Leserbrief
Leserbrief „Meine Meinung“ – „Viel Häme, wenig Ahnung – und Angst vor kritischen Fragen“ – Zum Leserbrief von Julian Beck vom 17. Oktober
Baden-Baden, 19.10.2026, Leserbrief In einem Leserbrief an die Redaktion nimmt goodnews4-Leser Reinhold Pfeifer Stellung zu dem Leserbrief von goodnews4-Leser Julian Beck Leserbrief «Meine Meinung» – «Solange da nichts kommt, sollte sich Herr Bohnert mit der Beurteilung anderer zurückhalten».
Man muss den Leserbrief eines gewissen Julian Beck schon zweimal lesen, um zu begreifen, wie viel persönliche Abneigung, politische Ahnungslosigkeit und unfreiwillige Komik sich auf so engem Raum unterbringen lassen. Was als politische Abrechnung mit dem Vorsitzenden der Gemeinderatsfraktion SPD/Die Linke, Sven Bohnert, gedacht war, gerät bei näherer Betrachtung vor allem zu einer bemerkenswerten Selbstentlarvung seines Verfassers.
Wer auf eine sachliche Auseinandersetzung mit der politischen Arbeit der Fraktion gehofft hatte, wird bitter enttäuscht. Statt Argumenten gibt es persönliche Herabsetzungen, Spekulationen über Einkünfte, Mutmaßungen über berufliche Motive und sogar eine Abhandlung über den Namen einer Rechtsanwaltskanzlei.
Nur eines sucht man vergeblich: ein einziges überzeugendes Argument gegen die kommunalpolitische Arbeit von Sven Bohnert.
Besonders eindrucksvoll stellt Herr Beck seine kommunalpolitische Sachkenntnis bei seinen Ausführungen zur Bürgermeisterwahl in Pfullingen unter Beweis. Mit großer Geste, erstaunlicher Selbstgewissheit und offenbar völlig unbeschwert von einer vorherigen Recherche behauptet er, Sven Bohnert habe 2021 Oberbürgermeister von Pfullingen werden wollen. Das Problem ist nur: Pfullingen hat überhaupt keinen Oberbürgermeister! Ein kurzer Blick auf die kommunalen Verhältnisse hätte genügt, um festzustellen, dass an der Spitze der Stadt Pfullingen ein Bürgermeister steht.
Man muss sich das einmal vorstellen: Da verfasst jemand einen seitenlangen persönlichen Verriss über einen Kommunalpolitiker, spekuliert über dessen angebliche finanzielle Motive, rechnet ihm ein vermeintliches Oberbürgermeistergehalt vor und scheitert bereits an der korrekten Bezeichnung des Amtes, über das er sich so wortreich auslässt. Herr Beck möchte anderen politische Kompetenz absprechen, während es bei ihm selbst offenbar nicht einmal für die Unterscheidung zwischen einem Bürgermeister und einem Oberbürgermeister reicht.
Vielleicht wäre es ratsam, vor dem nächsten kommunalpolitischen Rundumschlag wenigstens fünf Minuten in eine ordentliche Recherche zu investieren. Das könnte manche Peinlichkeit verhindern.
Nicht weniger erheiternd ist die ausführliche Beschäftigung mit der Bezeichnung «Rechtsmanufaktur» für die Anwaltskanzlei von Sven Bohnert. Herr Beck scheint ernsthaft zu glauben, aus diesem Begriff eine standesrechtliche Verdachtsgeschichte konstruieren zu können. Man darf gespannt sein, ob er als Nächstes die Handwerkskammer einschaltet, weil eine «Gedankenschmiede» keine Schmiedewerkstatt betreibt.
Auch seine Ausführungen zu den angeblich wundersam gestiegenen Bezügen des Fraktionsvorsitzenden lassen eine sachliche Grundlage vermissen. Kommunale Aufwandsentschädigungen richten sich nach den geltenden Regelungen und nicht nach der persönlichen Kassenlage oder den Wünschen eines Stadtrats. Wer daraus eine Geschichte persönlicher Bereicherung machen möchte, sollte wenigstens konkrete Zahlen, Rechtsgrundlagen und nachvollziehbare Berechnungen vorlegen.
Dass sich ein beruflich tätiger Rechtsanwalt um ein kommunales Wahlamt bewirbt, erscheint Herrn Beck ebenfalls verdächtig. Nach dieser Logik müsste man künftig wohl jedem beruflich erfolgreichen Menschen davon abraten, politische Verantwortung zu übernehmen. Ein eigentümliches Demokratieverständnis.
Geradezu abenteuerlich wird es schließlich bei seinen Ausführungen zur gemeinsamen Fraktion von SPD und Die Linke. Aus politischen Vorgängen und Vorwürfen auf Bundesebene konstruiert Herr Beck eine Art kollektive Verantwortung sämtlicher Mitglieder einer Partei, um daraus wiederum Vorwürfe gegen Sven Bohnert abzuleiten. Eine kommunale Fraktionsgemeinschaft ist jedoch kein pauschales Bekenntnis zu jeder Äußerung und Handlung sämtlicher Mitglieder der beteiligten Parteien. Wer der Baden-Badener Fraktion konkrete politische Fehler vorwerfen möchte, soll diese benennen. Pauschale Verdächtigungen ersetzen keine sachliche Kritik.
