Handelslehranstalt in Gernsbach

Gernsbach hofft auf neue Kultusministerin Theresa Schopper – Bürgermeister Christ: „Wer sagt uns denn, dass die neue Amtsspitze im Kultusministerium die Lage nicht anders bewertet?“

Gernsbach hofft auf neue Kultusministerin Theresa Schopper – Bürgermeister Christ: „Wer sagt uns denn, dass die neue Amtsspitze im Kultusministerium die Lage nicht anders bewertet?“
Julian Christ, Bürgermeister von Gernsbach. Foto: Archiv

Rastatt/Gernsbach, 19.05.2021, Bericht: Redaktion Wegen seiner Corona-Quarantäne konnte Julian Christ seine Rede vor dem Rastatter Kreistag gestern nicht selbst halten. Weiter kämpft der Gernsbacher Bürgermeister für den Erhalt der Handelslehranstalt in seiner Stadt.

Am Ende seiner Rede stellt er Fragen und knüpft seine Hoffnung an die neue baden-württembergische Kultusministerin Theresa Schopper: «Warum sollten wir mit solch positiven Signalen aus Stuttgart heute die HLA Gernsbach schließen? Wer sagt uns denn, dass die neue Amtsspitze im Kultusministerium die Lage nicht anders bewertet und sich daraus auch neue Anweisungen für das Regierungspräsidium ergeben?» In seiner Rede versucht Julian Christ klarzumachen, «dass eine Schließung der Schule dem Murgtal weitere Angebote» entziehe und «den Ländlichen Raum und unsere Wirtschaft» schwäche.

Die Rede von Bürgermeister Julian Christ anlässlich der Kreistagssitzung vom 18. Mai 2021 zum Erhalt der HLA Gernsbach ist hier ungekürzt veröffentlicht:

Stellen wir uns ein Haus vor. Es wirkt massiv, die Fassade erstrahlt in neuem Glanz und wir würden am liebsten durch die Haustür eintreten. Beim Gang um das Haus stellen wir allerdings fest, dass es zweidimensional ist und es sich lediglich um eine Filmkulisse handelt. Viele von uns waren womöglich einmal in Babelsberg und wissen wovon ich spreche.

Was wir aber aus diesem Besuch in Babelsberg mitgenommen haben, ist etwas anderes: Es kommt auf die Perspektive an.

 

Und genauso geht es auch um die Perspektive bei der HLA Gernsbach. Vordergründig wirkt die Sache klar: Die Schülerzahlen der Schule sinken seit mehreren Jahren, Regierungspräsidium und Landratsamt haben sich bemüht und trotz dieser Bemühungen und der Ansiedlung von Bildungsgängen ist die Sache alternativlos. Es bleibt nur die Schließung der Schule. Das haben wir im Schulausschuss hinreichend gehört.

Wenn wir jedoch hinter diese Argumentation schauen, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Die HLA Gernsbach ist eine renommierte und prämierte Schule im Ländlichen Raum. Sie zeichnet sich durch eine innovative Lehrerschaft und motivierte Schülerschaft aus.

Sie könnte mehr Schüler haben, macht aus dieser Schwäche aber eine Stärke indem sie stets neue Projekte anstößt, die sogar der Bundesregierung positiv auffallen.

Warum also sollten wir diese Schule schließen? Oder anders gefragt: Ist eine Schließung so alternativlos wie Sie heute erscheint?

Die Antragsteller des fraktionsübergreifenden Antrages und ich verneinen diese Frage. Denn es gibt eine Alternative. Die Handelslehranstalt Gernsbach hat die Chance auf eine positive Entwicklung und den langfristigen Erhalt ihrer Bildungsangebote, wenn man ihr die Möglichkeit dafür einräumt. Dafür braucht es einen Prozess bei dem Schüler, Lehrer, Eltern und ausbildende Unternehmen gemeinsam das Profil schärfen und die Schule aktiv um Schüler werben darf.

Einen solchen Schulentwicklungsprozess unter Einbindung aller am Schulleben Beteiligter gab es bis heute nicht. Die Schulentwicklung von der der Landkreis spricht ist die Abstimmung zwischen zwei Behörden: Regierungspräsidium und Landratsamt.

Das ist für mich keine echte Schulentwicklung.

