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Die alte Dame und eine 10-Millionen-Zusage für die Stadt Baden-Baden – DEHOGA-Chef Hans Schindler bringt Neues Schloss ins Spiel – "Bildungsangebot Uni Karlsruhe und Uni Straßburg"

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goodnews4-AUDIO-Interview von Nadja Milke mit Hans Schindler

Bild Christian Frietsch Bericht von Christian Frietsch
08.07.2020, 00:00 Uhr



Baden-Baden «Also richtig große Sorgen macht mir eigentlich nur der Europ», blickt DEHOGA-Chef Hans Schindler auf die Corona-geschüttelte Baden-Badener Hotelszene und meint mit «Europ» den Europäischen Hof, das legendäre Stammhaus des Steigenberger Konzerns. Mitten in Baden-Baden ist von großen Plänen eines internationalen Hotelkonsortiums nur eine riesige Baustelle übriggeblieben.

Im goodnews4-AUDIO-Interview wirft Hans Schindler einen Blick auf diese Lage, aber auch auf die Auswirkungen der Corona-Krise, die Strategie zur Vermarktung Baden-Badens, wo er vor einem drohenden Massentourismus warnt und unzähligen Besuchern, die in «Bussen hierher gefahren werden».

Auf eine Bewertung des Slogans «the good-good life», der keine empathische Beziehung zu den Krisen dieser Welt Zulässt, geht Hans Schindler nicht ein. Er erinnert aber an den Slogan der siebziger Jahre «Baden-Baden Ihr Niveau» und glaubt, dass dies auch in unserer Zeit die Zielgruppe der bildungs- und einkommensstärkeren Menschen ansprechen könnte.

Nicht eingegangen ist Hans Schindler auf ein Gerücht, das das politische Baden-Baden seit geraumer Zeit in Atem hält. An Friedrich Dürrenmatts Stück «Der Besuch der alten Dame» erinnert das Angebot einer über 80 Jahre alten Dame, die der Stadt Baden-Baden eine Zuwendung von 10 Millionen Euro in Aussicht gestellt haben soll. Nach goodnews4-Informationen soll Oberbürgermeisterin Margret Mergen versäumt haben, sich um diese Zusage selbst zu kümmern, was zu einem Rückzug der spendablen älteren Dame geführt haben soll. In diesem Zusammenhang lebte in den letzten Wochen eine Idee für die Verwendung des Neuen Schlosses wieder auf. Danach sollte das ziemlich verwunschene Stammhaus der ehemaligen badischen Herrscherfamilie aus dem Eigentum der kuwaitischen Eigentümerin Fawzia Al Hassawi zurückgekauft werden, um dort eine Akademie einzurichten.

Die Pläne eines universitären deutsch-französischen Campus zwischen Karlsruhe und Strasbourg sind Hans Schindler gegenwärtig: «Es war natürlich vor kurzem die Rede in Baden-Baden von einem grenzüberschreitenden Bildungsangebot zwischen der Uni Karlsruhe und der Uni Straßburg und da wäre natürlich Baden-Baden als die eigentliche Wiege Europas der richtige Ort gewesen, und da war natürlich im Hinterkopf auch schon das Neue Schloss mal bei dem einen oder anderen im Gedankengang.» Mehr wollte Hans Schindler nicht verraten. Auch war ihm nichts zu entlocken über die ominöse alte Dame und die zweistellige Millionensumme, die Baden-Baden für ein Zukunftsprojekt so gut gebrauchen könnte. Die Kassen der Stadt sind nämlich nicht erst seit der Corona-Krise leer.


Abschrift des goodnews4-AUDIO-Interviews mit Hans Schindler, Vorsitzender DEHOGA Baden-Baden:

goodnews4: Herr Schindler, die Corona-Krise ist ja auch ein guter Anlass, mal grundsätzlich die Strategie der Tourismus-Politik in Baden-Baden zu überdenken. Was bringt denn der Hotellerie und der Gastronomie mehr – sind das fünf Tagesgäste oder ein Übernachtungsgast?

