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HEUTE GENAU VOR EINEM JAHR: "Es ist ein großes Trauerspiel" – BBI-Chef Matthias Vickermann hält nichts von den Hilfsprogrammen – Und ein Appell an die Baden-Badener: "Wenn der Herr Straß den ganzen Tag hier herumfährt"

Baden-Baden, 06.04.2021, Bericht: Redaktion Was war heute vor einem Jahr? Die Schnelligkeit mit der das Leben vergeht ist eine Erfahrung, die man gleich nach den Kindertagen macht. «Ach ja, das ist schon wieder ein ganzes Jahr her», werden Sie vielleicht sagen, wenn Sie diesen Bericht lesen, den wir vor genau einem Jahr als Aufmacher veröffentlicht haben. Viel Spaß bei dieser ganz kleinen Zeitreise.



"Es ist ein großes Trauerspiel" − BBI-Chef Matthias Vickermann hält nichts von den Hilfsprogrammen − Und ein Appell an die Baden-Badener: "Wenn der Herr Straß den ganzen Tag hier herumfährt"

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goodnews4-O-TON-Interview von Nadja Milke mit Matthias Vickermann

Baden-Baden, 06.04.2020, 01:00 Uhr, Bericht: Christian Frietsch «Ein ganz großes Trauerspiel» sieht Matthias Vickermann für den ohnehin gebeutelten Baden-Badener Einzelhandel. Nach Leo-Krise, dem für die Textilanbieter ausgefallenem Geschäft mit der Winterbekleidung, gibt nun manchen die Corona-Krise den Rest.

Von den sogenannten Soforthilfen von Bund und Land hält der Vorsitzende des Einzelhändlervereins Baden-Baden Innenstadt wenig.

«Wenn man sich das genauer durchliest, sieht man, dass man die gesamte geschäftliche wie auch private Liquidität erstmal investieren muss bevor man diesen Zuschuss bekommt», kritisiert er das Soforthilfeproramm der Landesregierung. Inzwischen hat die Landesregierung in diesem Punkt nachgebessert zahlt die Corona-Soforthilfe ohne Prüfung des privaten Vermögens aus. goodnews4.de berichtete. Aber auch in dem Kreditprogramm der Bundesregierung sieht er keine Hilfe: «Einen Kredit aufzunehmen mag zwar im ersten Moment die Liquidität sichern, aber der Kredit muss ja auch wieder zurückgeführt werden. Und ich glaube, gerade im Handel sind so viele Geschäftsmodelle leider noch so aufgestellt, dass man da keine großen Rücklagen bilden kann. Wovon soll dann in Zukunft der Kredit noch zurückgezahlt werden?»

Und Matthias Vickermann richtet dann auch einen Appell an die manchmal wenig empathischen Mitbürger, die sich über den Verlust der Angebote in der Stadt beklagen, aber bei gleichem Preis und gleichen Bedingungen Online-Angebote bestellen. Er nennt dabei das Beispiel der Baden-Badener Buchhandlung Straß, die Bücher bei Bestellung in der Stadt auch ausliefert. «Wenn ich gerade das Beispiel nehme von Herrn Straß, der den ganzen Tag hier rumfährt und Bücher just in time zum gleichen Preis wie ein Online-Händler ausliefert, also da finde ich gehört es sich nicht, auch vom moralischen Aspekt, jetzt noch irgendwo anders Bücher zu bestellen. Also wenn man hier in dieser Stadt wohnt, dann sollte man bitte dort auch das Buch bestellen und es sich von ihm mit dem Fahrrad anliefern lassen, wo doch der Preis der gleiche ist.»


Abschrift des goodnews4-O-TON-Interviews mit Matthias Vickermann, Vorsitzender des Vereins Baden-Baden Innenstadt:

goodnews4: Herr Vickermann, die allererste Frage in diesen Tagen: Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Matthias Vickermann: Ich haben ja auch ein bisschen mein kleines Lungenleiden, aber das habe ich ganz gut im Griff und bin jetzt auch Tag für Tag auf dem Weg der Besserung, gehöre Gott sei Dank nicht zu den Risikopatienten, aber man ist ja trotzdem ein bisschen vorsichtig, dass man sich nicht noch etwas einfängt.

goodnews4: Neben der gesundheitlichen Krise durch das Coronavirus wird ja jetzt auch die wirtschaftliche Krise ganz deutlich. Sie sind er Vorsitzende der BBI. Was hören Sie denn Konkretes von Ihnen Mitgliedern und Kollegen über deren wirtschaftliche Zukunftsprognosen?

