Leserbrief
Leserbrief „Meine Meinung“ – Zum goodnews4-Bericht „Talk mit Intendanten Theater Baden-Baden – Patronatsgesellschaft lädt ein“ – „Zensur findet doch statt!“
Baden-Baden, 26.10.2026, Leserbrief In einem Leserbrief an die Redaktion nimmt eine goodnews4-Leser Rudolf Rust Stellung zu dem goodnews4-Bericht Talk mit Intendanten Theater Baden-Baden – Patronatsgesellschaft lädt ein.
In der Einladung zum «Patronaten-Talk» wird konstatiert, am Stadttheater wurden «bereits in den ersten Produktionen … Spielfreude, Teilhabe und Fantasie, aber auch die Bewahrung der Kunstfreiheit und unserer Demokratie insgesamt als inhaltliche Schwerpunkte deutlich». Nun, was die zweite abendfüllende Produktion im großen Saal des Theaters «Alle werden gerettet» angeht, kann man durchaus geteilter Meinung sein, man könnte auch sagen: Schauspieler bleibt bei Euren Leisten! Ihr seid als Schauspieler engagiert, nicht als Autoren. Ihr seid ausgebildet, Texte von Dichtern einem Publikum zu vermitteln und nicht, eigene rudimentäre historische Kenntnisse zu vermitteln!
Es ist löblich, wenn Schauspieler sich privat um Demokratie, Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit sorgen. Aber dann doch bitte nicht mit einem Rückgriff auf das antike Griechenland. Damals gab es allenfalls für 20 Prozent der Bewohner eines Stadtstaates ein Wahlrecht. Die reichlich vorhandenen Sklaven hatten kein Stimmrecht und …. Frauen auch nicht. Im antiken Rom war es ähnlich, nur wer Bürger Roms war, durfte wählen. In den 1800 Jahren danach, waren die Untertanen eines Fürsten Leibeigene, zu verrichtende Frondienste beim Burgenbau schmücken heute noch Baden-Baden. Erst mit den Reformen von Stein und Hardenberg von 1807 (dank Napoleon) wurden in Preußen die Bauern befreit, und Wahlrecht für Frauen gab es erst 1918.
Wie kann es nun dazu kommen, dass sich Intendant, Dramaturg und die schreibenden, Regie führenden und spielenden Ensemblemitglieder Sorgen um die Freiheit der Kunst machen, die doch durch unser Grundgesetz nach Art. 5, Abs.3 geschützt sind. Diese Sorge zieht sich wie ein roter Faden durch das Spielzeit-Heft 2026/27, das Programm zur «Mutter Courage», die Diskussion zwischen unserem Oberbürgermeister und dem Intendanten und durch das Stück «Alle werden gerettet». Für mich hört sich das so an, wie das Pfeifen im Wald, was vor bösen Überraschungen hilft …. aber doch von «des Pudels Kern» ablenkt.
Wenn Herr Meienreis sich um Meinungsfreiheit sorgt, warum bedient er sich dann nicht der Instrumente, die ihm im Theater zur Verfügung stehen? Warum setzt er nicht z.B. Schillers «Don Karlos» auf das Programm? Dort appelliert der Marquis von Posa an König Philipp von Spanien «Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!» (3. Akt, 10. Auftritt). Ein Werk, das von der Freiheit kündet und an politischer Aktualität nichts verloren hat. Wenn er Zensur darstellen wollte, wie wäre es mit der Komödie «Noch ist Polen nicht verloren» des ungarische Dramatikers Melchior Lengyel? Mit dem «hervorragenden Schauspieler Josef Tura».
Man stelle sich einmal vor, heutige Intendanten, Regisseure und Dramaturgen hätten Leitungsfunktionen an einem städtischen Museum. Müsste man dann nicht befürchten, dass Gemälde von Rembrandt van Rijn, Rubens, bis hin zu Kokoschka und Liebermann übermalt, zerstückelt und ins Archiv gehängt würden? Nun, was die eben genannten Berufe angeht, was die heute mit toten Dramatikern machen, wenn sie ein Stück «NACH» einem Autor spielen, das «hat Hitler mit Polen gemacht» und wiederholt sich heute andernorts im realen Leben wieder: geplündert, vergewaltigt, erschlagen. Was der Zuschauer bei der Aufführung eines Dramatikers erwarten darf, wird exemplarisch in einem Dokumentarfilm/DVD von Hans JürgenSyberberg deutlich: Fritz Kortner probt «Kabale und Liebe» (1965) an den Münchner Kammerspielen, mit Fokus auf die Todesszene im fünften Akt, siebte Szene. Da wird von Kortner um jedes Wort, jede Nuance, jede gewünschte Wirkung von Schillers Drama gerungen – mit so wunderbaren Darstellern wie Christiane Hörbiger und Helmut Lohner.
Für ein «wehret den Anfängen» ist es vermutlich schon 30 Jahre zu spät. Dennoch ist es notwendig, sich der schleichenden Verharmlosung, der Verflachung europäischer Kultur durch Intendanten und Regisseure entgegenzustemmen, die unter dem Deckmantel «Freiheit der Kunst» am Untergang des Abendlandes mitwirken. Es ist für mich nur schwer nachvollziehbar, warum das Stadttheater – statt geeignete Dramen zu spielen – sich auf die (schmutzige?) politische Bühne begibt. Warum spielen sie nicht Günter Grass «Die Plebejer proben den Aufstand». Vermutlich weil dann vom Rathaus die Anweisung käme: «Die Plebejer werden gebeten, den (städtischen) Rasen nicht zu betreten.»
Noch ein Aspekt: haben die nachwachsenden Generationen nicht das Recht, die wichtigsten Dramen und Komödien, die Kernstücke europäischer Kultur, im Original zu erleben? Oder ist das Theater inzwischen auf dem Niveau deutscher Gymnasien, an denen man Lessings «Nathan der Weise» oft OHNE die Ringparabel unterrichtet? Die Wertigkeit der Veranstaltung «Fit fürs Abi» ist jedenfalls schon jetzt – wegen Programmgestaltung und Durchführung – fragwürdig.
Das Theater hat keine Zensur zu befürchten, ist wohl nur – so unser Oberbürgermeister – von der Finanznot der Gemeinde bedroht. Wieso ich im Titel des Leserbriefs schreibe, «Zensur findet doch statt»? Ganz einfach: Weil der Intendant mit seiner Spielplangestaltung eine Auswahl trifft. All jene Dramatiker, die keinerlei Chance haben, in Baden-Baden zur Aufführung gebracht zu werden. Das ist eine Selektion von mehr als 99 Prozent aller Stücke, eine Zensur, wie sie radikaler und totaler überhaupt nicht sein kann. Dies umso mehr, als der Spielplan für November nur an 10 Tagen Theateraufführungen im Großen Haus vorsieht. Wieso Lesungen im Großen Haus stattfinden müssen und Veranstaltungen am Nachmittag (Führung, bzw. Märchenvorstellung) keine Abendaufführung zulassen, ist wirtschaftlich nicht akzeptabel. Lassen wir mal die Fingerübungen im Kulissenhaus beiseite, das kann man wohl kaum als Theater bezeichnen. Da leisten viele – nicht subventionierte – private Theater mehr.
Zum Schluss noch einmal «Don Karlos», diesmal nach Schiller, am Ende des Dramas (5. Akt, 11. Auftritt) König Philipp II. sagt kalt und still zur Patronatsgesellschaft, nachdem er das Theater an die Inquisition ausgeliefert hat: «Ich habe das Meinige getan. Tun Sie das Ihre!&rauqo;
Rudolf Rust
Baden-Baden
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