Hans Schindler: Mehr bringen tut der Übernachtungsgast, das ist klar, der Hotellerie und natürlich auch den ganzen Betrieben, die drumherum partizipieren bis hin zum Einzelhandel und zum Taxifahrer. Aber eine Stadt wie Baden-Baden braucht beides. Wir brauchen sowohl die Tagesgäste als auch die Übernachtungsgäste, allerdings müssen die zu einem vernünftigen Verhältnis zueinanderstehen. Wir brauchen die Tagesgäste für die Cafés und Restaurants und wir brauchen Übernachtungsgäste, um unsere Hotels zu füllen und alle zusammen, um unseren Einzelhandel wieder zu stärken.

goodnews4: Jetzt spricht man ja von dem sogenannten «Overtourism». Im Jahr 2019 hatte Baden-Baden etwas mehr als eine Million, 1,1 Millionen, Übernachtungen. Weiß man denn, wie viele Tagesgäste Baden-Baden hatte im Jahr 2019?

Hans Schindler: Die Tagesgäste selbst werden nicht gezählt, die kann man nicht erfassen, weil die strecken sich ja raus bis an die Pferderennbahn. Von daher ist es unmöglich da Zählungen zu machen. Es gibt Schätzungen. Wir arbeiten zusammen mit dem Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Institut für Fremdenverkehr in München und die geben so als Anhaltspunkt Faktor neun bis zwölf. Also pro Übernachtungsgast Faktor neun bis zwölf, das müssten die Tagesgäste sein in einer Stadt wie Baden-Baden. Sprich eine Million Übernachtungsgäste, sagen wir mal über den Daumen, 10 Millionen Tagesgäste.

goodnews4: Das ist ja eine ganze Menge. Auch bei den Tagesgästen gibt es ja Unterschiede. Es gibt zum Beispiel diejenigen, die mit einem Reisebus in die Stadt gebracht werden, hier vielleicht sich zwei Stunden lang aufhalten, ein Museum besuchen, durch die Stadt marschieren, an den berühmten Bauwerken vorbei und jeweils kurz von dem Reiseleiter erzählt bekommen, vielleicht gehen die kurz noch irgendwo einen Café und Kuchen trinken und dann sind die so nach zwei Stunden wieder weg. Es gibt auch die Tagesgäste, die ein bisschen durch die Stadt schlendern, am Sonntag sieht man die vor allem besonders oft, essen vielleicht ein Eis auf die Hand oder trinken irgendwo mal einen Cappuccino. Dann gibt es die Tagesgäste, die vielleicht den Abend in Baden-Baden verbringen, aus der näheren Umgebung kommen, vielleicht ins Festspielhaus gehen oder ein Abendessen irgendwo zu sich nehmen, vielleicht noch ein paar Biere oder Longdrinks irgendwo an einer Bar trinken. Auf welchen Gast sollte denn Baden-Baden seinen Fokus legen bei den Tagesgästen?

Hans Schindler: Das ist jetzt natürlich schwierig, ich sage jetzt mal – in Anführungszeichen – die zu «sortieren», und wir müssen nur aufpassen, dass wir keinen Massentourismus kriegen, dass die also mit unzähligen Bussen hierhergefahren werden und durch die Stadt strömen und alles unsicher machen, was nicht niet- und nagelfest ist. Aber die Kehrseite ist natürlich auch: Ohne Tagesgäste geht es nicht. Und zur ganzen Wahrheit gehört halt auch: Baden-Baden hat sich in den letzten Jahren wahnsinnig positiv entwickelt. Der Name Baden-Baden hat einen irrsinnig guten Ruf und das zieht die Gäste in die Stadt. Das wollten wir ursprünglich erreichen und jetzt, wenn sie alle kommen, dürfen wir uns nicht beschweren, dass es zu viele sind. Wie gesagt, wir müssen nur aufpassen, dass das Verhältnis stimmt und dass es nicht in Massentourismus ausartet.

goodnews4: In unserem Vorgespräch haben Sie mich vorhin an den alten Spruch «Baden-Baden Ihr Niveau» erinnert. Heute heißt das «good-good life». Passt das ins Konzept?