Matthias Vickermann: Das ist natürlich bei allen das gleiche Thema, da gibt es nicht einen, der sagt: «Wow, das ganze betrifft mich nicht.» Es gibt unterschiedliche Thematiken, wie die Leute betroffen sind. Ein paar dürfen ja auch noch geöffnet haben, wobei die Umsätze da minimal sind. Aber die, die wirklich komplett geschlossen haben müssen und dann noch aus gewissen Bereichen sind, wie zum Beispiel Textiliten, die jetzt ein sehr schlechtes Wintergeschäft hatten, einen schwachen Januar und Februar und jetzt, wo die Sonne scheint und die Frühjahrskollektion losgehen sollte, dann on top noch die Corona-Grippe kommt. das trifft natürlich manche jetzt fulminant. Das ist jetzt ein riesen Thema für manche. Restaurant genauso. Ich kann nicht einen einzigen rausnehmen, wo ich sage: «Wow, das Geschäft funktioniert.» Vielleicht ein paar Supermärkte, die also wirklich diese existenzwichtigen Dinge stellen. Aber bei den BBI-Mitgliedern ist das jetzt gerade schon ein ganz großes Trauerspiel. Viele haben ja schon kurz vor der Krise auch gekündigt, das haben wir immer wieder, es machen auch neue Geschäfte auf. Aber ich glaube, dass dieses Virus machen nochmal so zusetzen wird, da werden schon manche das Geschäft schließen. Von zwei habe ich letzte Woche erfahren, die zumachen werden, weil sie einfach sagen, dass sie das über eine so lange Zeit nicht ausstehen können.

goodnews4: Gibt es schon eine Resonanz zu den Soforthilfen des Landes und dem Rettungsschirm des Bundes? Hilft das etwas?

Matthias Vickermann: Also ich persönlich sehe es nicht so. Einen Kredit aufzunehmen mag zwar im ersten Moment die Liquidität sichern, aber der Kredit muss ja auch wieder zurückgeführt werden. Und ich glaube, gerade im Handel sind so viele Geschäftsmodelle leider noch so aufgestellt, dass man da keine großen Rücklagen bilden kann. Wovon soll dann in Zukunft der Kredit noch zurückgezahlt werden? Das ist das eine Thema. Das andere ist diese unglaubliche Anzahl von Anträgen, die gestellt wurden für die Soforthilfe. Wenn man sich das aber genauer durchliest, sieht man, dass man die gesamte geschäftliche wie auch private Liquidität erstmal investieren muss bevor man diesen Zuschuss bekommt. Das heißt, die Einzelhändler oder Kleinstunternehmen werden erstmal sozusagen blank gemacht bis alles, was sie haben, ausgegeben wird und dann kann man die Soforthilfe beantragen. Wenn ich jetzt überlegen, jemand hat 4,5 Mitarbeiter – es gibt ja verschiedene Schlüssel, wie Auszubildende oder 450-Euro-Kräfte gerechnet werden – also knapp unter fünf Mitarbeitern, dann bekommen die 9.000 Euro für drei Monate. Wenn jemand fünf Mitarbeiter hat und die auf Kurzzeit schon umgestellt hat, die Gehälter mit Lohnnebenkosten mal fünf mit Mieten, mit Versicherungen – alles, was man im Monat so zu zahlen hat – sind diese Unternehmen trotzdem bei 12.000, 13.000, 14.000, 15.000 Euro Fixkosten ohne irgendwelchen Materialeinkauf. Bei drei Monaten sind das 45.000 Euro. Wenn es sich irgendwann mal wieder gibt und die Geschäfte wieder aufmachen dürfen, dann werden 9.000 Euro nicht ausreichen, um so eine große Summe gegenzurechnen. Also diese Soforthilfe ist wirklich so ganz akut, wenn jemand jetzt wirklich so kurz vor dem Monatswechsel steht und nicht weiß, wie die Miete zu zahlen ist oder die Gehälter, aber dann wird es vielleicht für diesen Monatswechsel reichen. Die Frage ist: Was passiert danach? Ich glaube nicht, dass am 19. April alle Geschäfte, alle Restaurants von mittags bis abends wieder aufhaben dürfen. Es wird vielleicht leichte Lockerungen geben, wenn wir Glück haben, aber den Punkt, wie wir das Leben zuvor kannten, ich vermute das wird noch ein bisschen länger dauern. Das ist meine persönliche Einschätzung.

goodnews4: Gibt es von Ihnen schon eine Prognose, wie viele Baden-Badener Einzelhändler die Krise vielleicht nicht überstehen werden?

