Leserbrief

Leserbrief „Meine Meinung“ – „Vielen Dank für Ihre klaren Worte“ – „Solange Anna Netrebko die Bühne nicht für prorussische Propaganda missbraucht…“

Baden-Baden, 07.08.2024, Leserbrief In einem Leserbrief an die Redaktion nimmt goodnews4-Leser Boris Fernbacher Stellung zu dem goodnews4-Bericht Baden-Badener Festspielhaus-Chef Benedict Stampa fordert auf, «weniger schwarz-weiß zu denken» – Im «goodnews4 Sommergespräch»: «Baden-Baden ist eine Stadt, in der sowohl russische als auch ukrainische Menschen leben».

Sehr geehrter Herr Intendant Stampa,

vielen Dank für Ihre klaren Worte der Verteidigung der Unabhängigkeit der Kunst von politisch oder volkspädagogisch motivierten Überzeugungen und Zielen. Der folgenden Aussage von Ihnen kann ich nur voll zustimmen:

«Die Nation und der Geburtsort entscheiden nicht über die Qualität eines Menschen, sondern es gibt andere Parameter, die über den Charakter eines Menschen entscheiden.»

 

Herkunft, Nationalität, Hautfarbe, politische Haltung, gesellschaftliches Engagement oder sexuelle Präferenz eines Komponisten oder ausübenden Musikers dürfen keine Rolle bei der Beurteilung des künstlerischen Wertes seines Schaffens spielen. Ich würde sogar noch weiter als Sie in obigem Zitat gehen. Auch der «Charakter eines Menschen» ist für die Bewertung der Qualität seiner Kunst irrelevant. Der italienische Renaissance- und Barock-Komponist Carlo Gesualdo hat aus Eifersucht vermutlich drei Menschen ermordet und Richard Wagner sowie der deutsche Komponist Hans Pfitzner haben widerliche antisemitische Sprüche von sich gegeben. Aber alle drei haben großartige Musik geschrieben. Und darauf kommt es im Konzertsaal doch an, oder? Ich persönlich höre lieber einen erstklassigen Pianisten oder Violinisten musizieren, der seine Frau machomäßig schlecht behandelt, wegen Steuerhinterziehung vorbestraft ist und mit seinem dicken SUV fett CO2 produziert, als seinem zweit- oder drittklassigen Kollegen, der sich als Feminist versteht, in der queeren Community aktiv ist und politisch korrekt mit dem Lastenfahrrad zur Probe fährt.

Wir sollten wieder dazu zurückkehren, Musik nach den ihr inhärenten ästhetischen Kriterien zu bewerten, anstatt außermusikalische Bewertungsmaßstäbe an sie anzulegen. Solange die russische Sängerin Anna Netrebko die Bühne nicht für prorussische Propaganda missbraucht, ist es vollkommen wurscht, ob sie Putin nun freundlich verbunden ist oder sich nicht explizit von dessen Politik distanziert hat. Sie kann erstklassig singen und mehr als schöne Arien wollen wir von ihr doch auch nicht hören.

Also halten Sie in unserem Festspielhaus weiter tapfer und unbeirrt das Banner einer sich nicht von momentanen gesellschaftlichen und politischen Modeströmungen vereinnahmen lassenden Kunst hoch, Herr Stampa. Gerne auch mittels Musik mit viel russischer Seele und Weltschmerz wie von Tschaikowski und Rachmaninow oder brachialen Rhythmen aus der russischen Steppe von Strawinsky und Prokofjew. Ich wünsche Ihnen dabei viel Kraft, Glück und Erfolg.

PS: Und wer Musik primär als fortgesetzte Form des gesellschaftlichen und politischen Kampfes versteht, muss ja nicht ins Baden-Badener Festspielhaus, sondern kann zu Auftritten der Rockband Die Toten Hosen oder anderer musizierender Weltverbesserer gehen.

Boris Fernbacher
Baden-Baden


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