Leserbrief
Leserbrief „Meine Meinung“ – „Konflikt zwischen Russland und der Ukraine hat tiefere Ursachen als Putin ist böse und ein brutaler Imperialist“
Baden-Baden, 13.03.2025, Leserbrief In einem Leserbrief an die Redaktion nimmt goodnews4-Leser Boris Fernbacher Stellung zu dem goodnews4-Bericht Gespräch Georgij Muradov und Christian Frietsch – «Dass die NATO, Grenzen überschritten hat, die immer als historisches Russland betrachtet, wurden».
«Das erste Opfer des Krieges ist immer die Wahrheit» Diese Erkenntnis gilt auch für den in der Ukraine wütenden Krieg. Nicht nur russische, sondern auch westliche Medien sind stark auf die «Kriegspropaganda» der eigenen Seite und die Verteufelung des Feindes fixiert. Doch guter Journalismus sollte immer beide Seiten eines Konfliktes hören und darstellen. Deshalb ist es sehr zu loben, dass Christian Frietsch von goodnews4Baden-Baden nach Russland gereist ist, um mit jungen russischen Diplomaten zu sprechen und mit dem Historiker Georgij Muradov, dem ständigen Vertreter der Krim beim russischen Präsidenten, ein Interview zu führen. So sieht unabhängiger und engagierter Journalismus aus!
Anscheinend begreifen unsere immer noch mehr Waffenlieferungen an die Ukraine befürwortenden Politiker nicht, dass der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine tiefere Ursachen als das allzu simple «Putin ist böse und ein brutaler Imperialist» hat. Bereits vor 30 Jahren hat der amerikanische Politologe Samuel P. Huntington in seinem Buch Kampf der Kulturen die bereits sehr lange bestehende kulturelle, ethnische und religiöse Spaltung der 1991 gegründeten Ukraine in folgenden Worten beschrieben:
«Die Ukraine ist jedoch ein gespaltenes Land mit zwei unterschiedlichen Kulturen. Die kulturelle Bruchlinie zwischen dem Westen und der Orthodoxie verläuft seit Jahrhunderten durch das Herz des Landes. In der Vergangenheit war die westliche Ukraine abwechselnd ein Teil Polens, Litauens bzw. des österreichisch-ungarischen Kaiserreiches. (…) Seit jeher haben die Westukrainer Ukrainisch gesprochen und sind stark nationalistisch eingestellt gewesen. Das Volk der Ostukraine war dagegen stets ganz überwiegend orthodox und sprach immer schon zu einem großen Teil Russisch. (…) Die Krim ist überwiegend russisch und war Teil der Russischen Föderation bis 1954.» (Huntington: Kampf der Kulturen, Europa Verlag GmbH, 1996, S. 264)
Diese Spaltung des Landes in einen russophilen Osten und den eher europäisch orientierten Westen zeigte sich bereits bei den Präsidentschaftswahlen von 1994. Der sich am Westen orientierende Leonid Krawtschuk lag in 13 Gebieten der Westukraine mit Mehrheiten bis zu 90 Prozent an der Spitze. Der sich stärker an Russland anlehnende Leonid Kutschma gewann mit vergleichbaren Mehrheiten in den 13 östlichen Gebieten. Der US-amerikanische Außenpolitikexperte Ian Brzezinski schrieb, dass diese Wahlen geradezu exemplarisch «die Spaltung zwischen europäisierten Slawen in der Westukraine und der russisch-slawischen Vision von dem, was die Ukraine sein solle» spiegele. (Brzezinski in der New York Times vom 13. Juli 1994, S. A8) Die deutsche Politologin Ellen Bos bescheinigte der Ukraine im Jahr 2009 das «Fehlen einer den neuen Staat tragenden einheitlichen nationalen Identität». Sie führt an, dass «im Westen 1997 nur 17 Prozent eine Union mit Russland befürworteten, im Osten 65 Prozent im Süden 52 Prozent und auf der Krim sogar 92 Prozent.» (Bos in Wolfgang Ismayr: Die politischen Systeme Osteuropas, VS Verlag, 2010, S. 566)
Wir Europäer müssen langsam begreifen, dass sich diese uralten Gegensätze in der Ukraine und die daraus resultierenden Spannungen sich NIE durch Waffengewalt lösen lassen. Die europäischen Staatschefs sollten jetzt zügig einen gemeinsamen Friedensplan für die Ukraine ausarbeiten und vorlegen. Darin muss – unabhängig davon, ob die momentan von russischen Truppen besetzten Gebiete dann unter russische, ukrainische oder internationale Hoheit fallen – den in diesen Gebieten lebenden Menschen Teilautonomie und kulturelle Eigenständigkeit im Rahmen des jeweiligen Landes garantiert werden. Da die USA anscheinend nicht mehr gewillt sind, mit eigenen Truppen eine solche Friedenslösung zu überwachen, sollte man in den europäischen Hauptstädten jetzt ernsthaft über die Aufstellung einer gemeinsamen, bewaffneten Friedenstruppe für die Sicherstellung der in einem Friedensabkommen auszuhandelnden Vereinbarungen nachdenken. Nur so, und nicht mit Taurus 2-Marschflugkörpern, kann man der leidenden Bevölkerung der Ukraine endlich Frieden schenken!
Boris Fernbacher
Baden-Baden
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