Leserbrief

Leserbrief „Meine Meinung“ – Bericht über Friedensaktivistin – „Bundeskanzler Willy Brandt bat bereits 1970 um Vergebung“

Baden-Baden, 29.06.2026, Leserbrief In einem Leserbrief an die Redaktion nimmt goodnews4-Leser Boris Fernbacher Stellung zu dem goodnews4-Bericht Baden-Badener Aktivistin Christina Lipps lädt heute zur Mahnwache – Vor 85 Jahren überfiel Hitler-Deutschland die Sowjetunion .

Die Baden-Badener Friedensaktivistin Christina Lipps meint in ihrer Einladung zu einer Friedenswache zum 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, dass «die Bundesrepublik Deutschland dieses Erbe nie wirklich aufgearbeitet» habe. Statt sich «dieser historischen Schuld zu stellen und die Verantwortung dafür zu übernehmen», verweigere «die aktuelle Regierung jegliche Anerkennung von Schuld». Diese Aussagen von Frau Lipps sind vollkommen falsch und offenbaren ein erschreckendes historisches und politisches Unwissen bei Frau Lipps:

 

Bundeskanzler Willy Brandt bat bereits 1970 mit seinem Kniefall am Ehrenmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto um Vergebung für die deutschen Verbrechen. Richard von Weizsäcker meinte in seiner vielbeachteten Rede von 1985: «Wir gedenken aller Völker, die im Krieg gelitten haben, vor allem der unsäglich vielen Bürger der Sowjetunion und der Polen, die ihr Leben verloren haben.» Die Bundesregierung und alle im Bundestag vertretenen Fraktionen haben 2021 dem Überfall des nationalsozialistischen Deutschlands auf die Sowjetunion und den Opfern dieses Krieges gedacht. Der damalige Außenminister Heiko Maas betonte, dass die «Versklavung und Auslöschung ganzer Staaten und Völker damals erklärtes Kriegsziel» gewesen sei. «Voll Trauer und Scham verneigen wir uns vor den mehr als 30 Millionen Menschen, die allein in Mittel- und Osteuropa zwischen 1939 und 1945 ihr Leben lassen mussten», meinte Herr Maas im Bundestag. Hier waren sich ausnahmslos mal alle Parteien einig: Auch Alexander Gauland von der AfD verurteilte den «Vernichtungskrieg im Osten» und verwies dabei auch auf die «tiefe Schuld der Deutschen». Bundespräsident Steinmeier legte in der Gedenkstätte des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Sandbostel einen Kranz zum Gedenken an den Überfall auf die Sowjetunion nieder. Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) dokumentiert seit vielen Jahren detailliert, wie der damalige Angriffskrieg zu rund 27 Millionen Toten in der ehemaligen Sowjetunion führte und bis heute eine Mahnung darstellt. Die Bundesrepublik hat außerdem in den vergangenen Jahrzehnten Milliardenbeträge auch für Zwangsarbeiter und Verfolgte des NS-Regimes in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion geleistet.

Auch mit ihrer Behauptung, dass «die aktuelle Regierung immer offener zu einem Krieg gegen Russland aufhetzt», liegt Frau Lipps absolut daneben. Die Regierungen Scholz und Merz haben nur immer wieder den russischen Angriffskrieg als völkerrechtswidrig verurteilt und auf die vielen von Putins Truppen in der Ukraine verübten Kriegsverbrechen hingewiesen. Diese Tatsachen wird wohl kaum ein vernünftiger Mensch bestreiten. Dass Deutschland zusammen mit anderen europäischen Ländern den Freiheitskampf der Ukrainer mit Material und finanziellen Mitteln unterstützt, ist genauso wenig «Kriegshetze» wie die Aufrüstung der Bundeswehr angesichts der durchaus realen Bedrohung durch ein imperialistisch auftretendes Russland.

Boris Fernbacher
Baden-Baden


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