Gastkommentar
Yannick Nézet-Séguin erweckt Sommerhauptstadt Baden-Baden zu neuem Leben – Beifall war groß und frenetisch – Gastkommentar von Inga Dönges

Gastkommentar von Inga Dönges
29.06.2026, 00:00 Uhr
Baden-Baden Yannick Nézet-Séguin erweckte am vergangenen Freitagabend die Sommerhauptstadt Baden-Baden zu neuem Leben mit Schubert, Weber und Mendelssohn.
Die musikalische Romantik schließt an die klassische Musik von Haydn, Mozart und Beethoven an. Sie hatten ihre Höhepunkte erreicht und standen nicht mehr für die Gedanken der neuen Zeit, die Revolution von 1848. Die neue romantische Bewegung wird zur Geschichte des musikalischen Denkens im 19. Jahrhundert. Der Hörer von Musik – wie der Ausübende – wird neue Werte entdecken. Der Ertrag dieser Musik wird für ihn größer sein die Freude an ihr ist wahres Lebenselixier.
Zu Beginn Franz Schubert (1797 – 1828) mit seiner Sinfonie in h-Moll D 759 «Die Unvollendete», 2 Sätze, entstanden 1822. Es war für Schubert das Ende seiner musikalischen Entwicklung, die Jahre pendelten zwischen Schmerz und Frohsinn. &lauqo;Wollte ich Liebe singen, wird sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wieder Schmerz mir singen, wird er mir zur Liebe. So zerteilt mich die Liebe und der Schmerz.» So wird mit den zwei Sätzen der Sinfonie alles gesagt, was der Komponist mitteilen wollte: nämlich Liebe und Schmerz im 1. Satz und Seligkeit im 2. Satz. Eine Fortsetzung war überflüssig.
Die Celli machen den Anfang, so leise gezupft und gestrichen, dass sie eigentlich unhörbar sind, man hört sie aber gut. Hier ist der Dirigent am Werk – ein Meister des Pianissimo mit seinen Streichern. Es ist wie ein Grabgesang, getragen von den Holzbläsern. Ein Kunstwerk wird hier geboten, fast Unhörbares hörbar gemacht. Ein Bravo dafür! Die Celli folgen mit melodischem Reiz, der um die ganze Erde ging. In Wien wurde es zum Gassenhauer, auf der Straße gesungen mit eigenem Text: «Ida, wo komm‘ste her, wo geh’ste hin, wann komm’ste wieda?» Es war sicher nicht despektierlich gemeint, sondern Ausdruck für die Volkstümlichkeit der Kunst. Die sanfte Kantilene des Themas kehrt zurück und hält die Gedanken an das Grab wach.
Der 2. Satz ist ein Märchen von Frieden und Seligkeit. Das Thema ist ein Gebet, das in einen Posaunenchoral mündet. Die Klarinette klingt bedrohlich, aber Oboe und Flöte bringen wieder Ruhe. Das Orchester als gewaltiges Tutti drückt Verzweiflung aus. Das Ganze ist immer wieder wie ein Dialog zwischen den einzelnen Instrumentengruppen – ein großes Gespräch. Ein Kompliment an die Bläser und ihre Kunst. Man möchte jedem Einzelnen gratulieren. Sie sind im Programm namenlos, aber jeder definiert sich durch sein Instrument. Das Horn verkündet Friede und Orchestergleichklang. Schließlich löst die Coda alle Misstöne auf und beendet feierlich den 2. Satz.
Schubert hat selbst tief gelitten und war nach seiner schweren Erkrankung 1828 (wohl Syphilis) selbst dem Tode nah. «Die Unvollendete» wurde 1828 uraufgeführt und war kein Erfolg. Die Philharmoniker legten sie beiseite. Mendelssohn führte sie elf Jahre nach Schuberts Tod erneut auf, aber die Sinfonie blieb damals ungeliebt, bis das Rad der Geschichte sie dann später doch zu großem Erfolg führte. Yannick Nézet-Séguin ist ein großer Meister seines Fachs. Er benutzt keinen Taktstock, so dass seine Hände und Arme, sein ganzer Körper ständig in Bewegung und dem Orchester zugewendet sind. Er tanzte förmlich die Noten und atmete dabei mit seinen Musikern, die all Ihr Können in den Raum werfen.