Matthias Vickermann: Das kann ich nicht sagen. Ich weiß natürlich nicht – und das ist das Entscheidende – wie viele Rücklagen sind dort, welches Verhältnis haben die zu den Banken, gibt es welche, die schon allemal mit dem Rücken sehr an der Wand standen und schlechte Jahre erlebt haben und die Umsätze nicht hatten oder einfach zu viel Geld ausgegeben haben? Das weiß ich natürlich nicht. Aber ich vermute schon, dass ein gewisser Prozentsatz zumachen wird, nur das kann ich noch gar nicht abschätzen, da fehlt mir auch das Feedback. Dadurch, dass alle geschlossen haben und viele daheim sind, gibt es auch keine WhatsApp-Gruppe von allen BBI-Mitgliedern, wo dann gegenseitig erzählt wird, wie wer tickt und wie wer vorangeht. Ich selbst bin auch gespannt, wenn man mal den nächsten Jahreswechsel nimmt, mal zu sehen in unserer Liste wer noch bei uns Mitglied ist und wer nicht – sprich, welches Geschäft noch existiert und was passiert. Wir haben ja kurz vor der Krise noch gesagt: «Jetzt hat der H&M zugemacht.» Von ein paar anderen Geschäften haben wir etwas mitbekommen, was ich ja vorhin berichtet habe. Ich glaube, jetzt wird vielen die Entscheidung einfach nochmal bewusster, das Geschäft zuzumachen. Und das tut mir in der Seele weh, weil wir haben ja echt eine verdammt schöne Stadt und jetzt kommt so etwas – das haben die alle nicht verdient.

goodnews4: Haben Sie denn einen Wunsch an die Verantwortlichen der Politik in Bund, Land und vielleicht auch in der Stadt Baden-Baden?

Matthias Vickermann: Erstmal habe ich einen Wunsch an die gesamte Bevölkerung, zu sehen: Wer hat noch auf, wer bietet Lieferservice? Wenn ich gerade das Beispiel nehme von Herrn Straß, der den ganzen Tag hier rumfährt und Bücher just in time zum gleichen Preis wie ein Online-Händler ausliefert, also da finde ich gehört es sich nicht, auch vom moralischen Aspekt, jetzt noch irgendwo anders Bücher zu bestellen. Also wenn man hier in dieser Stadt wohnt, dann sollte man bitte dort auch das Buch bestellen und es sich von ihm mit dem Fahrrad anliefern lassen, wobei der Preis der gleiche ist. Es gibt viele, die tolle Lieferdienste anbieten und das ist ein Appell an die gesamten Bürger der Stadt, das, was es gibt, zu nutzen. Wir werden das jetzt auch demnächst online stellen, das gibt es sogar schon online bei der Stadt, wir werden es noch in den sozialen Medien bewerben, das wird in die Presse noch gehen, dass man mal einen Überblick hat welche Unternehmen, Restaurants was anbieten zu welchen Öffnungszeiten. Da kann man durch seinen Konsum schon vielen sehr gut helfen. Das war der erste Punkt. Und zweitens, bei der Bundesregierung glaube ich auch, wir zahlen alle wirklich sehr viel Steuern und Abgaben, und das seit Jahren und jetzt ist so ein Punkt, wo das auch wieder zurückkommt. Und das muss nicht zurückkommen in Form von Krediten, wo etwas nach hinten raus verlagert wird, sondern wirkliche Soforthilfen und dass man dann sagt, man schaut sich als Grundlage die BWA an, das finde ich viel fairer, und sagt, das klassische Geschäftsmodell ist aufgrund des Coronavirus jetzt einfach zum Erliegen gekommen und dann kommt eine Soforthilfe. Und nicht noch mit zig Auflagen, dass man da auf Eid versichern muss, was man privat noch hat. Also da muss eine andere Lösung her. Diese 9.000 Euro sind nett gemeint, aber sie werden nicht die Rettung der Unternehmen sein, die sowieso schon mit dem Rücken an der Wand stehen.

goodnews4: Kann auch die Stadt Baden-Baden etwas tun?

