Gastkommentar

„Ein Mensch ohne Heimat ist wie eine Nachtigall ohne Lied“ – Gastkommentar von Thomas Bippes

Bild Thomas Bippes Gastkommentar von Thomas Bippes
27.05.2022, 00:00 Uhr



Baden-Baden In unregelmäßigen Abständen veröffentlicht goodnews4.de Beiträge von Gastkommentatoren. Zum engeren Kreis gehören der Baden-Badener Bestsellerautor Franz Alt und Thomas Bippes, der sich insbesondere den Themen der Digitalisierung, IT und Künstlichen Intelligenz zuwendet.

Thomas Bippes war in der Zeit von 1998 bis 2006 Pressesprecher von Fraktion und Partei der CDU Rheinland-Pfalz und ist heute Professor für Medien- und Kommunikationsmanagement an der SRH Fernhochschule – The Mobile University sowie Gesellschafter einer Online Marketing Agentur in Baden-Baden. Das Handwerkszeug für professionelles Online-Marketing lernte der Kommunikationsexperte im Presse- und Informationsstab des Bundesministeriums der Verteidigung, als Referent und Pressesprecher von Landtagsfraktionen sowie als Chefredakteur und Verleger von Mitgliedermagazinen für Institutionen und Verbände.

Kommentar: Thomas Bippes Während die Menschen in der Ukraine erbittert ihre Heimat verteidigen, wird in Deutschland der Begriff Heimat heftig diskutiert. Für Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) steht er für «Abschottung». Sie will ihn deshalb «positiv umdeuten». Politiker vieler Parteien haben sich in der Vergangenheit mit dem Begriff und seiner Deutungshoheit beschäftigt. Heimat ist individuell, historisch besetzt, emotional, oft widersprüchlich und komplex und wird immer wieder politisiert und kommunikativ für die eigenen Zwecke missbraucht. Nancy Faeser meint nun, die Deutungshoheit über den Begriff vorgeben zu müssen. Horst Seehofer, Faesers Vorgänger, hatte das Bundesinnenministerium um die «Heimat» erweitert. Ein Grund war auch, der AfD am rechten Rand das Thema nicht zu überlassen.

 

Problematisch wird es immer dort, wo Ideologie in die Definition mithineinspielt, wo ein Ausdruck oder Sprache politisch aufgewertet wird. Zugegeben, beim Begriff Heimat ist dies aus historischen Gründen keine ganz einfache Sache. Die Nationalsozialisten haben Heimat ideologisiert und ihre völkische Kunde damit emotional aufgebläht. Doch was tut die bekennende Linke Nancy Faeser, die dem linksradikalen Umfeld nahesteht und eigentlich qua Amt zur Neutralität verpflichtete ist? Ganz bewusst setzt sie mit ihrer Aufforderung zur Heimat-Umdeutung ideologische Akzente, löst eine Debatte über gute und schlechte Heimatdefinitionen aus, suggeriert, dass Heimat im öffentlichen Gebrauch mit etwas Negativem verbunden ist – und genießt die politische Aufmerksamkeit, die sie kurz vor der Entscheidung über eine Spitzenkandidatur in Hessen dringend braucht. So vereinnahmt die Ministerin die Heimatdebatte, die sie losgetreten hat, für ihre politischen Zwecke.

Richtig, Sprache bestimmt unser Bewusstsein, und ja, wir müssen mit Sprache sensibel umgehen. Aber Heimat ist ein derart individueller Begriff, dass sich jede Festlegung auf eine damit verbundene Bedeutung von links wie von rechts – auch aus historischen Gründen – verbietet. Ganz im Sinne des Konstruktivismus gibt es die eine allgemeingültige Heimat nicht. Ein russisches Sprichwort macht deutlich: «Ein Mensch ohne Heimat ist wie eine Nachtigall ohne Lied.» Jeder Mensch in unserem Land trägt seine eigene Heimat in sich. Heimat ist niemals statisch, sondern verändert sich. Das gilt beispielsweise für Menschen, die aus aller Herren Länder zu uns kommen, um sich in Deutschland eine Zukunft aufzubauen.

Deshalb brauchen wir keinen neuen Begriff von Heimat, wie Faeser ihn fordert, schon gar keine Vorgaben darüber, was wir darunter zu verstehen haben oder eine «positive Umdeutung». Denn Heimat ist ganz individuell, für den einen zudem positiv, für den anderen negativ besetzt. Wir brauchen keine Politiker, die uns in übertriebenem Sendungsbewusstsein vorschreiben, wie wir unsere Gefühlslage politisch korrekt auszurichten haben. Nancy Faeser geht es im Kern um einen breit angelegten gesellschaftlichen Umbau. Vielfalt und Freiheit haben dabei offensichtlich keinen Platz.


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