Leserbrief
Leserbrief „Meine Meinung“ – „Ehrliches Lob an unseren Oberbürgermeister“ – „Könnte Kehrtwende gegenüber schändlicher Verweigerungshaltung jüdischen Mitbürger sein“
Baden-Baden, 28.12.2024, Leserbrief In einem Leserbrief an die Redaktion nimmt goodnews4-Leser Boris Fernbacher Stellung zu dem goodnews4-Bericht Wende in Baden-Badener Synagogenfrage – OB Späth sucht Grundstück zum Bau einer neuen Synagoge – «Mit Rami Suliman im engen Austausch».
Ein großes und ehrliches Lob an unseren Oberbürgermeister Dietmar Späth für seine Entscheidung, Kontakt mit dem Vorsitzenden der IRG Baden Rami Suliman aufzunehmen und unseren jüdischen Mitbürgern bei der Suche nach einem geeigneten Grundstück zum Neubau einer Synagoge innerhalb der Stadt endlich zu helfen. Dies könnte eine entscheidende Kehrtwende in der sich über viele Jahre ziehenden schändlichen Verweigerungshaltung der Stadt Baden-Baden gegenüber den Bedürfnissen unserer jüdischen Mitbürger sein. Herr Späth eröffnet damit auch Baden-Baden eine Perspektive, die entsetzlichen Verbrechen der NS-Zeit nicht nur in «Sonntagsreden» zu beklagen, sondern daraus auch ganz praktische Konsequenzen für die Gegenwart zu ziehen. Dabei wünsche ich unserem Oberbürgermeister viel Kraft und Erfolg. Um ihn und die Bürger unserer Stadt in diesem Vorhaben zu bestärken, möchte ich hier zwei Einzelschicksale einstiger Baden-Badener Bürger aus den dunklen Zeiten unserer Geschichte schildern:
Schon Hans Hausers 1783 im badischen Rust geborener Urgroßvater lebte nachweislich in Deutschland. Sein 1880 in Offenburg geborener Vater Hugo Karl Hauser wurde nach dem Jurastudium 1908 Sozius einer Baden-Badener Anwaltskanzlei. Im 1. Weltkrieg kämpfte er für sein deutsches Vaterland, wurde schwer verwundet und kehrte 1918 hoch dekoriert nach Baden-Baden zurück. Er war Mitglied der Deutschen Volkspartei (DVP), arbeitete im Synagogenrat mit und gehörte zu den sieben jüdischen Gründungsmitgliedern des Rotary Club Baden-Baden. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 blieben seiner Kanzlei die Kunden zunehmend aus. 1938 wurde ihm die Ausübung der Anwaltschaft entzogen und auch im Rotary Club wollte man ihn nun nicht mehr haben. Nach der Reichspogromnacht wurde er in das KZ Dachau verbracht, dann im Oktober 1940 zusammen mit seiner Ehefrau Johanna nach Gurs deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet.
1913 wurde dem Ehepaar Hauser in Baden-Baden der Sohn Hans geboren. Ab 1932 studierte er in Heidelberg und Freiburg Jura. Im Rahmen seines Studiums wurde ihm im Pflichtseminar «Rassenkunde» sogar eine «arische Abstammung» bescheinigt. Hans Hauser fühlte sich seiner deutschen Heimat so verbunden, dass er sich 1933 sogar freiwillig zum Reichsarbeitsdienst meldete, was auch für nichtjüdische Söhne aus «gutem Hause» nicht selbstverständlich war. Doch bereits nach kurzer Arbeit im Straßenbau wurde ihm mitgeteilt, dass seine weitere Mitarbeit aufgrund seiner jüdischen Herkunft nicht mehr erwünscht sei. 1935 wurde ihm aus selbigen Gründen die Zulassung zum juristischen Referendarexamen verweigert. Er machte dann an einer jüdischen Schule eine Ausbildung zum Sportlehrer und unterrichtete bis 1938 an einer Sportschule. Nachdem auch diese schließen musste, kehrte er nach Baden-Baden zurück. Nach kurzer Haft im KZ Dachau emigrierte er 1939 über England in die USA. 1945 kehrte er als amerikanischer Soldat mit der 76. Infanteriedivision nach Baden-Baden zurück.
In seiner einstigen Heimatstadt «wanzte» sich dann bereits nach zwei Tagen eine Delegation von Bürgern der Stadt an ihn heran und bot ihm gleich den Posten des Oberbürgermeisters an. Die Opportunisten versprachen sich wohl Schutz und persönliche Vorteile davon, wenn ein jüdischer Angehöriger der US-Streitkräfte der OB ihrer unter französischer Besatzung stehenden Stadt werden würde.
Boris Fernbacher
Baden-Baden
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