Matthias Vickermann: Ja klar, jeder kann etwas tun. Momentan klappt es ja schon sehr gut, mit Herrn Lautenschlager bin ich oft im Austausch, gerade wegen dieser Onlinestellung, dass wir zeigen, welche Händler mitmachen. Da muss ich sagen, das ist ein hohes Engagement der Stadt, wunderbar, bin ich wirklich happe damit. Aber auch da: Die Unternehmen zahlen ja wirklich kräftig Gewerbesteuer, das hat auch einen Grund, wofür die ist, aber ich glaube jetzt wäre es natürlich auch toll, wenn die Stadt einfach mal sagen würde – uns wenn es nur eine Quartalszahlung der Gewerbesteuer ist – man setzt die mal runter für ein Jahr oder setzt mal eine Zahlung aus. Und es geht dabei wirklich nicht um Stundung, sondern darum zu sagen: «Wir verzichten auch mal.» Wie die Händler können nicht noch mehr verzichten. Das ist das Problem. Das tun die schon seit langer Zeit. Wir haben auch in unseren Interviews schon über viele Problemchen gesprochen und auch große Probleme, denen der Handel ausgesetzt ist. Aber ich glaube, jetzt ist es an der Zeit, dass sich alle zusammenraufen und insofern fände ich es auch gut, wenn die Stadt da nochmal irgendwelche Möglichkeiten bieten könnte in finanzieller Hinsicht, dass richtige Entlastungen kommen und nicht Aufschiebung. Aufschiebung ist wieder nur in die Zukunft und es wird damit nicht ausgetragen.

goodnews4: Jetzt kann der Staat ja nicht alles regeln, was fällt Ihnen noch ein, um durch die Krise zu kommen?

Matthias Vickermann: Ich bin ganz verblüfft, wie viele Geschäfte einfach einen Service anbieten. Da bin ich immer ganz baff und das freut mich auch sehr. Ich habe das gerade von der Frau Höll mitbekommen, von der Papeterie, die verteilt wirklich selbst in der Stadt in die Briefkästen ein Formular, man kann online gehen, kann sich seine Artikel raussuchen, kann das dort per Fax oder E-Mail zuschicken und dann wird das auch ausgeliefert. Viele erfinden sich neu mit Lieferdiensten und Serviceangeboten, die es vorher nicht gab. Auch die Restaurants, die vorher nie einen Lieferservice angeboten haben oder Abholdienste. Ich glaube, ein Großteil sollte sich vielleicht mal Gedanken machen, ob er irgendwelche Chancen sieht, da auch mitzumachen. Und wenn es auch nur kleine Umsätze sind. Ich sage mir momentan: Lieber einen kleinen Umsatz als gar keinen. Wenn ich es bei uns ansehe, wir dürfen auch geöffnet habe, dass wir diese Grundversorgung an Schuhreparatur anbieten und das machen wir auch gerne. Die Umsätze sind minimalst, aber trotzdem: Das jeden Tag über einen ganzen Monat ist auch Geld und man ist froh, wenn man das mitnehmen kann und wenn ich damit das Gehalt eines Mitarbeiters schon tragen kann, bin ich doch schon froh und dankbar. Da sehe ich nochmal eine Chance für manche Händler. Und ansonsten appelliere ich auch an die Banken, dass sie es auch einfach machen für Händler, die wirklich sagen: «Ich habe nur für zwei Monate ein Liquiditätsproblem, aber sonst bin ich wirtschaftlich so gesund aufgestellt, dass ich auch einen Kredit später ohne Probleme wieder zurückzahlen kann, der dann vielleicht drei, vier Jahre dauert.» Dass die Banken es jetzt auch einfacher machen, dass man sagt: «Ok, wir haben eine Geschäftsbeziehung seit zwanzig Jahren.» Und da muss man das auch mal in die Waagschale werfen, dass da nicht lange rumgefackelt wird, sondern gesagt wird: «Ja, jetzt gibt es die Kreditzusage und die Liquidität wird gehalten.» Weil das Problem ist ja, wenn die Geschäfte zumachen, haben die Mitarbeiter, die Mitarbeiter zahlen auch Mieten, der Vermieter bekommt Geld – dieser ganze Rattenschwanz, der da hintendran kommt, das ist das, was ich am meisten mit Besorgnis sehe. Nicht nur der einzelne Händler, sondern alles, was an dem Händler, an dem Mitarbeiter hintendran steht. Das ist diese große Welle, wo ich hoffe, dass wir die in den Griff kriegen, dass sie nicht zu sehr nach unten ausschlägt.

goodnews4: Da hoffen wir mit. Vielen Dank für das Interview, Matthias Vickermann, und alles Gute.

Matthias Vickermann: Das wünsche ich Ihnen auch, vielen herzlichen Dank.

Das Interview führte Nadja Milke für goodnews4.de.

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goodnews4-O-TON-Interview von Nadja Milke mit Matthias Vickermann

 


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