Gastkommentar
„Umbruch - Aufbruch - Abbruch!“ – Zur Ausstellung im Stadtmuseum Baden-Baden – Gastkommentar von Eva Frojmovic

Baden-Baden, 23.05.2024, Bericht: Redaktion In unregelmäßigen Abständen veröffentlicht goodnews4.de Beiträge von Gastkommentatoren. Zum engeren Kreis gehören der Baden-Badener Bestsellerautor Franz Alt und Thomas Bippes, Professor für Medien- und Kommunikationsmanagement an der SRH Fernhochschule – The Mobile University sowie Gesellschafter einer Online Marketing Agentur in Baden-Baden, der sich insbesondere den Themen der Digitalisierung, IT und Künstlichen Intelligenz zuwendet.
Eva Frojmovic ist Associate Professor an der University of Leeds in Großbritannien, wo sie Kunstgeschichte, Jüdische Kulturgeschichte und Museologie lehrt. ahc.leeds.ac.uk Eva Frojmovic ist in Baden-Baden aufgewachsen.
Kommentar: Eva Frojmovic Die derzeit im Stadtmuseum Baden-Baden gezeigte Ausstellung «Auf- / Ab- / Umbruch - Die 1950er und 1960er Jahre in Baden-Baden» präsentiert sich fröhlich, nostalgisch (für ältere Besucher) und Vintage (für jüngere).
Ganz im Designstil der 60er Jahre gehalten, auch farblich mit Schwarzweißfotos auf plakativ-farbigem Hintergrund und mit vintage Layout und Schriftdesign, lässt sie an die Nierentische der frühen Kindheit, des Elternhauses oder sogar Großelternhauses denken. Jetzt ist dieses Design ja wieder «in». Durch Archivfotos werden wir durch die verschiedenen Stadtteile geführt, begleitet von Zitaten aus der damaligen Presse. Einige Originalstücke (eine Seifenkiste, ein Kleid, ein vintage Auto) komplettieren das Ganze, und QR Codes führen Handybesitzer zu alten Tagesschauen.
Auf den ersten Blick wird der Wiederaufbau nach 1945 gefeiert: Die (von den Nazis unterbrochene) Moderne, die autogerechte Stadt. Die Originalzitate beherrschen die Texttafel, Kritik aus heutiger Sicht wird selten hörbar. Eine nachdenklich stimmende Ausnahme ist der Kommentar zum beinahe vereitelten Besuch von Rudi Dutschke 1968, als der damalige OB Schlapper (CDU) verhinderte, dass die linke Studentenbewegung im Kurhaus tagen konnte (und stattdessen draußen im Januarregen auftrat) — derselbe OB hatte keine Bedenken, das Kurhaus der NPD zur Verfügung zu stellen (eigentlich keine Überraschung, wenn man aus anderen Quellen weiß, dass er 1962 die Aufführung von Brecht's Mutter Courage im Stadttheater verhinderte – siehe www.goodnews4.de und «Kunstfreiheit und Zensur in der Bundesrepublik Deutschland».
Der andere behutsam kritische Moment betrifft das zerstörte Bäderviertel. Hinter der Aufbruchsstimmung steht die Abbruchsstimmung. Baden-Baden wurde im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört, bedurfte also keines Wiederaufbaus! Trotzdem wurden ganze Stadtviertel ausradiert, sowohl noble (das historische Bäderviertel, dessen Torso jetzt UNESCO Status erlangt hat) als auch bescheidene (Altbadener Häuser, die abgerissen anstatt saniert wurden). Nur Bürgerprotest konnte ab und zu (und viel zu spät) etwas retten. Hinter dem Aufbruch verbirgt sich also ein Skandal; der gnadenlos utopische Bebauungsplan von 1953. Baden-Baden hatte eigentlich eine Tradition im Abreißen, man denke nur an Weinbrenners (!) Trink- und Antiquitätenhalle (1804, www.weinbrenner-gesellschaft.de), welche schon 1845 vom Dampfbad des Historischen Architekten Hübsch ersetzt wurde. Aber die groß angelegte Zerstörungswut des Generalbebauungsplanes von 1953 stellte solche Sünden weit in den Schatten.
