Gastkommentar

Wirtschaft ist kein Nullsummenspiel, bei dem der eine verliert, der andere gewinnt -Gastkommentar von Wolfgang Grenke

Wirtschaft ist kein Nullsummenspiel, bei dem der eine verliert, der andere gewinnt -Gastkommentar von Wolfgang Grenke
Der Baden-Badener Unternehmer Wolfgang Grenke. Foto: Archiv

Baden-Baden, 21.10.2025, Bericht: Redaktion Als Gastkommentar veröffentlicht goodnews4.de eine Rede von Wolfgang Grenke, die er an der Hochschule SRH in Heidelberg anlässlich der Feier für die Absolventen der Hochschule hielt.

Der Baden-Badener Unternehmer ist eines der sechs Mitglieder des University Boards. Vor acht Jahren verlieh die Hochschule SRH Wolfgang Grenke den Titel eines Senators h. c..

Liebe Absolventinnen und Absolventen,
sehr geehrte Professorinnen und Professoren,

liebe Familien, Freunde und Gäste, vor ziemlich genau 50 Jahren habe ich selbst studiert, und zwar an der Universität Karlsruhe. Damals trugen viele von uns Schlaghosen, aber noch keiner ein Smartphone. Steve Jobs gründete in einer Garage die Apple Computer Company – bis zur Vorstellung des ersten iPhone 2007 war es noch ein weiter Weg.

Es gab in meiner Studienzeit keine Laptops, keine E-Mails – und wenn man einen Taschenrechner dabeihatte, galt man schon als modern. Und doch war es eine Zeit des Aufbruchs. Wir wollten gestalten, verändern, bewegen. Und ich durfte mit dem Wissen, das ich erwerben konnte, ein Unternehmen aufbauen, das heute weltweit tätig ist – und ohne dieses Wissen wäre mir das gar nicht möglich gewesen.

 

Ich stehe also nicht nur als Redner vor Ihnen – sondern als jemand, der, wie Sie, einen großen Teil seines Wissens im Studium erworben hat.

Ich bin überzeugt, dass Sie hier an der SRH gut vorbereitet worden sind, besser vielleicht, als dies für mich vor 50 Jahren überhaupt möglich war.

Mit der Digitalisierung ist Wissen in den letzten Jahrzehnten jederzeit und für jedermann frei verfügbar geworden: Von den Grundlagen der Wirtschafts- wissenschaten bis in die Verästelungen der einzelnen Disziplinen.

Sie haben heute jederzeit die Möglichkeit, sich Wissen anzueignen und zu vertiefen, sich über aktuelle Entwicklungen zu informieren, sich international zu vernetzen.

Manch einer von Ihnen hofft vielleicht auf eine gut bezahlte Stelle in einem der großen Konzerne in Baden-Württemberg – aber gerade die sind aktuell vorsichtig bei Personalentscheidungen. Wenn Sie also eine Anstellung suchen – ist mein Hinweis: Unsere Region ist voller «hidden champions». Neben weltbekannten, großen Firmen gibt es kleine, mttelständische Betriebe, die in der globalen Konkurrenz mit einem Produkt, einer Dienstleistung an der Spitze stehen. Dort kann man viel lernen – nicht immer sind diese Betriebe auch Champions im Online-Recruiting, nicht immer können diese Betriebe Arbeitsbedingungen bieten, wie sie die großen Konzerne bieten. Aber dort werden händeringend Fachkräfte gesucht, dort können Sie mit Ihrem Wissen und Ihrem Enthusiasmus möglicherweise Berge versetzen.

Es braucht Flexibilität, die Bereitschaft anzupacken und sich einzufügen in bereits stehende Strukturen. Change-Management ist angesichts der aktuellen Lage in vielen Betrieben vielleicht mehr gefragt als das Wissen in einem Spezialbereich, das Sie aus dem Studium mitbringen.

Aber wenn Sie nicht den Arbeitsplatz finden, den Sie suchen, oder nicht wissen, wie es weitergehen soll, habe ich einen persönlichen Ratschlag für Sie:

- Analysieren Sie Ihre Fähigkeiten, aber auch die gesellschaftlichen Entwicklungen
- werden Sie eigeninitiativ
- Entwerfen Sie eine Geschäftsidee mit einem handfesten Kundennutzen
- Vernetzen Sie sich – mit Freunden, möglichen Geschäftspartnern, möglichen Kunden.

Ich habe selbst erlebt, wie aus meinem kleinen «Startup» die börsennotierte Grenke-AG wurde.

Seien Sie mutig, suchen Sie Ihren eigenen Weg! Gerade die SRH, aber auch andere Universitäten, Hochschulen und Gründerzentren unterstützen Sie und bieten hervorragende Möglichkeiten für den Start in die Selbständigkeit.

Sie, die heutige Generation von Absolventinnen und Absolventen, starten in eine Welt, die in vieler Hinsicht schneller, digitaler und globaler ist als je zuvor Aber gleichzeitig gibt es Parameter, die sich seit 50 Jahren kaum verändert haben: Auch heute geht es darum, Verantwortung zu übernehmen, unternehmerisch zu denken, und immer wieder neu zu lernen.

