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Corona-Lage in der Klinik Balg

"Faktisch Besuchsverbot" – Klinik-Chef Thomas Iber zu Corona-Verordnung und Lage in Baden-Baden – "Seit drei Tagen Rückgang der Patientenzahlen"

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goodnews4-AUDIO-Interview von Nadja Milke mit Thomas Iber

Bild Christian Frietsch Bericht von Christian Frietsch
12.01.2021, 01:30 Uhr



Baden-Baden «Wir nehmen seit drei Tagen einen deutlichen Rückgang der Patientenzahlen wahr und das aus dem erfreulichen Grunde, dass einfach keine neuinfizierten Patienten mehr stationär behandlungsbedürftig sind und zu uns kommen müssen», konnte Thomas Iber von einer Entspannung der Lage berichten. Aktuell sind «34 stationär behandlungsbedürftige COVID-Patienten, davon zwei beatmet auf der Intensivstation» in der Klinik in Balg, berichtet der Medizinische Geschäftsführer des Klinikum Mittelbaden.

«Noch vor einer Woche waren wir bei 54 Patienten, davon sechs auf der Intensivstation», erinnert der Klinik-Chef.

«Wir führen das auf den Lockdown vom 16.12. relativ eindeutig zurück», ist sich Thomas Iber sicher. Doch eine Entwarnung will der Mediziner nicht geben, auf die stagnierenden Zahlen der 7-Tage-Inzidenz angesprochen und die Sorge, dass wir uns vielleicht im Kreise drehen, antwortete der Klinik-Chef: «Das kann ich nicht ausschließen, überhaupt nicht ausschließen.»

Im weiteren Verlauf des goodnews4-AUDIO-Interviews geht Thomas Iber auch auf die Lage in Großbritannien ein, auf die Erwartungen an die Impfungen und auf die neuen Regeln für Besuche in der Klinik, die «faktisch zu einem Besuchsverbot aktuell bei uns vor Ort» führen würden. goodnews4.de berichtete.


Abschrift des goodnews4-AUDIO-Interviews mit Thomas Iber, Medizinischer Geschäftsführer Klinikum Mittelbaden:

goodnews4: Herr Iber, eingangs unseres Gespräches – wie immer – die Frage nach der aktuellen Lage in der Klinik in Balg, wie viele COVID-Patienten haben Sie und wie geht es ihnen?

Thomas Iber: Aktuell kann ich das erste Mal innerhalb der letzten vier Wochen deutlich entspannter antworten. Wir nehmen seit drei Tagen einen deutlichen Rückgang der Patientenzahlen war und das aus erfreulichem Grunde, dass einfach keine neuinfizierten Patienten mehr stationär behandlungsbedürftig sind und zu uns kommen müssen, auf der einen Seite, auf der anderen Seite eine ganze Reihe Patienten auch in der Genesung gut vorangeschritten sind und deswegen entlassen werden konnten, sodass wir aktuell noch 34 stationär behandlungsbedürftige COVID-Patienten haben, davon zwei beatmet auf der Intensivstation. Im Vergleich dazu: Noch vor einer Woche waren wir bei 54 Patienten, davon sechs auf der Intensivstation. Daran ist die Dynamik gut erkennbar und das erleichtert uns aktuell sehr. Wir führen das auf den Lockdown vom 16.12. relativ eindeutig zurück.

goodnews4: Betrachten wir allerdings die 7-Tage-Inzidenz, auch einige Unwägbarkeiten bei der Erfassung der Fälle an den Feiertagen, dann lassen diese eigentlich eher weniger den Schluss zu, dass der Lockdown eine Trendwende brachte. Drehen wir uns da vielleicht doch ein bisschen im Kreis?

Thomas Iber: Das kann ich nicht ausschließen, überhaupt nicht ausschließen. Es gibt dann ja auch einfach statistische Häufungen beziehungsweise auch einfach zyklische Bewegungen innerhalb einer Erkrankungswelle, das kann durchaus sein, dass es nächste Woche wieder anzieht. Das kann man bei den 7-Tage-Inzidenz-Zahlen, die Sie gerade zu Recht erwähnt hatten, nicht ausschließen. Nichtsdestotrotz ist es für uns eine positive Momentaufnahmen, weil wir sonst einfach in der sehr angespannten Situation immer an der Grenze des Machbaren arbeiten, es das erste Mal einfach mal wieder wenige Tage schenkt, wo wir durchatmen können.

goodnews4: Es geht nun um viele Details, viele Fragen. Was helfen Schulschließungen? Grenzschließungen ja oder nein? 15-Kilometer-Radius wurde diskutiert. Können wir denn so schnell Daten sammeln, um zu wissen, was denn tatsächlich hilft und was nicht?

Thomas Iber: Da es sicher immer mehrere Faktoren sind, ist es sicherlich immer schwierig, im Nachhinein, wenn dann ein Erfolg eintritt, herauszuarbeiten, ist es auf diesen oder jenen Faktor von mehreren zurückzuführen. Meines Erachtens ist es dann auch fast müßig, weil wir am Ende aller Tage einfach im Ergebnis sehen müssen, dass wir Erfolg haben in der Eingrenzung der Pandemie, auch wenn es natürlich ein mühsamer Weg ist, das nicht präzise tun zu können, sondern unter Zuhilfenahme von mehreren Maßnahmen, von denen sicher nicht alle gleich effektiv sind.

goodnews4: Der aktuelle Lockdown ist bis zum 31. Januar erstmal beschlossen. Was ist denn Ihr Wunsch, sollte der Lockdown darüber hinaus verlängert werden?

