Gastkommentar
Puccinis La Bohème im Festspielhaus Baden-Baden doch noch ein Erfolg – „Star-Tenor“ Benjamin Bergheim verliert seine Stimme! – Gastkommentar von Inga Dönges

Gastkommentar von Inga Dönges
25.08.2026, 00:00 Uhr
Baden-Baden «Ich will die Welt zum Weinen bringen» Puccinis «La Bohème» Kunst oder Klischee?
Uraufführung im Teatro Regio Turin 1896 unter Arturo Toscanini. Es wurde nur ein Achtungserfolg trotz Enrico Caruso, der sich vom Dirigenten die Arie im ersten Bild um einen Halbton nach unten transponieren ließ. Dann wurde sie später und bis heute «die Fülle des Wohllauts» und eroberte die Opernbühnen der Welt. An der Mailänder Scala brachten Herbert von Karajan und die Regie von Franco Zefirelli die Bohème mit der ihr innewohnenden romantischen Opulenz auf einen bleibenden Höhepunkt. Es war Zefirellis Sicht auf diese Oper. Sie galt als authentisches soziales Charakteristikum der Epoche des Bürgerkönigs Louis Philippe. Toscanini blieb der kompetente Sachwalter der Bohème. Heute gibt es die echte, nicht die falsche Bohème.
Es war Rggero Leoncavallo der ein Jahr später seine «Bohème» auf die Opernbühnen brachte. Nicht grundlos richtete er einen Plagiatsvorwurf an die Adresse seines ehemaligen Freundes, der ihn daraufhin nur noch als Leon-Bestia oder Leon-Asimov (Löwe-Esel) bezeichnete.
«Gib mir meine Jugend zurück», heißt es in Goethes «Faust». Auch in «La Bohème» geht es um junge Menschen, die geleitet von Träumen und verunsichert von Ängsten, ihren Platz in der Gesellschaft suchen.
Vier junge, angehende Künstler stehen im Zentrum der Handlung: ein Poet, ein Maler, ein Musiker und ein Philosoph. Sie stehen im täglichen Überlebenskampf und plötzlich die neue Erfahrung: die Liebe zu einem anderen Menschen. Es ist die Näherin Mimi, die mit ihrer Liebe zum Poeten Rodolfo das Leben aller Beteiligten auf drastische Weise verändern wird, die im Tod eines geliebten Menschen endet.
Das erste Bild, nicht Akt, so nennt es Puccini, beschreibt das Leben der «Bohème» und will damit den festen Dramaturgie-Aufbau für das Drama umgehen und verlassen. Alles beginnt in der Mansarde an einem bitterkalten Weihnachtsabend. Über den Dächern von Paris versuchen der Dichter Rodolfo und der Maler Marcello vergebens in ihrem Atelier zu arbeiten. Sie können nicht heizen, also verbrennt Rodolfo das Manuskript seines neuen Dramas im Ofen. Die Freunde kommen zurück und man beschließt, ins Quartier Latin zu gehen. Rodolfo bleibt. Es klopft an der Tür und Mimi tritt herein. Das Gespräch beginnt und führt in die Katastrophe. Eigentlich soll Rodolfos große Arie «Wie eiskalt ist dieses Händchen» folgen. Aber da erwischt es den «Star-Tenor» Benjamin Bergheim, dessen Künstlerleben auf allen Bühnen der Welt mit allen nur möglichen Partien verschiedener Stimmlagen vom lyrischen Tenor bis zum ersehnten Lyrico-spinto-Sänger stattfindet: ER verliert seine Stimme! Sagt: «Ich kann nicht mehr singen» und geht blitzartig von der Bühne. Das Orchester und die anderen Sänger folgen ihm auf dem Fuße. Suchen sie alle etwa nach der verlorenen Stimme? Nach qualvollen Minuten betritt ein junger Mann im dunklen Anzug die Bühne und füllt diesen leeren Raum mit der Ankündigung, es ginge in zehn Minuten weiter. Das Midi-Licht im Saal ging an, dann kam die Lichtgestalt des nicht mehr ganz so jungen Intendanten und verkündete: im Saal sei zufällig (?) ein Tenor zugegen – Andrew Owen. Er bekam einen Tisch, ein Notenpult und ein Glas Wasser und sang von der Seite der Bühne, während Benjamin Bergheim die Handlung und den Gesang weiter markierte.

