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Kommentar von Christian Frietsch

"Saure Zitrone" für Bauprojekt der Stadtwerke Baden-Baden – Baukulturpreis 2019 für Villa Victoria-Luise – Wolfgang Niedermeyer: "Mitglieder entscheiden nach Bauchgefühl"

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goodnews4-VIDEO-Interview von Nadja Milke mit Wolfgang Niedermeyer

Baden-Baden, 17.01.2020, 00:00 Uhr, Kommentar: Christian Frietsch Lange Zeit galt der Verein Stadtbild im Baden-Badener Rathaus als eine Art Störenfried. Das hat sich geändert. Die Zeit, in der für überdimensionierte Flachdachbauten großzügige Baugenehmigungen erteilt wurden, sind vorüber. Nicht selten handelte es sich um mit dem Rathaus gut verbandelte Architekten oder Planer, die für ihre Bauherren den Weg frei machten. Die Folgen für das Stadtbild sind in den Baden-Badener Halbhöhenlage in Form von austauschbaren, überdimensionierten Betongebäuden zu bestaunen.

Für ein Bewusstsein für das ästhetische Kapital unserer Stadt wirbt der Verein Stadtbild weiter. Mit einer «Sauren Zitrone» wollen die Mitglieder auf Bausünden aufmerksam machen und mit einem «Baukulturpreis» auf ein besonders gelungenes Beispiel im Sinne des international bekannten charakteristischen Baden-Badener Stadtbildes.

Zum Verfahren der ausgezeichneten Gebäude sagte Stadtbildchef Wolfgang Niedermeyer: «Dreizehn Projekte waren zu beurteilen, es ist kein Wettbewerb in dem Sinne, sondern die Mitglieder entscheiden nach einem Bauchgefühl, nach der Anmutung dessen, was ihnen da vorgeführt wird.» Die Kritik, die zur «Sauren Zitrone» für die Stadtwerke Baden-Baden und die Verleihung des «Bestpreis» für die Villa Victoria-Luise führte, erklärt Wolfgang Niedermeyer im goodnews4-VIDEO-Interview.

Von den Mitgliedern des Vereins Stadtbild wird jedes Jahr über die Anmutung der aktuellen Neubauten und Denkmalrestaurierungen im Stadtgebiet abgestimmt. Dabei wird für den unglücklichsten Eingriff in das Stadtbild traditionell eine «Saure Zitrone» und für das gelungenste Bauwerk ein Bestpreis vergeben. Beim Stadtbildstammtisch im Januar war nun die Auswertung der Mitgliedermeinung vorgestellt worden. Die «Saure Zitrone» ging an das Funktionsgebäude der Stadtwerke am Parkplatz Stephanien-/Hardstraße. Die Villa Victoria-Luise in der Hermann-Sielken-Straße hat «nach jahrzehntelanger Nutzung als Bürogebäude durch den SWR neues Leben eingehaucht bekommen und ist als beste Denkmalrestauration jugendfrisch wieder im Stadtbild präsent», heißt es in einer Würdigung des Vereins. Bewohnt werde die Villa «von einer jungen Familie». Auch dies ein positives Zeichen für die wohl eher überalterte Innenstadt, die wie auf dem SWR-Gelände der Zielsetzung «Paare über 50, Singles, Zweithaushalte ohne Kinder» folgt. goodnews4.de berichtete.

Weitere Villen in der Kernerstraße, Hardbergstraße und Eckbestraße teilen sich einen zweiten Preis. Eine ausführliche Würdigung werde mit Übergabe des Bestpreises im Beisein der Bauherrschaften beim Stadtbildstammtisch am 19. Februar 2020 erfolgen, ließ der Verein Stadtbild wissen.


Abschrift des goodnews4-VIDEO-Interviews mit Wolfgang Niedermeyer, Vorsitzender Verein Stadtbild Baden-Baden:

goodnews4: Der Verein Stadtbild ist der Anwalt für den Erhalt eben jenes Stadtbildes in Baden-Baden und da gibt es immer wieder gute Nachrichten und schlechte Nachrichten. Einen Preis verleihen sie jedes Jahr für den «unglücklichsten Eingriff in das Stadtbad». Über diese saure Zitrone kann sich die Stadtwerke Baden-Baden dieses Jahr freuen. Was ist ihr wesentlicher Kritikpunkt?

