Protestaktion vor Afrika-Kommandozentrale der US-Streitkräfte
Unangenehme Fragen von Franz Alt zu Krieg und Frieden bei Protest in Stuttgart – Hier die Rede des Baden-Badener Bestsellerautors

Baden-Baden, 30.05.2022, Bericht: Redaktion Am Rande des Katholikentags in Stuttgart protestieren etwa 150 Menschen vor der Afrika-Kommandozentrale der US-Streitkräfte in Stuttgart für eine Schließung der US-Militärbasen. Auch der Baden-Badener Autor Franz Alt war als Redner geladen.
Veranstalter der Protestaktion waren die Gesellschaft Kultur des Friedens, GFK, und Pax Christi Rottenburg-Stuttgart.
Franz Alt stellte in seiner Rede unangenehme Fragen, die nicht in den Mainstream dieser Tage und Wochen passen. «Was und wie wäre eine neue Kultur des Friedens anstatt der alten Kriegslogik? Wie könnte die Alternative aussehen? Wie wäre es mit dem Motto ‚Wer Frieden will, muss den Frieden vorbereiten‘? Und wie ginge das konkret und praktisch?», fragt Franz Alt.
Regelmäßig, meist montags, veröffentlicht goodnews4.de Gastkommentare von Franz Alt.
Rede von Franz Alt vor der Afrika-Kommandozentrale der US-Streitkräfte in Stuttgart am 28. Mai 2022:
Die heutige FAZ erschien mit der Überschrift «Frieden schaffen mit mehr Waffen». Das ist die Antwort in Kriegszeiten auf das Motto der Friedensbewegung «Frieden schaffen ohne Waffen».
Seit mehr als 2000 Jahren gilt der altrömische Grundsatz &lauqo;Wer Frieden will, muss den Krieg vorbereiten». Ergebnis: 2.000 Jahre immer wieder Kriege. Ganz in diesem Geist fordern die Verteidigungsminister aller NATO-Staaten immer wieder: «Mehr Geld fürs Militär.» Wir stecken noch immer in der Kriegsfalle, die uns zuflüstert: «Frieden schaffen mit immer mehr Waffen.» Das gilt für die NATO, aber auch für Russland und für China.
Wohin diese unreflektierte Politik führt, haben wir zuletzt in Afghanistan gesehen. Der Westen ist in Afghanistan gescheitert, weil er wieder einmal einen Krieg gewinnen wollte, aber nicht den Frieden. Heute ist Afghanistan ein Friedhof der Großmächte. Auch der Ukraine-Krieg kann nur geführt werden, weil Putin ihn vorbereitet hat.
Was und wie wäre eine neue Kultur des Friedens anstatt der alten Kriegslogik? Wie könnte die Alternative aussehen? Wie wäre es mit dem Motto «Wer Frieden will, muss den Frieden vorbereiten»? Und wie ginge das konkret und praktisch? Wir bräuchten in Europa heute viel Geld für Schienen und Schulen, für Klimaschutz und Kitas und für viele Sozialwohnungen. So wie fast alle anderen Länder auch. Also Geld für zivile Sicherheitspolitik.
Das heißt ganz konkret und praktisch: Beide US-Kommandozentralen hier, das Africom und das Eucom, zu Friedenszentralen umwidmen. Von hier aus werden nämlich die Drohnenkriege der USA in Afrika und Arabien geplant und dies widerspricht ganz eindeutig dem deutschen Grundgesetz, wonach von deutschem Boden aus keine Kriege ausgehen werden dürfen.
Eine neue Politik beginnt mit neuem Denken
Dass auch Abrüstung möglich ist, hat uns vor über 30 Jahren Michail Gorbatschow erfolgreich vorgemacht, ein Realpolitiker mit Visionen. Weil einer den Mut hatte voranzugehen und in einem Umfeld von Hardlinern auf realisierbare Visionen zu setzen, konnten erstmals in der Menschheitsgeschichte ganze Waffensysteme einfach verschrottet werden. Kontrolliert verschrottet. Es wurde tatsächlich abgerüstet anstatt aufgerüstet. Europa wurde sicherer und die friedliche deutsche Einheit möglich. Weil Gorbatschow der größte Abrüster aller Zeiten war. Auf seine Initiative hin wurden in Europa 80 Prozent aller Atomwaffen verschrottet.
Und wie sieht es heute aus, nachdem der alte Wahnsinn des atomaren Wettrüstens gerade wieder von vorne beginnt? Kein Gorbatschow weit und breit. Aber schon wieder ein Denken in der alten Kriegslogik. Steigende Rüstungsetats überall. Waren wir nur kurzfristig lernfähig? Haben wir wirklich keine anderen Sorgen, als schon wieder aufzurüsten?
Es gibt immer Alternativen
Was wäre ein Atomkrieg, fragte ich einst den Fachmann Gorbatschow. Seine Antwort: &lauqo;Ein Atomkrieg wäre wahrscheinlich der letzte Krieg der Menschheitsgeschichte, weil es danach keine Menschen mehr gäbe, die noch einen Krieg führen könnten. Lasst uns diesen Wahnsinn endlich stoppen.»
Die russische und die chinesische Führung zeigen uns gerade wieder, dass und wie Feindbilder aufgebaut und gepflegt werden. In dieser gefährlichen Situation könnte Deutschland vormachen, dass es auch anders geht. Die evangelische Kirche Badens hat dazu ein realistisches und realisierbares Friedenspapier vorgelegt: «Sicherheit neu denken». Danach soll bis 2040 Jahr für Jahr fünf Prozent weniger Geld für Rüstung und Militär ausgegeben und in zivile und ökologische Projekte gesteckt werden.