Foto: Michael Gregonowits
Damit war aber der Lack vom «Star-Tenor» ab, und man beschreibt besser die anderen Sänger. Carolina López-Moreno war Mimi. Ihre Stimme verfügt über eine große Tessitura, ist makellos, singt die Töne korrekt an, aber es fehlen die großen Puccini-Bögen, es gibt wenig messa-voce. Die Noten sind richtig, aber es fehlt die Innigkeit und die Trauer, denn Mimi hat die Krankheit der damaligen Zeit: Tuberkulose und eine Sterbende wird kaum so singen. Warum und wie stirbt sie? Das Festspielhaus lobt sie als frühere Santuzza, was nicht mit Mimi zusammenpasst. Man erinnert sich an Mirella Freni, die eben DIE Mimi war. Da war Süße und Kummer auf dem Weg zum Tod. Sandra Hamaoui gab Musette. Ein weicher Sopran mit allen Künsten des Singens ausgestattet. Auch schauspielerisch erfüllte sie die Partie in Puccinis Sinne. Ein persönliches Aperçus: Sie ist mit dem Star-Tenor Bernheim verheiratet, aber ihm wohl künstlerisch überlegen. Die drei anderen Künstler Lodovico Filippo Ravizza als Marcello der Maler, Biagio Pizzuti als Schaunard, der Musiker und Gianluca Buratto als Colline, der Philosoph machen ihre Sache gut. Collines «Mantelarie» ist anrührend und endet in einem cis-Moll Akkord. Die Instrumente sind in verschiedenen Klangfarben in der Mittellage besetzt und begleiten das Pathos der Bass-Arie. Schaunard singt das Weihnachtslied vom Duft der frischen Kuchen «Quando un olezza». Der Bassbariton singt es wie ein Scherzo. Die stimmführenden Holzbläser geben das Thema weiter an die Streicher. Lodovico Filipo Ravizzas Bariton fügt sich zu dem weich und berührenden Bass/Bariton-Ensemble ein.
Der Dirigent Franco Armiliato hält dieses große Werk zusammen. Er dirigiert auswendig und hat das Orchester vor und die Sänger hinter sich fest im Griff. Er erfüllt alle von Puccini geforderten Feinheiten. So auch die nötigen leisen Töne. Als der Verleger Ricordi bemängelte «Es ist ein Wald von p – pp – ppp, von f – ff- fff» antwortete Puccini: «Weil man, wie Verdi sagt, ppp schreiben muss, wenn man ein Piano haben will.» Das Gstaad Festival Orchester bot den Teppich an Noten, den Puccini fordert. Es sind Musiker aus den führenden Schweizer Orchestern und ist somit von hoher Qualität unter ihrem Festival-Intendanten Daniel Hope. Der Chor der Bühnen Bern mit Solistensängern für die Partien der Komprimarii ist eine Stütze für das Ganze dieser Aufführung.
Zum Schluss die Frage, ob man bei Oper konzertant eine szenische Aufführung auf dem schmalen Tableau, das Orchester und Chor übriglassen, machen muss. Eine Staffelei, zwei Tische, Stühle, die zu einem Bett zusammengestellt werden mit riesigen Plumeaus und Kissen, damit Mimi ordnungsgemäß an Tuberkulose sterben kann. Tod im Stehen ist sicher schwierig, aber machbar, so steht es in Puccinis Partitur. Aber solange Oper konzertant gegeben wird, hat es funktioniert. Fabio Rickenmann sei es ins Stammbuch geschrieben, dass man so nicht einmal Schülervorstellungen inszeniert. Er sollte in die Partitur schauen, die Sänger haben die Handlung in der Stimme, wenn sie dann so singen, wie Puccini komponiert hat.
Ende gut – nicht alles gut! Das Haus war ausverkauft! Weder die Herren im festlichen dunklen Anzug noch die Damen im Cocktailleid (es war ja noch Nachmittag und kein festlicher Opernabend) nahmen am Jubelgeheule teil, aber der Beifall der wirklichen Opernfreunde war schon groß. Die Lehre aus dieser Oper im Konzert: die Menschen brauchen Oper, und das sollte im Festspielhaus, das sich Opernhaus nennt, häufiger stattfinden. Es gibt schließlich noch Lust auf die «Bohème». Und die Antwort auf die Eingangsfrage will die Berichterstatterin gerne geben: Puccini und seine Bohème ist große Kunst, und wird überleben.
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