Gastkommentar
Ungewöhnlich mutiger Abend in Baden-Baden – Konzert Freundeskreis Festspielhaus am Valentinstag – Gastkommentar von Inga Dönges

Gastkommentar von Inga Dönges
16.02.2026, 00:00 Uhr
Baden-Baden Konzert zum Valentins Tag – da glaubt man an eine romantische Liebesgeschichte mit Happy End. Aber nichts davon: Romeo und Julia, das klassische Liebespaar geht gemeinsam in den Tod – kein Valentins-Glück. Vorher «Quiet City&rauqo;, und dann ein Concerto, die zum Thema führen. Der Freundeskreis lud zu seinem jährlichen Konzert ein und machte mit seinem Programm einen Sprung in die Moderne zur sogenannten Neuen Musik mit den Komponisten Aaron Copland (1900 - 1990), George Gershwin (1898 - 1937) und Sergey Prokofiew (1891 - 1953).
Diese «Neue Musik» ist als eine Reaktion auf die Romantik des 19. Jahrhunderts zu sehen, der nahezu gewaltige Bruch mit der Tradition. Alle bisherigen Gesetze wurden neu überdacht und geändert: Melodik, Rhythmik, Harmonik, Tonalität – alles kam auf den Prüfstand. Der Rhythmus tritt in den Vordergrund. Der Zuhörer lässt ohne sein Dazutun Beine und Arme wippen. Die Kunstmusik öffnet sich dem Jazz. Synkopisierungen verfeinern das Ganze. Die einmal angeschlagene Tonart bleibt nicht, sondern wird aufgegeben und führt zur Atonalität, d.h. keine zentrale Tonart wird beibehalten. Die Streicher werden vernachlässigt, dafür übernehmen die Blasinstrumente die führende Rolle. Das Schlagzeug tritt stark in den Vordergrund. Das Klavier, der Liebling der Romantik, wird als reines Schlaginstrument behandelt. So müssen sich die Zuhörer mit klassischen Hörgewohnheiten dem damalig Neuen öffnen, verstehen und später (vielleicht?) genießen.
Beginn ist «Quiet City», die stille Stadt von Aaron Copland. Er gehörte zu einer Generation von Komponisten, die einen typisch amerikanischen Stil entwickelten, den «American way of life». Das Urteil eines Zeitgenossen: «Wenn ein junger Mann von 23 Jahren eine Sinfonie wie diese (Orgel und Orchester) schreiben kann, ist er innerhalb von fünf Jahren fähig, einen Mord zu begehen.» Copland begeht aber keinen Mord und «verspricht zu versuchen, die älteren Konzert-Abonnentinnen nicht mehr mit seiner Musik zu erschrecken». Er hält seine Zusage und wird so zum Großen Alten Mann der amerikanischen Musik des 20. Jahrhunderts. Ein erstaunlicher Weg eines Kindes, in New York in eine konservativ-jüdischen Familie litauischer Herkunft geboren. Er wurde des Kommunismus bezichtigt, was ihm aber nicht nachgewiesen werden konnte. Er erkrankte an Alzheimer und starb 1990.
«Quiet City» war Teil einer Sinfonie und hier geschrieben für Trompete, Englischhorn und Streichorchester. Die Solisten Adam Rixer und Olivier Germani machten ihre Sache sehr gut. Blechbläser müssen Eins werden mit ihrem Instrument, um sie ohne Patzer zum Klingen zu bringen. Sie hatten den richtigen Atem und das «Neue» klang warm und wohltuend.

Hélène Grimaud. Foto: Michael Bode
Danach der große Umbau auf der Bühne. Der am Rand stehende Flügel wurde in die Mitte geschoben, die Plätze der Musiker mussten weichen. So konnte man den geschickten Bühnenarbeitern zuschauen. Dann kam Hélène Grimaud, die Hauptkünstlerin des Konzertabends. Sie strahlte ihr großes musikalisches Können mit Bescheidenheit aus. Hat sie doch einen wesentlichen Teil ihres Lebens dem Natur- und Tierschutz gewidmet. Sie lebt in der Nähe von New York mit ihrem Wolf Conservation Center, aus dem sie ihre Kraft schöpft.
Hier ist es George Gershwin, das Concerto in F. I. Allegro II. Adagio III. Allegro agitato. 1925 entstanden für Soloklavier und mittleres Orchester, aufgeführt im selben Jahr in der Carnegie Hall. Der Kopfsatz ist geprägt von häufigen Stimmungswechseln. Die Tempi ändern sich und wirken oft wie Improvisation. Hélène Grimaud sitzt entspannt mit Blick zur Dirigentin, schnell wechselnde Einsätze gelingen, so wie das Zusammenspiel von beiderseitigem Verständnis und Harmonie zeugen. Der II. Satz beginnt mit einem Horn-Ruf, der in Melodie übergeht mit gedämpften Trompeten und Klarinetten. Das Klavier bleibt bestimmend. Die Kadenz wird breit begleitet vom Orchester. Auch da stimmt die Harmonie zwischen den beiden Künstlerinnen und springt auf das Publikum über. Der III. Satz ein Rondo, nimmt die Themen der vorangegangenen Sätze auf und wird so seinem Namen gerecht. Dann tritt das Paukenmotiv wieder auf, das das Konzert eingeleitet hat und endet in einem Ritardando. Nun war hörbar, dass Gershwin der erste Komponist war, der dem Jazz die Tore zu den Konzertsälen geöffnet hat. Die Begeisterung des Publikums wurde mit einer Zugabe belohnt.
Nach der Pause nun endlich der Titel des Konzerts. Romeo und Juli, die Ballettmusik von Sergey Prokofiew, entstanden 1935. Er hatte es schwer in seiner Heimat Russland. Immer wieder wurde er wegen Linienuntreue gemaßregelt, emigrierte, kehrte 1932 wieder zurück und starb 1953 in Moskau. Mangels Ballett (das waren schöne Erinnerungen an das Mariinsky Ballett mit Valery Gergiew) gab es die Ballett-Suite zusammengestellt von Elim Chan, der Dirigentin des Luxembourg Philharmonic Orchester. Sie wurde 1986 in Hongkong geboren, und machte einen großen Teil ihrer Ausbildung in den USA. Ihr Dirigierstil ist faszinierend, zumal sie klein und zierlich in einem engen Hosenanzug gekleidet das Orchester wie ein Raubtierdompteur leitet. Die Sprache ihres Dirigentenstabs ist klar und deutlich, es gibt keine Patzer. Offensichtlich ist die Verbindung zum Orchester positiv. So trägt sie auch diese Suite durch die Klangfluten und man kann beim Zuhören den Inhalt «sehen». Es war gelungen, das Publikum dankte und wurde belohnt mit einer weiteren Zugabe.
Ein ungewöhnlicher mutiger Abend vom Programm. Man mochte es hören, das Neue hat so vielleicht eine Grundlage geschaffen, auf der die Musikgeschichte zum Hören und Mögen weitergeht.
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