Herausforderungen für jüdische Gemeinden in Baden
Forderungen der Israelischen Religionsgemeinschaft – Missstände in Baden-Baden bleiben unerwähnt

Baden-Baden, 22.07.2025, Bericht: Redaktion In einer ausführlichen Pressemitteilung stellt die Israelitische Religionsgemeinschaft Baden, IRG, in Karlsruhe die Forderung nach «angemessenen und ausreichenden Räumlichkeiten für das Gemeindeleben» für die Jüdische Gemeinde in Karlsruhe.
Die Mitteilung nimmt die IRG nicht zum Anlass, auch auf andere Defizite in Baden einzugehen. Die IRG vertritt insgesamt zehn Jüdische Gemeinden im Landesteil Baden. In Baden-Baden schwellen zwei Themen vor sich hin. An dem unwürdigen und vertragswidrigen Umgang mit dem alten Synagogengrundstück in der Stephanienstraße hat sich nach dem Tod von Eva Ertl, Vertreterin der Eigentümer, nichts geändert. Weiterhin wird das Grundstück für profane Zwecke als Parkplatz genutzt. Nach wie vor wird dem ebenfalls verstorbenen Ehemann Dr. Otto Heinz Ertl, Nazi-Arzt und NSDAP-Mitglied, durch die Namensgebung der Rot-Weiß-Tennishalle in Baden-Baden gehuldigt. Weder von dem baden-württembergischen Antisemitismusbeauftragten Michael Blume noch von politischen Vertretern der Baden-Badener CDU, Grünen und SPD ist dazu etwas zu vernehmen.
Ein weiteres Thema ist der Bau einer neuen Synagoge und Einrichtungen für die Jüdische Gemeinde in Baden-Baden. Der neue Baubürgermeister Alexander Wieland brachte aktuell das jahrzehntealte Thema in Bewegung. goodnews4.de berichtete.
Die Mitteilung der IRG vom 21.07.2025 - Weichen für die Zukunft in Karlsruhe gestellt im Wortlaut:
IRG Baden beachtet Balance zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Der Oberrat der IRG Baden, das oberste Beschlussorgan der Israelitischen Religionsgemeinschaft hat in seiner Sitzung am 20 Juli 2025 bekräftigt, dass die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe (JKG Karlsruhe) - wie jede Gemeinde der IRG Baden - mit angemessenen und ausreichenden Räumlichkeiten für das Gemeindeleben ausgestattet sein muss.
Die JKG Karlsruhe ist mit fast 1.000 Mitgliedern die größte Einzelgemeinde in Baden. Die Synagoge in Karlsruhe mit angegliedertem Gemeindezentrum wurde 1971 erbaut, zu einer Zeit, als die Gemeinde etwa 250 Mitglieder hatte. Inzwischen ist sie erfreulicherweise - insbesondere durch den Zuzug neuer Mitglieder in den 1990er Jahren - kräftig gewachsen. Sie verfügt heute über ein lebendiges religiöses Leben und vielfältige Gemeindeaktivitäten für Mitglieder jeder Altersstufe vom Kindertreff über das Jugendzentrum bis zum Seniorenklub. Sportliche, künstlerische, kulturelle und religiöse Aktivitäten sowie ein umfangreicher Veranstaltungskalender, sowohl für Mitglieder als auch für Interessierte, runden das Profil ab. Die Gemeinde ist Teil der Stadtgesellschaft und versteht sich als Netzwerkspartner für vielfältige Gruppierungen im Umfeld.
Charakteristisch für eine jüdische Gemeinde ist das Vorhandensein (oder die Erreichbarkeit) einer Synagoge, eines jüdischen Friedhofs und einer Mikwe, das rituelle Tauchbad.
Über eine eigene Mikwe verfügte die JKG Karlsruhe noch nicht, das war der Ausgangspunkt für die ersten Baupläne zur Erweiterung des Gemeindezentrums. Mit ideeller Unterstützung ihres Dachverbandes, der IRG Baden, wurden die Planungen der Gemeinde immer mutiger. Bereits im Sommer 2019 genehmigte der Oberrat den von der JKG Karlsruhe geplanten Anbau an das denkmalgeschützte Gemeindezentrum mit Mikwe, Sport- und Gemeinderäumen sowie Kindergartenräumen für bis zu 4 Mio. €. Während der folgenden Pandemie stockte die Umsetzung des Baubeschlusses. Stattdessen feilte die Gemeinde weiter an den Plänen. Letztlich war sogar die Schaffung von Mieträumen - 32 barrierefreien Wohnungen und einer Fläche für Tagespflege - angedacht. Die IRG Baden suchte diesbezüglich das intensive Gespräch mit der Gemeinde und schaltete Experten aus der Wohlfahrtspflege und einen Bau-Projektsteuerer ein, um eine professionelle Einschätzung der Tragfähigkeit und Wirtschaftlichkeit dieser Ideen und Planungen zu erhalten.