Es gibt immer Alternativen. Finanziell geben die NATO-Staaten ohnehin weit mehr Geld fürs Militär aus als Russland. Die USA finanzieren mit ihren über 700 Milliarden Dollar jedes Jahr allein 40 Prozent aller weltweiten Rüstungsausgaben. Das muss wirklich nicht sein. Also runter mit den US-Militärausgaben. Alle Völker der Welt würden es ihren Regierenden danken, weil alle Völker der Welt eher Abrüstung als Aufrüstung wünschen. Nach diesem ersten US-Schritt wäre das Vertrauen in weitere Abrüstungsschritte gegeben. Der einzige Verlierer wäre die Rüstungsindustrie. Aber wäre das wirklich ein Verlust? Nein, es wäre ein Gewinn für alle, auch für die Mitarbeiter der Rüstungsindustrie, denn auch sie lebten sicherer in einer Welt mit weniger Waffen.
Warum soll heute nicht klappen, was unter Gorbatschow gelang?
Weniger Waffen bedeuten mehr Sicherheit für alle. Aber die Jobs in der Rüstungsindustrie? Mit Jobs werden auch in Deutschland oft Waffenexporte gerechtfertigt. Wir gehören zu den größten Waffenexporteuren der Welt. Allein mit dem deutschen G3-Gewehr der Waffenschmiede Heckler und Koch am Bodensee wurden nach den Recherchen des renommierten Rüstungskritikers Jürgen Grässlin in den letzten Jahrzehnten zwei Millionen Menschen getötet. Waffenexport ist oft Beihilfe zum Massenmord.
Warum aber sollte heute nicht klappen, was unter Michail Gorbatschow geklappt hat und zur friedlichen deutschen Wiedervereinigung führte? Vor 30 Jahren wurden immerhin 80 Prozent aller Atomwaffen verschrottet, und wir alle träumten von der «Friedensdividende» für soziale und ökologische Projekte. Das muss kein einmaliger Traum bleiben. Eine Kultur des Friedens und der Abrüstung ist auch heute möglich. Doch es fehlt noch immer der politische Wille hinzu.
Vielleicht darf ich auf einem Katholikentag noch an den wunderbaren jungen Mann aus Nazareth erinnern. Jesus hat uns in seiner Bergpredigt «Feindesliebe» empfohlen. Ist das naiv? War Jesus ein Spinner? Feindesliebe heißt ja nicht: Lass dir alles bieten. Sondern: Sei klüger als dein Feind. Hab den Mut zum ersten Schritt. Die Bergpredigt ist kein Heimatroman, sondern «im Atomzeitalter das Überlebensprogramm der Menschheit», sagte mir Michail Gorbatschow vor vier Jahren in Moskau. Die regierenden Christen im Westen haben das nie gesagt.
Lasst uns Sicherheit doch mal ganz neu denken. Mit der Bergpredigt kann man Politik machen, Ihr lieben Christen in der Politik! Wirkliche Friedenspolitik. Die Bergpredigt ist eine Frohbotschaft und keine Drohbotschaft. Jesus war ein Realist.
Und denen, die sagen, mit der Bergpredigt kann man nicht regieren, meine Gegenfrage: Habt Ihr es je probiert? Gorbatschow hat´s doch vorgemacht. Putins Vor-Vorgänger in Moskau, Michail Gorbatschow, sagt in unserem Buch «Nie wieder Krieg – Kommt endlich zur Vernunft», das wir gemeinsam geschrieben haben: «Frieden kann nur unter den Bedingungen demilitarisierter Politik und demilitarisierter internationaler Beziehungen gewonnen werden. Politiker, die meinen, Probleme und Streitigkeiten könnten durch die Anwendung durch militärischer Gewalt gelöst werden – uns ei es nur als letztes Mittel – sollten von der Gesellschaft abgelehnt werden. Diese Politiker sollten die politische Bühne räumen»
Was könnte all das aktuell im Ukraine-Krieg heißen?
Erstens: Der Westen und die NATO-Staaten müssen offen bekennen, dass sie die Sicherheitsinteressen Russlands nach 1990 nicht genügend berücksichtigt haben. Der Westen hat sich als Sieger im Kalten Krieg aufgespült.
Zweitens: Die Ukraine und der Westen sollten Putin ein Gesprächsangebot machen, das dem Kremlchef so lukrativ erscheint, dass er auf Verhandlungen eingeht.
Drittens: Im Kern muss es bei Friedensverhandlungen um eine neue europäische Friedensordnung gehen, die nach wie vor ohne Einbeziehung Russlands nicht möglich ist.
Viertens: Paris und Berlin haben Moskau und Kiew schon einmal an einen Tisch gebracht, um Schlimmeres zu verhindern. Paris und Berlin sollten deshalb auch jetzt ein Verhandlungsangebot schnüren, mit ihren Partnern abstimmen und es Putin übermitteln.
Es geht schließlich um unser gemeinsames Überleben als e i n e Menschheit auf e i n e m Planeten unter e i n e r Sonne in unserem gemeinsamen Haus Europa. Der große Friedensfreund Henning Zierock hat es so formuliert: Unser Bestreben muss sein, den Frieden zu gewinnen und nicht den Krieg.
Franz Alt ist Journalist und Bestseller-Autor. Zusammen mit Michail Gorbatschow veröffentlichte er das Buch «Nie wieder Krieg – Kommt endlich zur Vernunft» im Benevento-Verlag.
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