Leserbrief

Leserbrief „Meine Meinung“ – „Wenn wieder einmal ein Bauspekulant ein weiteres Hotel in Baden-Baden errichten will“ – „Wir müssen zugeben, dass die bisher bestehenden Hotels nicht ausgelastet sind“

Baden-Baden, 05.09.2024, Leserbrief In einem Leserbrief an die Redaktion nimmt goodnews4-Leser Wolfgang Holstein Stellung zu dem goodnews4-Bericht Baden-Badener Kur und Tourismus GmbH liefert Halbjahreszahlen zu spätem Zeitpunkt – Nora Waggershauser: «Es fehlen 500 Bettenkapazitäten».

Heute soll der Gemeinderat für ein Thema sensibilisieren werden, welches auf dem Radar von Baden-Baden bisher noch nicht aufgetaucht ist. Und zwar handelt es sich um das zu befürchtende Hotelbetten-Überangebot.

Derzeit bekommen alle Stadträte Eurozeichen in den Augen, wenn wieder einmal ein Bauspekulant ein weiteres Hotel in Baden-Baden errichten will (Gewerbesteuer). Aber braucht es wirklich noch weitere Hotelkapazitäten? Wenn die Renovierungen des Brenners, des Europäischen Hofs mit 120 Zimmern und des Badischen Hofes abgeschlossen sind, steht die bisherige Bettenkapazität wieder zur Verfügung. Hinzu kommt nun jedoch noch ein anderer Immobilien-Goldgräber, der zusätzlich ein Golf-Hotel mit über 100 Zimmern errichten will. Nicht unbeachtet lassen soll man auch die Überlegungen von Frank Marrenbach, der sich dem Vernehmen nach mit dem Gedanken trägt, in guter Lage nahe dem Kongresshaus ein 4-Sterne-Hotel mit wahrscheinlich auch ca. 100 Zimmern zu betreiben. Und die Hotelpläne für das Neue Schloss und das Babo-Hochhaus sind ja auch noch nicht endgültig vom Tisch. Ja, sogar der Forellenhof soll mit 32 Zimmern als Hotel wieder zum Leben erweckt werden.

 

Wenn wir uns nun der Ehrlichkeit zuneigen, was im Sprachgebrauch der Baden-Badener Stadtverantwortlichen jedoch kaum der Fall ist, dann müssen wir zugeben, dass bereits die bisher bestehenden Hotels nicht ausgelastet sind. Warum hätte sonst wohl das Hotel Magnetberg seinen Betrieb eingestellt. Wegen Überlastung bestimmt nicht. Die durchschnittliche Belegungsrate dürfte sich zwischen 50 und 60 Prozent p.a. bewegen, womit zumindest die Kosten gedeckt sind und vielleicht sogar ein minimaler Gewinn erwirtschaftet werden kann. Und dass die renommierte Steigenberger-Gruppe (u.a. Europäischer Hof in Baden-Baden) an einen Ägyptischen Investor verkauft wurde, lässt auch nicht unbedingt auf goldenen Boden im Hotelgewerbe schließen oder dass man die Tür zum Geldspeicher nicht mehr zubekommen hat.

Hinzu kommt die Trendwende, nach der immer mehr Ferienwohnungen frequentiert werden, und die steigende Anzahl der Reisemobile. Alleine in diesem Jahr wurden in Deutschland bis Ende Juli 53.000 Reisemobile neu zugelassen. Diese gewaltige Zahl an Übernachtungsgästen fehlt der Hotellerie. Letztlich nicht zu vergessen, dass immer mehr Menschen ihren Urlaub auf Schiffen verbringen. Dort wird auf riesigen Pötten ein Entertainment geboten, das weder altehrwürdige Hotels noch hippe Orte bieten können.

Derzeit sind 340 Ozeanriesen unterwegs und man rechnet bis 2027 mit einem Aufkommen von 40 Millionen (i.W. vierzig Millionen) Passagieren!

Alle diese Übernachtungsgäste fehlen der Hotellerie und an diesem Trend dürfte sich so schnell nichts mehr ändern. Mit Spa- und Wellness-Oasen alleine kommt jedenfalls kein Hotel aus der Misere.

Auch wenn die Baden-Badener Touristik-Chefin Waggershauser nicht müde wird zu betonen, man bräuchte mehr Hotelbetten-Kapazität so sei der Wahrheit doch die Ehre gereicht und zugegeben, dass die sogenannte Vollauslastung, wenn überhaupt, dann nur zu wenigen Tagen/Wochen im Jahr gegeben ist (Rennwochen, Rückversicherer- Kongress, Festspielwochen, und vielleicht der Weihnachtsmarkt).

Baden-Baden zehrt von seiner ruhmvollen 200jährigen Vergangenheit. Das tun andere ehemalige Kurorte, wie beispielsweise Bad Hofgastein und speziell Bad Gastein, auch, aber die dortigen Hotelbauten stehen mehrheitlich leer und sind dem Verfall preisgegeben, weil man mit Heilquellen heute keinen Blumentopf mehr gewinnen kann. Diese Geisterstädte sollten uns eine Mahnung sein. Haben wir nicht schon selbst genug verfallende Altbauten in der Stadt, deren Besitzer sich die aufwändigen Renovierungen nicht mehr leisten können, woran ein selbstgefälliger Denkmalschutz jedoch ein gerüttelt Maß an Schuld trägt. Lieber lässt man die Bude vergammeln mit allen negativen Begleiterscheinungen statt vernünftige, zeitgemäße Kompromisse zu suchen. Aber vielleicht rechnet man bei der Stadt ja schon damit, dass man die voraussehbaren Hotel-Ruinen auch als Flüchtlingsunterkünfte verwenden kann, dann werden sie wenigstens einem sozialen Zweck zugeführt.