Thomas Iber: Stand heute ist er sicherlich die richtige Entscheidung, unter rein medizinisch-infektiologischen Gesichtspunkten betrachtet. Auf der anderen Seite muss man sicherlich eine frühestmögliche Lockerung auch in Erwägung ziehen, um einfach die sonstigen sozialen und wirtschaftlichen Kollateralschäden, die damit einhergehen, zu begrenzen. Stand heute ist es aber sicher richtig, bis Ende Januar eine Fortsetzung beschlossen zu haben, alles weitere muss man aus den weiteren Verlaufsdaten des Januars dann ableiten in der letzten Januarwoche.

goodnews4: In London steigt die 7-Tage-Inzidenz sogar auf 1.000. Boris Johnson setzt alles auf die Karte Impfung. Es sind neue Produkte. Wann wissen wir denn sicher über die Wirkung, die Dauer der Wirkung, die Nebenwirkungen der Impfungen Bescheid?

Thomas Iber: Die Dauer ist sicherlich ausreichend für die nächsten zwei, drei Monate der Pandemie, insofern ausreichend, um sie zu unterbrechen. Alles jetzt in so einer Situation in England auf nur Impfungen zu setzen, muss ich sagen, erstaunt einem, weil das wird die nächsten sechs bis acht Wochen auch in England nicht funktionieren, solange nicht eine Herdenimmunität, also sprich über 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sind. Solange wird es weiter dort ansteigende Fallzahlen und Todeszahlen geben.

goodnews4: Wird die Pandemie eigentlich inzwischen nach fast einem Jahr zum «business as usual» für Sie und Ihre Kollegen im Klinikum Mittelbaden oder bleibt es eine Ausnahmesituation?

Thomas Iber: Nein, das ist sicherlich etwas, woran man sich gewöhnt. Wir erkennen das immer wieder daran, dass die Sorgen und Nöte derer, die jeden Tag mit dem Erkrankungsbild konfrontiert sind, nur mit positiven Patienten Kontakt haben, eher niedriger sind als von den Mitarbeitern, die seltener Kontakt haben, weil dann einfach die Erfahrung damit viel größer ist mit dem Erkrankungsbild. Das ist sicherlich ein Erkrankungsbild, was nicht seinen Schrecken verloren hat, weil jeder hat die Verläufe vor Auge, die zum Teil sehr schwerwiegend sind, aber wir haben einfach gelernt, damit umzugehen, wissen auch wie wir uns gut schützen können, dass nicht jeder Kontakt, wenn man korrekt vorgeht und sich schützt und arbeitet, dann zwingend auch zu einer eigenen Infektion führt, sondern dass das Risiko ein sehr beherrschbares ist.

goodnews4: Seit heute gilt ja die neue Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg. Was bedeutet das für Sie und Ihre Mitarbeiter am Klinikum Mittelbaden?

Thomas Iber: Für uns bedeutet das einen relativ starken Einschnitt, da die Verordnung besagt, dass ab sofort jeder Besucher, der in das Haus kommt und Kontakt zu Patienten hat, nicht nur eine FFP2-Maske tragen muss, sondern zusätzlich auch einen nicht älter als 24 Stunden, negativen Antigen-Test haben muss. Und das ist etwas, was wir hier regulär bei uns noch nicht anbieten können Stand heute und damit die Besucher diesen von ihrem Hausarzt oder einem Testzentrum mitbringen müssen. Dabei ist aber allen klar, dass das in der Praxis so in der Mehrheit der Fälle nicht funktionieren wird, sodass das faktisch zu einem Besuchsverbot aktuell bei uns vor Ort führen wird. Wir sind jetzt gerade dabei, fieberhaft zu überlegen, wie wir hier die Situation so strukturieren können, dass wir kein Besuchsverbot haben, da wir uns ja auch in der Vergangenheit sehr bewusst gegen ein totales Besuchsverbot ausgesprochen haben.

goodnews4: Was könnten Lösungen sein? Können Sie diese Tests vor Ort anbieten?

Thomas Iber: Da muss man jetzt sehr genau eruieren, da sind wir dabei zu eruieren, da kann ich noch nichts Verbindliches dazu sagen. Die Tests bedürfen ja auch bestimmter Rahmenbedingungen, sind temperatursensible Tests, das können Sie also nicht irgendwo im Freien im Winter oder in einem Zelt durchführen, sondern das muss dann inhäusig durchgeführt werden. Und all die notwendigen Voraussetzungen prüfen wir gerade und hoffen, in den nächsten Tagen verbindlichere Auskünfte geben zu können. Zufrieden sind wir allerdings nicht mit der Situation, sondern wir wünschen uns eigentlich die bisherige Regelung, dass ein Besucher pro Patient pro Tag für eine Stunde in einem definierten Zeitfenster weiterhin kommen kann, weil wir das als wichtig für die Genesung unserer Patienten erachten.

goodnews4: Das ist Ihr Appell, Ihr Wunsch an die Politik?

Thomas Iber: Dass es da nochmal zu einer Präzisierung, auf die wir warten, des Gesetzestextes kommt, um dann auch mit vielen weiteren Detailfragen – auch externen Besuchern, beispielsweise Transportdienste, die das Haus betreten müssen und so weiter –, um dafür die entsprechenden Regelungen schaffen zu können.

goodnews4: Ich bedanke mich für das Interview, Herr Dr. Thomas Iber.

Thomas Iber: Vielen Dank Ihnen, Frau Milke.

Das Interview führte Nadja Milke für goodnews4.de.


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