Dann macht Wirtschaft auch Spaß, dann ergeben sich Gestaltungsmöglichkeiten, dann stellt sich Erfolg – ich würde besser sagen: Lebens-qualität – ein.

Genau dazu möchte ich Ihnen einige Gedanken mit auf den Weg geben – Erkenntnisse, die ich über Jahrzehnte hinweg gesammelt habe, und die aus meiner Sicht heute genauso relevant sind wie damals.

1. Unternehmen existieren nicht, um Geld zu verdienen.
Das mag für Sie erst einmal paradox klingen – aber der Managementexperte Peter Drucker hat es auf den Punkt gebracht: Die Aufgabe eines Unternehmens besteht darin, Kundennutzen zu schaffen.
Wenn Sie das gut machen, und dabei wettbewerbsfähig bleiben – idealerweise mit einem echten Wettbewerbsvorteil – dann wird auch Wert entstehen: für Shareholder ebenso wie für Stakeholder.
Fokus auf Gewinn als Selbstzweck führt oft in die Irre. Fokus auf Wert für Kunden – das ist der nachhaltigere Weg.

2. Zahlen sind nicht nur Pflicht – sie sind Erkenntnis.
Die Buchführung war früher eine Pflichtübung. Doch wer sie versteht, erkennt in ihr ein Frühwarnsystem, eine Schatztruhe, manchmal auch einen Realitäts-Check.
Aber auch das beste Analyse-Tool ersetzt nicht den scharfen Blick und die richtige Fragestellung. Wer nicht misst, kann nicht steuern. Und wer nur misst, was einfach zu messen ist, verpasst oft das Wesentliche.
Während Prozesse dokumentiert und Zahlen gesammelt werden, fehlt es aber oft an statistisch basierten Prognosen – für die Zukunft eines Produkts, eines Unternehmens, einer Branche.

Hier ist meines Erachtens in Zukunft eine Erkenntnis wichtig, die in der Versicherungswirtschaft schon lange praktiziert wird:
Wir dürfen uns nicht darauf versteifen, was alles passieren könnte, sondern müssen aufzeichnen, was tatsächlich geschieht – und damit unser Wissen erweitern. Nur so können wir in die Zukunft planen. Wir müssen erst fragen: «Wie wahrscheinlich ist etwas», und «welche Folgen hat es tatsächlich». Und nur wenn wir belastbare Daten zu relevanten Fragen haben, können wir den wirtschaftlichen Erfolg einer Idee einschätzen!

3. Wirtschaft ist kein Nullsummenspiel, bei dem der eine verliert, der andere gewinnt. Langfristig erfolgreich sind jene Unternehmen, die faire, partnerschaftliche Beziehungen aufbauen – und erhalten.

4. Verhandeln Sie so, wie Sie selbst behandelt werden wollen. Ein ganz praktischer Rat: Unterschreiben Sie nur Verträge, die Sie auch unterschreiben würden, wenn Sie auf der anderen Seite säßen.
Verträge regeln Beziehungen, nicht Vorteile. Empathie und das faire Miteinander sind die Grundlage für belastbare Geschäftsbeziehungen, erfolgreiche Unternehmen und zufriedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Dieser Gedanke hat mir in vielen Situationen geholfen – nicht nur juristsch, sondern vor allem menschlich. Er schafft Vertrauen, spart Zeit, und bewährt sich langfristig fast immer.

Liebe Absolventinnen und Absolventen,

Sie verlassen heute die SRH mit einem Werkzeugkoffer voller Wissen – aber wie Sie den einsetzen, liegt bei Ihnen.
Sie werden in eine Welt hinausgehen, in der vieles im Wandel ist. Technologien verändern Märkte, Werte verändern Erwartungen und die großen Fragen – wie wir wirtschaften, konsumieren, führen wollen – sind offener denn je.

Ich wünsche Ihnen deshalb vor allem, dass Sie neugierig bleiben, mutig entscheiden und Verantwortung nicht scheuen – sondern suchen.

Sie haben heute einen bedeutsamen Meilenstein erreicht. Feiern Sie ihn – Sie haben es sich verdient. Aber sehen Sie ihn nicht als Ziel, sondern als Startpunkt. Das Schlagwort vom «lebenslangen Lernen» ist in der Wirtschaft nichts Neues. Ich kann Ihnen versichern, dass es diese Offenheit für Neues ist, die nicht nur im Betrieb, sondern auch im gesellschaftlichen Miteinander Erfolg bringt.

Wie oft haben sich Unternehmerinnen und Unternehmer auf ihrem Erfolg ausgeruht … und wichtige Entscheidungen für die Zukunft ihres Unternehmens verschlafen.
Das soll Ihnen nicht passieren!
Gestalten Sie die Welt von morgen nicht als Zuschauer, sondern als Mitwirkende. Nicht nur effizient, sondern mit Haltung.

Ich gratuliere Ihnen herzlich zu Ihrem Abschluss – und wünsche Ihnen Erfolg, Erfüllung und vor allem: Freude an dem, was kommt.

Vielen Dank




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