Wolfgang Niedermeyer: Ja, Frau Milke, vielen Dank für die Blumen zunächst einmal. Natürlich bemühen wir uns, aber wir können halt nur durch Argumente, durch das gesprochene Wort, weniger durch die Tat einwirken und freuen uns natürlich, dass wir schon seit acht Jahren immerhin unseren Mitgliedern zur Wahl stellen können das Baugeschehen des Jahres, diesmal des Jahres 2019. Dreizehn Projekte waren zu beurteilen, ist natürlich kein Wettbewerb in dem Sinne, sondern die Mitglieder entscheiden, ich sage mal nach einem Bauchgefühl, nach der Anmutung dessen, was ihnen da vorgeführt wird. In diesem Fall stehen wir ja vor einer Anmutung, die durchaus von vielen als Zumutung gesehen wird. Hier ist eine Chance vertan worden, das muss man ganz klar sagen. Es ist eigentlich ein Ansporn, was wir hier sehen, es nächstes Mal besser zu machen. So möchte ich das mal bezeichnen. Es kann nur besser werden, es kann nur aufwärts gehen. Leider ist es so geendet, wie es hier ist, es wären Ansätze, vielleicht mit etwas mehr Kapitalaufwand, gewesen, es zu verbessern, aber jetzt steht halt die Kiste hier, mitten in einer Umgebung, die ja für sich spricht. Das sind historische Gebäude, die Straße führt genau auf diese Achse zu und es wäre also, wenn man so will, hier ein tolles Ereignis gewesen, wenn man die Gelegenheit ergriffen hätte, dieses Gebäude verschwinden zu lassen im Hintergrund, was möglich gewesen wäre. Das ist leider nicht passiert, aber, wie gesagt, es soll ja ein Ansporn sein für alle, sich das anzugucken und es demnächst, wenn ähnliche Dinge anstehen, besser zu machen.

goodnews4: Doch nochmal ganz kurz zusammengefasst, was sind denn die wesentlichen Kritikpunkte an dem Gebäude?

Wolfgang Niedermeyer: Ja, das Haus steht ja im Weg, und zwar aus vielen Richtungen steht es im Weg. Es steht diagonal, es steht in der Hauptsichtachse von dem dahinter stehenden Gebäude, es ist farblich ja verkleidet worden, es war das ganze Jahr über ein weißer Putzbau, irgendeine heilende, oder ich sage mal helfende Hand hat wohl gedacht, wenn wir das etwas farblich runterschrauben von weiß auf dunkler, dann könnte es besser werden. Nur die Materialität, die hier gewählt wurde, sind ja dünne Fliesen, es ist ja kein Naturstein, es hat also nichts mit Baden-Badener Baugeschehen zu tun. Es ist eine Verblendung, es ist eine, naja, Camouflage, die hier entstanden ist. Das sind so die Hauptgesichtspunkte.

goodnews4: Es gibt aber auch eine gute Nachricht. Der «Bestpreis» ging an die Villa Victoria-Luise in der Hermann-Sielcken-Straße. Ihre Mitglieder haben darüber entschieden, was hat die denn besonders positiv beeindruckt bei dieser Denkmal-Restauration?

Wolfgang Niedermeyer: Diese Villa steht also am Rande des SWR-Geländes und wurde jahrzehntelang vom SWR als Bürogebäude genutzt. Eine ehrwürdige Villa als Büro, das ist ja ein ziemlicher Niedergang und deshalb ist es ja so besonders erfreulich, dass jemand den Mut hat, auch den finanziellen Mut hat, ein solches Gebäude zu kaufen, wiederherzurichten und es zu bewohnen. Denn der Stil dieses Hauses ist natürlich aus dem Anfang letzten Jahrhunderts mit unserem Wohngenfühl kaum noch zu vergleichen. Junge Familien heutzutage wollen eigentlich in der Regel ganz anders wohnen und wer trotzdem diesen Mut aufbringt, sich dieses Haus zu Eigen zu mache und es mit neuem Leben zu erfüllen, der verdient alle Hochachtung und so freuen wir uns nicht nur, dass aus einem Bürogebäude wieder eine stattliche Villa geworden ist, sie beherrscht auch die Umgebung und ich glaube, die Besitzer, und ich hoffe es, werden darin glücklich sein, weil sie eine tolle Lage für ihre Wohnzwecke wiederhergerichtet haben.

goodnews4: Was meinen Sie damit, junge Familien wollen heute anders wohnen als vor rund hundert Jahren?

Wolfgang Niedermeyer: Schauen Sie sich die Villa an, sie hat ja vom Wohnwert her nicht das, was moderne Wohnungen haben, also einen direkt von innen erschlossenen Außenbereich als Wintergarten oder als Vorplatzterrasse, es ist über verschiedene Geschosse, die Wände oben unter dem Dach – ist ja ein riesiges Dach – sind natürlich alle nicht gerade. Es ist ein Repräsentationsbau gewesen und Familien wollen ja heute eigentlich nicht mehr repräsentieren, sondern sie wollen leben mit ihrem Haus und da gehört schon viel Mut dazu, dieses Leben, ein normales, bürgerliches Leben heutiger Zeit in dieses Repräsentationsgebäude hineinzupacken.

goodnews4: Höre ich da raus, dass es auch motiviert hat, dass es sich um eine junge Familie handelt und nicht um die typischen Baden-Badener älteren Herrschaften?