Und damit kommen wir zur eigentlich interessanten Frage: Warum dieser persönliche Rundumschlag gerade jetzt?
Der Anlass des Leserbriefs ist schließlich kein Geheimnis. Die Fraktion SPD/Die Linke und ihr Vorsitzender Sven Bohnert haben gegenüber Vertretern der AfD Transparenz und Aufklärung eingefordert. Es geht um politische Verantwortung, um die Glaubwürdigkeit öffentlicher Erklärungen und um Fragen, auf die Bürger nachvollziehbare Antworten erwarten dürfen. Statt sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, erscheint ein Leserbrief, der sich nahezu ausschließlich an der Person desjenigen abarbeitet, der sie öffentlich stellt. Das ist zumindest bemerkenswert.
Wem nützt eine solche Ablenkung? Wer hat ein politisches Interesse daran, dass nicht mehr über die aufgeworfenen Fragen zur AfD gesprochen wird, sondern über den Namen einer Anwaltskanzlei, eine Bürgermeisterwahl von 2021 oder vermeintliche persönliche Motive eines SPD-Stadtrats?
Die Antwort auf die Frage nach dem politischen Nutznießer liegt jedenfalls nicht fern. Damit ist selbstverständlich nicht bewiesen, dass der Leserbrief von der AfD bestellt, angeregt oder beeinflusst wurde. Aber die auffällige Übereinstimmung seiner Stoßrichtung mit den politischen Interessen der AfD darf man durchaus feststellen.
Und wer ist eigentlich Julian Beck?
Die Redaktion veröffentlicht seinen Namen und nennt Baden-Baden als Wohnort. Mehr erfährt die Leserschaft nicht. Das ist für einen gewöhnlichen Leserbrief auch nicht ungewöhnlich. Bei einem derart gezielten persönlichen Angriff wäre es allerdings durchaus von Interesse, ob hier tatsächlich eine völlig unabhängige Bürgermeinung vorliegt oder ob parteipolitische Interessen eine Rolle spielen. Die Frage nach der Authentizität und Unabhängigkeit eines Leserbriefs ist legitim. Sie richtet sich nicht gegen das Recht auf freie Meinungsäußerung, sondern betrifft die Transparenz einer öffentlichen politischen Debatte.
Politisch aufschlussreich ist vor allem, wie viel Aufmerksamkeit Sven Bohnert offenbar bei seinen Gegnern hervorruft. Wer glaubt, den Fraktionsvorsitzenden mit persönlichen Angriffen einschüchtern oder von kritischen Nachfragen abbringen zu können, dürfte sich täuschen. Die Fraktion SPD/Die Linke nimmt ihre Aufgabe als kommunalpolitische Kraft wahr, indem sie Entscheidungen hinterfragt, Transparenz verlangt und öffentliche Verantwortung einfordert. Gerade gegenüber politischen Akteuren, deren Erklärungen Fragen offenlassen, ist das keine Anmaßung, sondern demokratische Pflicht.
Kritik an Sven Bohnert und seiner Fraktion ist selbstverständlich legitim. Aber Kritik muss sich an konkreten politischen Positionen und Handlungen messen lassen. Persönliche Häme, unbelegte Motive und schlecht recherchierte Nebenschauplätze sind kein Ersatz für Argumente.
Am Ende erklärt Herr Beck Sven Bohnert sogar zum «Totengräber» der SPD. Das ist eine bemerkenswert weitreichende Prognose für jemanden, der in seinem eigenen Leserbrief nicht einmal die Amtsbezeichnung des Pfullinger Stadtoberhaupts richtig wiedergibt.
Vielleicht sollte Herr Beck zunächst seine eigenen Tatsachenbehauptungen auf ein tragfähiges Fundament stellen, bevor er anderen politische Nachrufe schreibt.
Die SPD/Die Linke-Fraktion sollte sich durch derartige Angriffe jedenfalls nicht beirren lassen. Baden-Baden braucht Gemeinderäte, die unbequeme Fragen stellen, Missstände ansprechen und auf nachvollziehbaren Antworten bestehen. Denn die politische Kultur wird nicht durch diejenigen beschädigt, die Transparenz einfordern, sondern durch eine Debatte, in der persönliche Diffamierung an die Stelle sachlicher Argumente tritt.
Herr Beck fordert Sven Bohnert auf, sich mit der Beurteilung anderer zurückzuhalten. Nach der Lektüre seines eigenen Leserbriefs drängt sich eine andere Empfehlung auf: Weniger persönliche Häme, mehr Sachkenntnis und vor allem gründlichere Recherche. Das wäre ein guter Anfang – auch für die politische Debattenkultur in Baden-Baden.
Reinhold Pfeifer
Baden-Baden
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