Die Zeiten in denen Hotelgäste «lustwandelten» sind jedenfalls mehrheitlich vorbei, heute ist zumindest in verhaltener Form «Action» angesagt. Selbst in der schönen Lichtentaler Allee wird ein «Lustwandeln» auf Dauer langweilig. Gleiches gilt für die im Welterbe mit eingebundenen Partnerstädte, wie z.B. Karlsbad, welches zu Beginn des 20. Jahrhunderts das berühmteste Heilbad Europas war und heute mit Billigangeboten um Europäische Kundschaft buhlt, weil die wegen der vielen dortigen Russen nicht mehr kommen wollen. Gleiches kann auch Baden-Baden passieren, denn der Überhang an russisch/ukrainischen (Mit-)Bürgern ist überproportional und trägt bestimmt nicht zum gewünschten Gästezuwachs aus Europa und Übersee bei, was durch die aktuellen Zahlen bei ausländischen Gästen bereits erkennbar ist. War früher Baden-Baden schon als «Klein-Moskau und Neu-Sankt-Petersburg» verrufen, als Umsatzbringer aber zumindest akzeptiert, so will man heute mit Russen aus gutem Grund nichts mehr zu tun haben und sieht sie lieber von hinten wie von vorn.

Wichtig wäre es, renommierte Kongresse in diese Stadt zu bringen, die immer noch einen guten internationalen Ruf genießt. Wer fährt nicht gerne mal für 2 oder 3 Tage nach Baden-Baden? Aber dafür benötigt man einen Anlass und der ist außer dem Rückversicherer-Kongress und eventuell der Medizinischen Woche nicht gegeben. Um so etwas zu organisieren, bedarf es weltweiter Verbindungen und keiner städtischer Provinz-Beamter, die schon mit der Weihnachtsfeier ihres Turnvereins überfordert sind. Diese Verbindungen sind in der Musikwelt (Philharmonie und Festspielhaus) vorhanden, aber leider nicht in anderen Bereichen der Stadtverwaltung.

Es wäre höchste Zeit, die Weichen für die Zukunft zu stellen und sich ernsthaft mit dem Thema «Baden-Baden in 20 Jahren» zu beschäftigen, sonst gibt es ein böses Erwachen! Die ersten Ansätze für den Niedergang sind schon vorhanden.

Das würde allerdings erfordern, dass verantwortliche Politiker über den Tellerrand hinausdenken und vor allem, dass ein fähiger Touristik-Manager auf diesem wichtigen Posten eingesetzt wird. Mit dem bisherigen Personal, namentlich der Touristik-Chefin Waggershauser, ist kein Staat zu machen, deren Ideen, sofern überhaupt vorhanden, haben bisher Baden-Baden kaum Zuwachs in der Touristik beschert und auch als Geschäftsführerin des Kongresshauses gelingt es ihr noch nicht einmal die gegenüber der Stadt fällige Miete zu erwirtschaften. Dem Vernehmen nach soll besagte Dame durch eine (protegierte) Ämterhäufung wesentlich mehr verdienen als der mit einem 5-stelligen Gehalt schon zu hoch bezahlte Oberbürgermeister. Wahnsinn, so viel Geld für kaum messbare Leistungen? Hier wird zur gegebenen Zeit mal ein kritischer Blick auf die eigenartigen Gehaltsstrukturen und Ämterhäufelungen der Stadtverwaltung zu werfen sein. Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass hier die Stadt zu Lasten der Steuerzahler ausgenommen wird wie eine Weihnachtsgans.

Aber wer soll geeignetes Personal aussuchen, wenn man selbst keine Ahnung von der jeweiligen Materie hat? Hierein Hoffnung zu setzten, ist offensichtlich vergebliche Liebesmüh. Vielleicht kann der Gemeinderat hier ein gewichtiges Wort mitreden, denn auch im Gemeinderat sind einige, wenn auch wenige, fähige Personen vertreten. Leider aber auch andere, denen man mal genauer auf die Finger bzw. deren Abstimmungsverhalten schauen wird.

Im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Misere von Baden-Baden mit seiner Geldverschwendung und den daraus resultierenden enormen Schulden sollte man auch einen Blick auf einige wichtige amtliche Statistiken (2022) werfen.

Baden-Baden führt nicht nur unrühmlich ständig die Zahl der Arbeitslosen mit großem Vorsprung an. Durchschnitt Karlsruhe-Rastatt = 4,5 Prozent / Baden-Baden = 7,3 Prozent sondern gehört auch im Vergleich BIP (Brutto-Inlands-Produkt) je Erwerbstätiger mit 77.483 Euro pro Jahr zu den Schlusslichtern dieser Statistik. Dahinter liegen mit geringem Abstand nur noch die wirtschaftlichen Randbezirke Schwarzwald-Baar-Kreis, Breisgau-Hohentwiel und Neckar-Oder-Kreis.

Der Landesdurchschnitt in Baden-Württemberg beträgt 90.228 Euro je Erwerbstätigem. Die Nachbarstadt Rastatt kommt, dank Daimler im Rücken, auf 95.500 Euro je Erwerbstätigem.

Und hier schließt sich wieder der Kreis zu der eingangs erwähnten Ansiedelung neuer Hotels. Hotels tragen mangels Auslastung und geringer Bezahlung ihrer Mitarbeiter nicht zur Steigerung des BIP der Erwerbstätigen und somit zu mehr Steuereinnahmen bei.

Leider gibt es bei der Stadtverwaltung keine Wirtschaftsfachleute, die eine ertragreiche Strategie für Baden-Baden entwickeln könnten.

Wolfgang Holstein
Baden-Baden


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