Wolfgang Niedermeyer: Es ist eine zugezogene Familie mit Kindern, die hier heimisch geworden ist und auch hier tätig ist. Das werden wir natürlich erst zur Preisverleihung beim Februar-Stammtisch am 19. Februar breiter bekanntgeben und dann kann man auch diese Preisträger, diese junge Familie, erleben. Das wollen wir uns doch nicht entgehen lassen.

goodnews4: In der Zeit von Oberbürgermeister Wolfgang Gerstner hatte man so den Eindruck, dass das Rathaus die Aktivitäten des Vereins Stadtbild eher als hinderlich sah für die Bauwirtschaft. Ist der Verein denn inzwischen besser angesehen im Baden-Badener Rathaus?

Wolfgang Niedermeyer: Na, ob wir hier etwas verhindern können, das stelle ich doch mal infrage. Ich hatte ja vorhin schon gesagt, wir wirken argumentativ, wir haben überhaupt keine Macht, irgendetwas zu verhindern, wir können nur unsere Argumente, und wir finden, wir haben auch relativ viel gute Argumente, die sich ja auch in der gerade aufgelegten Baufibel zum großen Teil alle wiederfinden. Wir können, glaube ich, in Anspruch nehmen, dass unsere Argumente zumindest inzwischen niedergeschrieben wurden. Ob das unserem Ansehen nutzt oder hilft, das ist eine andere Frage. Aber ich glaube, die grundsätzliche Aufgeschlossenheit das diese Stadt und dieses Image von den Bürgern vertreten werden soll, das war auch bei dem angesprochenen Oberbürgermeister Gerstner zu spüren, denn wir haben mit ihm immer einen guten Kontakt gehabt. Inwieweit wir bei bestimmten Projekten nun uns einbringen konnten, das liegt dann an denjenigen, die die Projekte machen, und weniger an uns.

goodnews4: Die Mitarbeiter in der Stadtverwaltung werden ja zu Recht natürlich alle bezahlt. Die Mitglieder des Vereins Stadtbild sind ehrenamtlich tätig und kämpfen für den Erhalt des Stadtbildes. Können sie denn die Bürger gut motivieren, sich einzusetzen für den Erhalt der schönen, alten Villen in Baden-Baden, aber auch beim ästhetischen, verträglichen Bau von neuen Häusern und Gebäuden?

Wolfgang Niedermeyer: Motivieren ist so eine Sache, dazu gehört ja Öffentlichkeit – schön, dass Sie hier für uns auch bei diesem Gespräch Öffentlichkeit herstellen, sodass wir da etwas rüberbringen können. Wir bemühen uns ja, da wir jeden Monat einen Stammtisch haben, möglichst viel rüberzubringen und ich glaube das wird auch gut aufgenommen. Wir haben im letzten Jahr auch wieder etliche neue Mitglieder dazugewonnen, wir sind auch stolz darauf, dass wir Zulauf haben und den haben wir uns natürlich erkämpft diesen Zulauf, indem die Bürger wissen: «Jawoll, da wird etwas vermittelt in dem Verein und wir kommen dem Stadtbild Baden-Baden, wenn wir diesem Verein zuhören, auf die Spur.» Und das macht uns auch stolz, dass wir das vermitteln können.

goodnews4: Ich bedanke mich für das Interview, Wolfgang Niedermeyer.

Wolfgang Niedermeyer: Ich bedanke mich für das spontane Gespräch hier draußen.

Das Interview führte Nadja Milke für goodnews4.de.

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goodnews4-VIDEO-Interview von Nadja Milke mit Wolfgang Niedermeyer


Erklärung des Vereins Stadtbild Baden-Baden zum Baukulturpreis 2019

Von den Mitgliedern des Vereins Stadtbild wird jedes Jahr über die Anmutung der aktuellen Neubauten und Denkmalrestaurierungen im Stadtgebiet abgestimmt. Dabei wird für den unglücklichsten Eingriff in das Stadtbild traditionell eine «Saure Zitrone» und für das gelungenste Bauwerk ein Bestpreis vergeben. Beim Stadtbildstammtisch im Januar wurde nun die Auswertung der Mitgliedermeinung vorgestellt. Die «Saure Zitrone» ging an das Funktionsgebäude der Stadtwerke am Parkplatz Stephanien/Hardstraße. Die Villa Victoria-Luise in der Hermann-Sielken-Straße hat, nach jahrzehntelanger Nutzung als Bürogebäude durch den SWR, neues Leben eingehaucht bekommen und ist, als beste Denkmalrestauration, jugendfrisch wieder im Stadtbild präsent. Bewohnt wird sie von einer jungen Familie. Der Verein Stadtbild freut sich darüber und sagt: herzlichen Glückwunsch! Weitere Villen in der Kernerstraße, Hardbergstraße und Eckbestraße teilen sich einen zweiten Preis. Eine ausführliche Würdigung erfolgt mit Übergabe des Bestpreises im Beisein der Bauherrschaften beim nächsten Stadtbildstammtisch am 19. Februar 2020.


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