Leserbrief

Leserbrief „Meine Meinung“ – „Zollschranken sind es jedenfalls nicht“ – „Ich habe selbst viele Jahre Geschäftsbeziehungen mit China unterhalten“

Baden-Baden, 16.07.2024, Leserbrief In einem Leserbrief an die Redaktion nimmt goodnews4-Leser Wolfgang Holstein Stellung.

Handelsstreit mit China, ein Thema welches eigentlich nicht in die regionale Berichterstattung der goodnews4 passt, aber doch für die Allgemeinheit von Interesse sein könnte. Dieses Thema trifft Produzenten (wg. rückläufiger Umsätze), deren Angestellte (wg. eventueller Entlassungen) und Verbraucher (wg. höherer Preise) gleichermaßen. Wie konnte es soweit kommen?

Ich habe selbst viele Jahre Geschäftsbeziehungen mit China unterhalten und konnte den Werdegang bzw. Aufstieg dieses ehemals unterentwickelten Landes mitverfolgen. Begonnen hat es damit, dass Chinesen durch deutsche Werkshallen liefen und fleißig Fotos machten. Die deutschen Produzenten haben dies mit Stolz registriert, weil man ihren Produkten so viel Aufmerksamkeit zukommen ließ. Irgendwann haben dann die betreffenden Produzenten gemerkt, dass man versuchte in China diese Produkte anhand der Fotos nachzubauen und man verbot das Fotografieren in den Werkshallen. Auch die Chinesen merkten, dass sie allein mit Fotografien nicht weiterkommen. Man erinnere sich nur an die ersten chinesischen Produkte, die in Deutschland auf den Markt kamen, einschließlich der Autos; alles billiger wertloser Schrott. Aber die Chinesen lernten schnell, verzichteten auf Werkspionage und kauften einfach die interessanten Produkte. Deren Nachbauten wurden immer besser und zauberte den Deutschen Produzenten die ersten Sorgenfalten auf die Stirn und man versuchte auch dies zu unterbinden. Aber die Chinesen waren schlauer und beteiligten sich finanziell an deutschen Firmen und gewannen so Einblick in die Konstruktionspläne. Oder kauften gleich die ganze Firma, wie z.B. den Industrie-Roboter-Hersteller KUKA. Damit schalteten sie nicht nur die deutsche Konkurrenz aus, sondern eroberten mit diesen Produkten die ganze Welt.

 

Aber auch mit Nachbauten (wie im Automobilbereich) wollten sich die Chinesen nicht zufriedengeben, weil es sich letztlich um veraltete Technik handelte. Deshalb gingen sie dazu über von deutschen Firmen (speziell im Automobilsektor) die Konstrukteure und Marketing-Spezialisten abzuwerben. Und siehe da, heute kommen aus China technisch ausgereifte, sehr ansehnliche Automobile, die beispielsweise in der Elektrotechnik den deutschen Produkten weit überlegen sind.

Damit ist nun heute der Punkt erreicht, wo deutsche Firmenchefs sich die Haare raufen, weil sie kein probates Gegenmittel in diesem weltweiten Wettbewerb finden. Zollschranken sind es jedenfalls nicht, weil man sich damit selbst ins Bein schießt, insbesondere vor dem Hintergrund, dass China weltweit über die größten Vorräte an sogenannten Seltenen Erden verfügt, die auch in Deutschland speziell für Elektro-Automobile dringend benötigt werden. Wenn man dann letztlich noch weiß, dass mittlerweile jede zweite internationale Patentanmeldung aus der Volksrepublik China stammt, dann erkennt man den Vorteil der hervorragenden Ausbildung der dortigen Jugend und sieht für die wirtschaftliche Zukunft in Europa nur noch rabenschwarz.

Eine geringe Hoffnung besteht nur darin, dass China in absehbarer Zeit kein Billiglohnland mehr sein wird. Die gut ausgebildete Jugend lässt sich nicht mehr mit Hungerlöhnen wie zu Zeiten ihrer Väter abspeisen. Gleichwohl bedeutet dies keinen Vorteil für Europa, wo man es sich bei hohen Löhnen und möglichst geringer Leistung in der sozialen Hängematte bequem gemacht hat. Da kommt einem wieder der alte Witz in den Sinn, wo auf die Ankündigung ein Gewerkschaftsfunktionärs «wir werden künftig nur noch Mittwochs arbeiten» aus dem Zuhörerraum der Zuruf erfolgt: «Vormittags oder Nachmittags?» Natürlich ist Deutschland immer noch ein Land der Innovationen, aber Firmen, die diese umsetzen, werden keine Millionen Arbeitnehmer benötigen, wie die Automobil- oder sonstige Industrie. Viele Arbeitnehmer werden bei dem Begriff Life/Work-Balance bald mehr über Life- als über Work-Balance verfügen. Die Vorteile der globalen Entwicklung dürften eher beim Handel mit Ländern wie Indien liegen, wo ein enormer Nachholbedarf besteht. Ob Europa dort allerdings bei der enormen asiatischen Konkurrenz einen Fuß in die Tür bekommt, darf bezweifelt werden. Wie soll es also in Europa und speziell hier in Deutschland wirtschaftlich weitergehen? Nicht nur das Ergebnis der letzten Europawahl lässt Böses erahnen.

Wolfgang Holstein
Baden-Baden


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