Gastkommentar

Kursbestimmung für Baden-Baden – Die digitale Innenstadt beginnt auf dem Smartphone – Gastkommentar von Thomas Bippes

Kursbestimmung für Baden-Baden – Die digitale Innenstadt beginnt auf dem Smartphone – Gastkommentar von Thomas Bippes
In Baden-Baden braucht das richtige Maß zwischen Kultur- und Kurgästen und „good-good life“-Party-Rummel.

Bild Thomas Bippes Gastkommentar von Thomas Bippes
01.06.2026, 00:00 Uhr



Baden-Baden In unregelmäßigen Abständen veröffentlicht goodnews4.de Beiträge von Gastkommentatoren. Zum engeren Kreis gehören der Baden-Badener Bestsellerautor Franz Alt und Thomas Bippes, der sich insbesondere den Themen der Digitalisierung, IT und Künstlichen Intelligenz zuwendet.

Thomas Bippes ist Professor für Medien, Kommunikation und Online Marketing an der SRH-Fernhochschule - The Mobile University. Dort leitet er die Studiengänge Kommunikation und Medienmanagement B.A., Kommunikation und Content Creation B.A. sowie Online Marketing B.A.. Thomas Bippes ist Gesellschafter der Online Marketing Agentur PrimSEO in Baden-Baden.

In seinem Gastkommentar befasst sich Thomas Bippes mit den Möglichkeiten und Chancen einer digitalen Innenstadt für Baden-Baden. Dabei ist die Frage zu stellen, ob Verantwortliche in Stadtverwaltung und der Tochtergesellschaften der Stadt und einflussreiche Lobbyisten ihre Interessen zurückstellen können. Eine digitale Innenstadt-Kommunikation setzt ein Briefing zugunsten aller Baden-Badener voraus. Setzt dieses Briefing auf Tages- und Massen-Tourismus? Dann ist das für die digitale Umsetzung eine einfache Übung. Schwieriger wird es, wenn ein ausgewogenes Maß gefunden werden muss zwischen den Interessen feinsinniger Kultur- und Kurgäste, die vielleicht sogar etwas Ruhe suchen einerseits und dem «good-good life»-Party-Rummel mit Gästen aus dem Umland andererseits. In seinem Kommentar stellt der Uni-Professor für Kommunikation viele Fragen, die erstmal beantwortet werden müssen. Nicht-öffentliche Sitzungen im Rathaus und ein Delegieren an die vor sich hinmauschelnden Tochtergesellschaftten der Stadt sind aber wohl der falsche Platz für eine Meinungsbildung dieser Kursbestimmung für Baden-Baden.

 

Kommentar: Thomas Bippes Innenstädte stehen unter Druck. Der Onlinehandel verändert Einkaufsgewohnheiten, der Wettbewerb zwischen Städten nimmt zu, Gastronomie und Handel kämpfen mit steigenden Kosten, Fachkräftemangel und veränderten Erwartungen. Zugleich bleibt die Innenstadt das Herz einer Stadt: Einkaufsraum, Begegnungsort, Kulturbühne, touristisches Ziel, Arbeitsplatz und Identifikationspunkt.

Gerade deshalb reicht es nicht, über die Zukunft der Innenstadt nur in Kategorien wie Parkplätze, Leerstände, Events oder Ladenöffnungszeiten zu sprechen. All das ist wichtig. Aber eine entscheidende Frage wird noch immer unterschätzt: Wie sichtbar, auffindbar und erlebbar ist eine Stadt im digitalen Raum?

Die Innenstadt der Zukunft beginnt nicht erst am Schaufenster. Sie beginnt auf dem Smartphone. Wer heute eine Stadt besucht, informiert sich vorher und unterwegs digital. Was ist heute los? Wo kann ich parken? Welches Restaurant ist in der Nähe? Welche Veranstaltung lohnt sich? Welche Geschäfte gibt es? Wie komme ich vom Hotel in die Innenstadt? Was empfiehlt Google? Was zeigen Karten-Apps? Was schlagen KI-Systeme wie ChatGPT vor?

Diese Fragen entscheiden darüber, ob Menschen in die Innenstadt kommen, wie lange sie bleiben, welche Wege sie gehen und ob aus touristischer Aufmerksamkeit auch wirtschaftliche Wertschöpfung vor Ort entsteht.

Wie eng Tourismus, Innenstadt und lokale Wirtschaft miteinander verbunden sind, zeigt die BWIHK-Studie «Handel, Innenstadt und Tourismus 2025». Für Baden-Württemberg wird dort ein Gesamtumsatz der Tourismus- und Freizeitwirtschaft von 25,9 Milliarden Euro ausgewiesen. 8,2 Milliarden Euro davon fließen in den Einzelhandel. Zugleich wurden 458 Millionen Tagesreisende ermittelt. Diese Zahlen machen deutlich: Tourismus ist nicht nur Imagepflege. Für Baden-Baden müsste die Feststellung lauten: Tourismus ist kein isoliertes Aufgabenfeld, sondern ein zentraler Motor der lokalen Wirtschaft. Gäste schaffen Frequenz, Kaufkraft und Aufmerksamkeit – und damit Wertschöpfung für Hotellerie, Gastronomie, Einzelhandel, Kultur, Gesundheitswirtschaft und Veranstaltungen.

