleine Beiträge von Hans-Joachim Girock vom SWR. Die schwarz-weißen Bilder wurden jeweils der Kunstgeschichte entnommen oder frisch gezeichnet – damals ohne jede Rücksicht auf GEMA oder ähnliche Datengesetze.

1978 taten sich die beiden Konfessionen zu einem gemeinsamen Programm der «Kirchlichen Bildungswerke» zusammen, das seit der Corona-Krise nicht mehr zustande gekommen ist. Ursula Lazarus und Willi Daferner waren die treibenden Kräfte. Auch die Zusammenarbeit mit der Volkshochschule unter Erich Wolf und Christa Rheinschmidt und der BKV mit Sigrun Lang ging von Lichtental aus – und hat sich inzwischen leider ganz verloren.

Ein bedeutender Einschnitt war 1988 bis 1989 die Restaurierung der Lutherkirche, mit dem Versuch, den ursprünglichen Jugendstilcharakter des Innenraumes wieder sichtbar zu machen. Die Wandbemalung und die wieder strahlenden Sterne über dem Chorraum sind dabei besonders beglückend. Zu verdanken ist das Gelingen dieser gewaltigen Unternehmung vor allem dem damaligen Kirchengemeindeverwalter Otto Eberhardt Kugler (Finanzen...) und dem Restaurator Panowski mit seinem Team. Seitdem ist die Kirche zu einem Ort vieler großer Veranstaltungen geworden. Zu nennen sind die «Kleinen Lichtentaler Kirchenkonzerte», die Familie Schuncke organisierte, die allerdings 1997 eingestellt wurden. Aber bis heute ist die Lutherkirche ein beliebter Konzertsaal. Außerdem fanden nun regelmäßig Kunstausstellungen statt. Besonders zu nennen: «Der Berg» des Peter Weitz (1997) und der Frauenaltar der Candace Carter 1998. Auch Imo Quero hat immer wieder ihre Holzschnitte in der Kirche gezeigt, und der Baden-Badener Waldemar Wenz. 1992 gab es eine große Buch-Ausstellung zum 500. Jahr nach der Entdeckung Amerikas. Und alles verbunden mit vielen besonderen Veranstaltungen.

Die Pfarrfrau machte eine Ausbildung zur Heilpraktikerin und zog mit ihrer Praxis in den oberen Stock über dem Kindergarten. Bis 2010 hat sie dort unendlich viele Menschen betreut und so einen ganz eigenen Teil zum Blühen der Gemeinde beigetragen.

1986 kam als Nachfolger von Pfarrer Henn der hoch engagierte Karlheinz Berger und mischte nicht nur seine Gemeinde, sondern ganz Lichtental neu auf. Er war ein begeisternder Prediger und ist zu einem guten Freund geworden. Bevor die beiden Pfarrer zu ihren Gottesdiensten gingen, segneten sie sich gegenseitig. Viele gemeinsame Seminare gab es und eine gemeinsame Reise nach Taizé. Die damals gewachsene Gemeinschaft halten vor allem die Frauen bis heute fest – etwa mit dem «Adventsgärtlein» im Dezember und der Feier des Weltgebetstags Anfang März. Das Jahr 1989 – das große Umbruchsjahr – brachte Lichtental an Pfingsten den Besuch des brasilianischen Erzbischofs Helder Camara. Er kam mit Pfarrer Berger zum Essen, das die Pfarrfrau nach den getrennten Pfingstgottesdiensten für den hohen Besuch vorbereitet hatte.

Zu erzählen wäre natürlich noch viel mehr. Im Frühjahr 2006 wurde die Familie Carl in den Ruhestand verabschiedet.

Wir sind dankbar für die vielen reichen Jahre, die wir in Lichtental sein durften. Wir denken mit Freude an die über 1500 Gottesdienste – in vielen Formen, etwa auch als Mundartgottesdienst. Wir sind dankbar für die Kirchenältesten und für die vielen Ehrenamtlichen Mitarbeiter, die uns getragen haben. Viele davon sind uns zu Freunden geworden. Dass wir ohne jede Missstimmung und ohne ungeklärte Reste gehen konnten, ist uns ein besonderes Geschenk des Heiligen Geistes.

Drei Nachfolgen hat es gegeben: Eva Böhme, Thomas Weiß und zuletzt Kenneth Fleming. Einen eigenen Pfarrer wird die Gemeinde aber wohl nicht mehr bekommen. Und was aus der Luther-Kirche wird, das wissen auch die Sterne über dem Chor noch nicht. Wir wollen es Gott befehlen.

Pfarrer i.R. Hans-Ulrich Carl




Zurück zur Startseite und zu den weiteren aktuellen Meldungen.