Hans Schindler: Für mich ist ganz wichtig, dass man eine klare Positionierung hat. Das haben wir hier in Baden-Baden. Mein Lieblingsspruch, das stimmt, ist nach wie vor aus den siebziger Jahren «Baden-Baden Ihr Niveau». Ich fand, der hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Die letzte Tourismusbeauftragte in Baden-Baden, Frau Goertz-Meissner, sagte immer sehr gern: «Unsere Gäste sollten einkommens- und bildungsstark sein.» Auch das finde ich sehr treffend. Baden-Baden ist kleinbisschen auf die gehobene Gesellschaft angewiesen. Das geht ja vorne los, wenn sie reinkommen mit dem Festspielhaus. Da kriegen sie ja nicht die günstigsten Tickets, dann geht es weiter mit dem Casino, mit dem Kurhaus, mit den Veranstaltungen, nebendran das wunderschöne Theater, dann dieses außergewöhnliche Museum Frieder Burda und dann das Brenners Park-Hotel über der Oos. Das sind ja alles Einrichtungen, die es nicht zum Nulltarif gibt, sondern da muss man halt ein bisschen Geld auf den Tisch legen.

goodnews4: Was ist denn Ihre Empfehlung? Sollte die Stadt offensiv auf die mondänen Übernachtungsgäste oder die Tages- und Nightlife-Gäste aus der näheren Umgebung setzen?

Hans Schindler: Ich würde das gar nicht so scharf auf die Zielgruppe abrichten. Ich würde schon bei der Imagewerbung, die wir im Moment machen, bleiben und würde Baden-Baden als außergewöhnlich attraktive Stadt verkaufen. Schön, klein, überschaubar, vor allen Dingen sicher, und mit einem Angebot, das keiner Großstadt hintendran steht.

goodnews4: Wir haben ja drei mehr weniger ruhende Hotelprojekte in Baden-Baden. Wenn man die Bühlerhöhe dazuzählt, dann sind es sogar vier. Macht Ihnen das Sorgen?

Hans Schindler: Also richtig große Sorgen, macht mir eigentlich nur der Europ., wobei, ich glaube schon, dass es da demnächst weitergeht. Das Problem ist halt, wir haben da ein Insolvenzverfahren. In so einem Insolvenzverfahren müssen halt auch die Regeln eingehalten werden mit Gläubigerversammlung und die müssen zustimmen und, und, und…das dauert ja alles seine Zeit.

Draußen im Babo muss ich sagen, da bin ich eigentlich froh, dass es nicht kommt, weil ich habe da panische Angst gehabt und ich bin mir ganz sicher, das wäre für Baden-Baden der falsche Schritt gewesen und mit Sicherheit der Einstieg in den sogenannten Massentourismus und das hätte uns nicht gut getan. Von daher, ich bin heilfroh, dass das nicht kommt. Ich gehe auch davon aus, dass es für dieses Gebäude irgendwann mal eine vernünftige andere Nutzung geben wird.

Zum Schloss oben, da muss ich sagen, also über das Schloss wird ja immer so geredet als das wir mitmachen könnten, was wir gerade wollten. Eins ist ganz klar: Das Schloss ist im Privatbesitz. Und was die Frau Al Hassawi mit dem Schloss macht, ist ihre Sache und wenn sie mal ein Jahr oder zwei nichts macht, dann macht sie halt eben nichts. Es war natürlich vor kurzem die Rede in Baden-Baden von einem grenzüberschreitenden Bildungsangebot zwischen der Uni Karlsruhe und der Uni Straßburg und da wäre natürlich Baden-Baden als die eigentliche Wiege Europas der richtige Ort gewesen, und da war natürlich im Hinterkopf auch schon das Neue Schloss mal bei dem einen oder anderen im Gedankengang. Das wäre natürlich auch ein supertoller Platz gewesen. Also vielleicht kommen wir da in nächster Zeit auch Mal noch auf ein vernünftiges Konzept für die Nutzung da oben. Aber wie gesagt, das beste Konzept nützt nichts, wenn die Frau Al Hassawi als eigentliche Besitzerin nicht mitmacht.

goodnews4: Ja, dann kommen wir zu meiner nächsten Frage. Was könnten Rathaus und Politik überhaupt tun, also in Sachen Europ. Schloss?