Touristische Effekte entstehen nicht automatisch und auch nicht aus einer Black Box heraus. Sie entstehen dort, wo Ziele, Zuständigkeiten und Maßnahmen transparent miteinander verbunden werden. Diese Transparenz ist wichtig, weil Bürgerinnen und Bürger nachvollziehen können müssen, warum eine Stadt bestimmte Schwerpunkte setzt, welche Wirkung sie erwartet und welchen Nutzen dies für Gäste, Handel, Gastronomie, Kultur und Einheimische hat.

Doch Transparenz allein genügt nicht. Die Menschen müssen auf diesem Weg mitgenommen werden. Eine digitale Innenstadtstrategie kann nur dann Akzeptanz finden, wenn sie nicht über die Köpfe der Bürgerinnen und Bürger hinweg entwickelt wird, sondern ihre Perspektiven, Erfahrungen und Erwartungen einbezieht.

Gäste besuchen Veranstaltungen, buchen Hotels, gehen essen, kaufen ein und empfehlen eine Stadt weiter. Ob daraus Frequenz für die Innenstadt entsteht, hängt davon ab, ob Angebote sichtbar, verknüpft und einfach nutzbar sind. Eine Stadt kann noch so viele attraktive Orte haben: Wenn sie digital nicht auffindbar sind, bleiben sie praktisch unsichtbar. Deshalb braucht modernes Stadtmarketing einen klaren Markenkern, präzise definierte Zielgruppen und eine digitale Sichtbarkeit, die nicht dem Zufall überlassen wird.

Digitalisierung bedeutet dabei nicht einfach: Wir brauchen eine App. Eine App kann hilfreich sein. Aber sie ist nur dann wertvoll, wenn dahinter eine gemeinsame Strategie steht. Entscheidend sind aktuelle und strukturierte Daten, hochwertige Inhalte, die sowohl für Nutzerinnen und Nutzer als auch für Suchmaschinen und KI-gestützte Empfehlungssysteme verständlich sind, eine funktionierende Kartenintegration, digitale Besucherlenkung, einfache Buchungs- und Informationswege sowie eine Kommunikation, die konsequent aus Sicht der Zielgruppen gedacht ist.

Der Trendradar 2026 zur digitalen Transformation im Tourismus zeigt, dass digitale Technologien für touristische Betriebe und Destinationen zu einem zentralen Zukunftsthema werden. Der Gast erlebt eine Stadt als Ganzes. Genau so muss sie digital auch kommunizieren. Die digitale Öffentlichkeit kennt keine kommunalen Zuständigkeitsgrenzen. Für Städte bedeutet das: Stadtmarketing, Tourismus, Wirtschaftsförderung, Events, Kultur, Handel und Gastronomie müssen stärker zusammengedacht werden.

Der Smart City Index von Bitkom zeigt regelmäßig, wie stark Digitalisierung inzwischen als kommunaler Wettbewerbsfaktor verstanden wird. Gemessen werden nicht nur digitale Verwaltungsangebote, sondern auch Mobilität, Infrastruktur, Kommunikation und gesellschaftliche Teilhabe. Digitalisierung führt Menschen in die Stadt zurück. Sie macht Angebote sichtbar, senkt Orientierungshürden, schafft Anlässe, verbindet Orte und verlängert Aufenthalte. Die beste digitale Innenstadt ist am Ende die, die reale Begegnung ermöglicht.

Gerade Städte mit starker Marke, touristischer Bedeutung und vielfältigem Kulturangebot haben hier große Chancen. Sie verfügen bereits über Attraktivität, Geschichten, Orte, Veranstaltungen und emotionale Anziehungskraft. Die Aufgabe besteht darin, diese Stärken besser zu verknüpfen und digital konsequenter sichtbar zu machen.

Dazu braucht es weniger Einzelkommunikation und mehr integrierte Standortkommunikation. Weniger Nebeneinander, mehr Zusammenspiel. Weniger Zuständigkeitsdenken, mehr Nutzerperspektive.

Tourismus ist von Wirtschaftsförderung nicht zu trennen. Eine digitale Innenstadtstrategie ist datengetrieben, performanceorientiert und verlangt ein hohes Maß an strategischem Know-how in Kommunikation, Tourismus, Wirtschaftsförderung und Online-Marketing.

Wer die Innenstadt stärken will, muss die Stadt deshalb auch digital denken. Nicht irgendwann. Sondern jetzt.




Zurück zur Startseite und zu den weiteren aktuellen Meldungen.