Es gibt aber noch einen Widerspruch. Für den Schulausschuss im November griff die Kreisverwaltung den fraktionsübergreifenden Antrag in weiten Teil auf und sprach sich explizit für die Durchführung eines Schulentwicklungsprozesses im Sinne der Antragsteller aus.

Heute lehnt sie diesen Antrag ab. Und das obwohl sich keine dramatisch neuen Erkenntnisse ergeben haben. Ein konsistentes Vorgehen sieht anders aus.

Und so wie jedes Schiff einen Kapitän braucht, braucht auch die HLA Gernsbach einen Kopf. Denn ohne eine Schulleiterin oder einen Schulleiter fehlt der Kopf für den dringend notwendigen Schulentwicklungsprozess. Seit dem Weggang von Herrn Bruder leitet Frau Schwab als Stellv. Schulleiterin die Schule. Aber ein Teil der Schulleitung bleibt damit unbesetzt. Das ist für eine erfolgreiche Schule kein Dauerzustand, weswegen die Antragsteller die Besetzung der Schulleiterstelle fordern.

Nicht zuletzt braucht es eine Gesamtstrategie für unsere beruflichen Schulen verbunden mit einer Schülerlenkung. Und eben diese Gesamtstrategie fehlt in der Vorlage der Kreisverwaltung leider völlig.

Lassen Sie mich hier ein paar Beispiele nennen:
1. Eine Schließung der HLA Gernsbach führt zu einem massiven Raumbedarf in Rastatt während in Gernsbach ein Gebäude leer stehen wird. Wie sollen ohne weitere Investitionen etwa 250 zusätzliche Schüler in Rastatt unterkommen?
2. Eine Schließung der Schule entzieht dem Murgtal weitere Angebote und schwächt den Ländlichen Raum und unsere Wirtschaft.
3. Wenn die Schließung der Schule seit Jahren so absehbar war, warum hat der Landkreis Millionen in das Gebäude investiert?

Ich komme zurück auf den Eingang meiner Rede. Entscheidend ist die Perspektive.

Ich bitte Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen im Kreistag, schauen Sie hinter die Kulisse. Stimmen Sie für den fraktionsübergreifenden Antrag und für den Erhalt der HLA Gernsbach. Lassen Sie uns nicht den vermeintlich leichten Weg nehmen sondern uns gemeinsam das Profil der Schule weiter schärfen.

Diesen Weg wollten mit mir 45 weitere Kreisrätinnen und Kreisräte gehen. Und was uns im Oktober 2020 richtig schien, ist es im Mai 2021 umso mehr. Denn es hat zwischenzeitlich keine völlig neuen Erkenntnisse gegeben und der fraktionsübergreifende Antrag wurde weder abgearbeitet noch erledigt. Zudem hat mir bis heute kein Kreisrat persönlich mitgeteilt, dass er diesen Antrag nicht mehr unterstützt.

Hoffnung macht auch die neue Landesregierung. Ich zitiere aus dem Koalitionsvertrag von Grün-Schwarz: «Wir setzen die Standortpolitik für die ländlichen Räume fort. Insbesondere sollen auch weiterhin Bildungseinrichtungen in ländlichen Regionen angesiedelt und erhalten werden. Defizite einzelner Regionen werden ausgeglichen.»

Warum sollten wir mit solch positiven Signalen aus Stuttgart heute die HLA Gernsbach schließen? Wer sagt uns denn, dass die neue Amtsspitze im Kultusministerium die Lage nicht anders bewertet und sich daraus auch neue Anweisungen für das Regierungspräsidium ergeben?

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die HLA Gernsbach hat erkennbar eine Chance auf eine gute Zukunft. Entscheidend ist, dass wir aktiv aus der Schule heraus einen Schulentwicklungsprozess starten und damit das Profil der Schule weiter schärfen. Denn es geht um echte Menschen. Um Lehrer, Schüler und Eltern und Unternehmer, die hoffen, dass wir hier im Kreistag heute die richtige Entscheidung treffen.

Mein Dank geht an dieser Stelle an Frau Schwab und ihr Team, die sich seit fast einem Jahr nicht nur den Herausforderungen einer Pandemie sondern seit dem Sommer letzten Jahres mit dem Gedanken einer Schulschließung konfrontiert sehen.

Danke!


Zurück zur Startseite und zu den weiteren aktuellen Meldungen.