Hans Schindler: Ja, gut, die können halt nur begleiten. Solange wir da nicht selber im Eigentum sind oder was machen können, dann können wir nur begleiten und gut, das Schloss ist natürlich ein Drama. Das zieht sich ja jetzt schon hin, ich glaube 15 Jahre oder noch länger. Das ist ein einziges Drama, wobei für mich persönlich ist das Schloss die eine Sache, mir tut genauso weh wie das Gebäude, dieser wunderschöne Schlosspark, der ja eigentlich auch so ein bisschen vor sich hindümpelt und eigentlich, ja, das Potential für etwas mehr hätte. Aber wie gesagt, vielleicht klappt es jetzt mit dieser Bildungsgeschichte da, also da ist jetzt bisschen Ruhe eingekehrt, aber ich gehe mal davon aus, dass das noch nicht tot ist, sondern wieder zur Belebung kommt und vielleicht kann man da mal mit Gesprächen die Frau Hassawi überzeugen, dass das vielleicht die ideale Geschichte da oben wäre.

goodnews4: Wissen Sie, was die Oberbürgermeisterin dazu sagt, ob sie das mal ansprechen würde mit Frau Hassawi?

Hans Schindler: Frau Oberbürgermeisterin Mergen ist natürlich auch immer bemüht, dass da oben mal irgendwann, was Vernünftiges passiert. Aber die Erfahrung haben wir ja jetzt schon, ich glaube, mit der dritten OB gemacht, dass es halt immer wieder Gespräche gibt und auch wohlwollende Zusagen, aber eingehalten wird dann von Eigentümerseite nichts. Das ist schade.

goodnews4: Kommen wir nochmal zurück zu der Coronakrise. Wie ist denn aktuell die Stimmung in Baden-Baden in der Gastronomie und wie ist sie in der Hotellerie?

Hans Schindler: Also in der Gastronomie wesentlich besser als in der Hotellerie. Gastronomie kommt langsam, aber sicher, wieder ins Laufen. Also wenn ich jetzt von meinem Haus ausgehe, spielt sich viel im Biergarten ab und der Biergarten – also ich will nicht sagen «läuft wie eine Bombe» – aber da ist alles in Ordnung. Man sagt ja auch im Freien seien die Ansteckungsgefahren relativ gering und sobald schönes Wetter ist, wäre da gut zu tun. Im Restaurant selbst gibt es noch so eine kleine Hemmschwelle, aber die wird jetzt glaube ich auch von Zeit zu Zeit weniger und wir haben ja jetzt die Freigabe wieder, dass wir kleinere Familienfeiern durchführen dürfen und somit kommt der Gastronomiebetrieb so langsam wieder ins Laufen.

Im Hotel sieht es noch ein bisschen schlimmer aus. Da sind wir weit hintendran. Es gibt große Hotels in der Innenstadt mit teilweise 10-, 15-prozentiger Belegung. Das ist natürlich eine Katastrophe. Aber uns fehlt zum einen der Geschäftsbereich, sprich, wir haben keine Tagungen, wir haben keine Messen, das Kongresshaus steht seit – ja, wann ging es los? – Mitte März leer, ohne irgendeine Veranstaltung. Das merken die Hotels natürlich, das ist klar. Dann fehlen uns auch in Baden-Baden die Veranstaltungen, also es passiert nichts auf der Pferderennbahn, es ist kein Oldtimer-Meeting, das Festspielhaus hat keine Veranstaltungen und das wirkt sich natürlich auf die Übernachtungszahlen aus. Und, was man auch nicht vergessen darf, die Märkte sind ja tot. Wenn Sie sich zurückerinnern, in den vergangenen Jahren hatte ja jetzt um diese Jahreszeit Baden-Baden immer eine regelrechte Araber-Flut. Da haben Sie bisher noch keinen einzigen gesehen, weil die dürfen einfach nicht raus. Und wenn die Märkte nicht ausreisen können, dann merken wir das natürlich auch in den Übernachtungszahlen. Das alles zusammen bringt uns natürlich diese schwachen Zahlen. Es gibt einen kleinen Hoffnungsschimmer. Die Belegungen nehmen zu. Jetzt haben wieder drei Bundesländer Ferienbeginn gehabt. Es kommt bisschen was rein, aber sehr langsam und sehr mühsam.

goodnews4: Also das Prinzip «Hoffnung nicht aufgeben»?

Hans Schindler: Ja, genau, also sowieso ne, wir müssen ja mit der Situation fertigwerden. Jeder muss schauen, wie er das Beste für seinen Betrieb draus macht.

goodnews4: Dann bedanke ich mich in diesem Sinne für das Interview, Hans Schindler, vielen Dank.

Hans Schindler: Bitte schön, Frau Milke.

Das Interview führte Nadja Milke für goodnews4.de.

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