Danach dann Musik mit einem Sahnehäubchen: Carl Maria von Weber (1786 -1826) Klarinettenkonzert Nr. 1 f-Moll op. 73. Romain Guyot war der Solist, der mit seiner Klarinette alle nur möglichen Zirkuskunststücke blies. Guyot, gebürtiger Franzose, spielt seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts im Chamber Orchestra of Europe, tritt aber auch als Solist und mit anderen Kammermusikensembles auf. Die Kombination mit dem heutigen Orchester versprach also Großes.
Carl Maria von Weber wurde 1786 als Sohn von Theater-Eltern in Eutin geboren. Er war Brückenbauer zwischen Wiener Klassik und reifer Romantik. «Er ist schlicht der mit vielen Wassern gewaschene, umtriebige und anpassungsfähige Praktiker – Pianist, Gitarrist, Dirigent und Komponist.»
Im 1. Satz bringen die Streicher ein einleitendes Thema, das an den «Freischütz» denken lässt. Das Hauptthema spielt das ganze Orchester und beginnt den Dialog mit der Klarinette, die darauf melodisch antwortet.
Romain Guyot beherrscht sein Instrument in einem solchen Maß, dass man es erklärt bekommen möchte. Die Klarinette ist ein Holzblasinstrument und wurde zum Lieblingsinstrument der Romantik. Ihr schöner, seelenvoller Ton ist im tiefen Register düster, ja unheimlich, im Mittelregister von edler Lieblichkeit und wird mit zunehmender Höhe durchdringender.
Im 2. Satz spielt die Klarinette ein wehmütiges Lied, die Hörner kommen hinzu, führen zum Finale und geben dem Solisten im Rondo alle virtuosen Möglichkeiten zu glänzen: Koloraturen bis zu den Spitzentönen, mit feiner Phrasierung, alle Noten der Partitur werden gespielt (so wird es jedenfalls empfunden), so dass dem Zuhörer fast schwindlig wird. Also Jubel und Beifall.
Nach der Pause eine charmante Begrüßung durch den Dirigenten zur Eröffnung der von ihm kuratierten Sommerfestspiele. Seine besondere Liebe gilt dem Komponisten Mendelssohn Bartholdy (1804 – 1847). «Er ist der romantische Klassizist im Gegensatz zu Schubert, dem romantischen Klassiker.» Felix Mendelssohn Bartholdy ist Enkel des Philosophen Moses Mendelssohn und Sohn eines Bankiers. Hohe Bildung und Reichtum waren Merkmale der Familie.
Seine Liebe zu Italien ließ den Dirigenten wieder in Hochform auflaufen. Auswendig dirigierend, ohne Partitur, war er fast tänzerisch in seinem Element und riss alle Musiker mit. Jede einzelne Instrumentengruppe wurde von ihm gefordert und gelobt. Sie alle gaben ihr Bestes für diese «Italienische», Sinfonie Nr. 4 in A-Dur, op. 90, 4 Sätze, entstanden 1833.
Der 1. Satz malt Licht und Leben der italienischen Landschaft in hellen Farben, ein Tanzrhythmus erklingt. Moll und Dur beschreiben im Wechsel einen Sommertag. Im 2. Satz zieht eine Prozession voll Schwermut und Frömmigkeit vorbei, spottende Bläser werden vom Orchester überstimmt. Danach Ländler-Melodien im 3. Satz und ein Bläserquartett. «Saltarello», Titel des 4. Satzes, lässt alle Farben erklingen und ist hinreißende Musik.
Das Orchester lässt alles zu: jeder Musiker ein Solist, alle ordnen sich dem Ganzen unter und erreichen so Virtuosität, die vom piano bis zum forte hörbar ist. Der Beifall war groß und frenetisch, wurde zum Klatschmarsch. Yannick Nézet-Séguin dankte und avisierte die Zugabe für den folgenden Sonntag. Dann geht es weiter mit seinen Konzerten. Die Sommerhauptstadt ist an der «Capitale d’Été» angekommen. Der Wunsch: auf ein Neues und Weiteres. Der musikalische Faden möge nicht abreißen. Yannick Nézet-Séguin hat in Baden-Baden eine Fan-Gemeinde, die ihn und seine Musik liebt. Bravissimo per tutti!
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