Zum Thema Tausendfüßler betont die Ausstellung, auch visuell, eher das Design, das ja inzwischen nostalgisch goutiert werden kann – es sei denn, man lebt mit seiner bescheiden gestellten Familie nicht in einer der Villenviertel, sondern unter dem Zubringer und muss mit den gesundheitlichen Schäden leben. Dabei kann man hier wörtlich sehen, wie die Autobesitzer aus Stuttgart und Frankfurt über die Weststadt hinwegrollten.
Umsonst sucht man in der Abteilung «Rund ums Kurhaus» Spuren der neuen Synagoge für die jüdischen «Mitbürger» (warum nicht einfach Bürger?). Bei der «Heimkehrer» betitelten Schautafel macht man sich zwar Hoffnungen, es stellt sich aber schnell heraus, dass es sich um die Heimkehr eines deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion handelt (die Geschichte wird als rein menschliches Drama behandelt, nur keine Vorgeschichte bitte). Vielleicht wurden die Juden auch nach dem Holocaust nicht als wirklich beheimatet angesehen, sodass sie nicht als Heimkehrer wahrgenommen wurden. Dagegen lernt man manch neues über das Flüchtlingslager der Heimatvertriebenen in Balg.
Der Generalbebauungsplan von 1953 war gewiss ein Tiefpunkt der brutalistischen Moderne, die man auch im Zusammenhang mit dem Mythos von der «Stunde Null» verstehen sollte. Seitdem hat die Stadt Baden-Baden durch neuere Bebauungspläne versucht, die Sünden des «Wiederaufbaus» wieder auszugleichen (Fußgängerzonen, Tunnels). Doch trotz aller Koalitionswechsel zeigen auch die Prioritäten der Gegenwart manche Kontinuitäten mit der Ära Schlapper auf: Während der UNESCO-Welterbe-Status wenigstens die noch überlebende historische Bausubstanz schützen dürfte, liegt die Betonung konservativ auf dem Bauen der oberen Gesellschaftsschichten. Dafür sorgt die Begrenzung des Welterbes auf die Innenstadt. Die eher ländlichen Stadtteile sind weit weniger geschützt, obwohl sie, da oft höher gelegen und daher weithin sichtbar, ebenso stadtbildprägend sind. Ein trauriges Beispiel ist die Friedrichshöhe oberhalb des Wasserparadieses. Während hier ganz oben sich im frühen 20. Jahrhundert das historische Haus am Berg mit den bescheidenen, zumeist bäuerlichen Nachbarhäusern zu einer pittoresken Kulisse für Schafhirten und Wanderer zusammenschloss, setzt sich in den letzten Jahren die von Abbrüchen erleichterte Gentrifizierung, die in den 70ern begann, immer schneller fort. Historische Bausubstanz, die gehobenen Ansprüchen nicht genügt, weicht modernistischen und postmodernen hartkantigen Großvillen für neu zugezogene Besitzer mit wirtschaftlich harten Ellenbogen.
Der Gestaltungsbeirat ist eine relativ neue Errungenschaft. Ob er künftige Abbrüche historischer, stadtbildprägender Bausubstanz, auch der einfacheren altbadischen Bauten (und damit die Vertreibung der weniger gutgestellten Bewohner aus gentrifizierten Stadtvierteln), verhindern können wird?
Die Sonderausstellung (noch bis 4. August 2024) ist jedenfalls sehr sehenswert für jeden, der in «before-and-after»-Aufnahmen sehen will, was für eine schöne, historische Stadt Baden-Baden bei Kriegsende war – ein Dornröschen.
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