«Die IRG Baden und der Oberrat tragen Verantwortung für die gesamte jüdische Gemeinschaft in Baden. Risiken, besonders wirtschaftliche Risiken, müssen beherrschbar sein und dürfen nicht die wichtigen Aktivitäten oder den Bestand einzelner Gemeinden oder sogar der gesamten Gemeinschaft gefährden. Deswegen müssen wir bei wirtschaftlichen Engagements der IRG Baden und jeder einzelnen Gemeinde genau hinschauen und Risiken möglichst minimieren,» sagt Rami Suliman, der Vorsitzende der IRG Baden. Die fachliche Expertise ergab derzeit nicht ausräumbare Risiken. «Haupt- und Ehrenamt haben intensiv mit der Frage gerungen, ob beherrschbare oder in ihrer Auswirkung unkalkulierbare Risiken vorliegen. Letztlich ist dies eine Prognoseentscheidung, die die Delegierten des Oberrats zu treffen haben» erklärt Hauptgeschäftsführer Thorsten Orgonas.
Auf der Basis der vorliegenden Erkenntnisse hat der Oberrat am 20. Juli entschieden, dass die Risiken, die mit der Schaffung von Räumlichkeiten für wirtschaftliche Betätigung auf dem Vermietungssektor verbunden sind, für eine Gemeinde nicht ausreichend beherrschbar erscheinen. Er hat diese Idee nicht mitgetragen, sondern hält an der Zustimmung zur ursprünglichen Planung der Erweiterung mit Gemeinderäumen und einer Mikwe fest.
Rami Suliman fasst als Vorsitzender der IRG Baden zusammen: «Ich wünsche mir, dass die Gemeinde die Bedenken und Risiken, die die Fachleute und der Oberrat beschrieben haben, nicht als Geringschätzung der eigenen Ideen missversteht, sondern ernst nimmt. Ich denke, für die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Karlsruhe ist es wichtig, dass das eigentliche Projekt endlich umgesetzt wird, nämlich die Erweiterung des Gemeindezentrums durch eine Mikwe sowie zusätzliche Gemeinde-, Jugend-, Sport- und Veranstaltungsräume. Dies umso mehr, als die Baugenehmigung bereits vorliegt. Auch der genehmigte Kostenrahmen ist kein Hindernis. Ich habe im Oberrat am symbolträchtigen 20 Juli signalisiert, dass die IRG Baden in der Kostenfrage unterstützen wird, wenn dies nötig ist. Die Oberratsdelegierten haben dies auch so gesehen. Es gibt also keinen Grund, die Mitglieder der JKG Karlsruhe weiter warten zu lassen. Der Wunsch soll zur Wirklichkeit werden.»
Hintergrund:
Die IRG Baden ist als Religionsgemeinschaft der Dachverband der Juden im Landesteil Baden mit etwa 5.000 Mitgliedern. Ihr untergliedert sind zehn jüdische Gemeinden in Baden-Baden, Emmendingen, Freiburg, Heidelberg, Karlsruhe, Konstanz, Lörrach, Mannheim, Pforzheim und Rottweil. Die IRG Baden ist Mitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland. Der Pforzheimer Unternehmer Rami Suliman wurde erstmals im Januar 2013 zum ehrenamtlichen Vorsitzenden der IRG Baden gewählt. Seit Mai 2024 ist er auch Richter am Verfassungsgerichtshof Baden-Württemberg. Er vertritt die IRG Baden gemeinsam mit der stellvertretenden Vorsitzenden Bianca Nissim im Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland. Rechtsanwältin Bianca Nissim ist darüber hinaus Mitglied im Präsidium des Zentralrats der Juden in Deutschland. Den geschäftsführenden Vorstand vervollständigt stellvertretende Vorsitzende Dr. Robert Fritsch, der auch stellvertretendes Direktoriumsmitglied ist. Die Verwaltung leitet seit Januar 2014 der Hauptgeschäftsführer Assessor jur. Thorsten Orgonas. Die Geschäftsstelle der IRG Baden befindet sich in Karlsruhe.
Zurück zur Startseite und zu den weiteren aktuellen Meldungen.









