Leserbrief

Leserbrief „Meine Meinung“ – Zum „Sehnsuchtsort für die gesamte Menschheit“ – „Traumwelt der Stadtverwaltung“

Baden-Baden, 07.10.2024, Leserbrief In einem Leserbrief an die Redaktion nimmt goodnews4-Leser Wolfgang Holstein Stellung.

Es ist noch nicht lange her, da wurde von der Stadt als Pächter für den «Goldenen Löwen» in Lichtental schon einmal die Eierlegende Wollmilchsau gesucht (goodnews4 vom 21.09.2024), also ein Pächter, der quasi ehrenamtlich und ohne jegliche Gewinnabsicht dort tätig wird. Diese Suche war, wen wunderts, bisher scheinbar noch nicht von Erfolg gekrönt.

Aber schon treibt ein neues Objekt Blüten in der Traumwelt der Stadtverwaltung und zwar der «Sehnsuchtsort Baden-Baden». Geht’s nicht auch eine Nummer kleiner? Was ist ein Sehnsuchtsort? Da haben die Menschen je nach eigenen Vorstellungen ganz verschiedene Wünsche. Weil aber Baden-Baden und hier insbesondere einige an Intelligenz kaum mehr zu überbietende Gemeinderäte in ganz anderen Sphären schwebt, sucht man einen Sehnsuchtsort für die gesamte Menschheit. In einer der wenigen hellen Minuten hat der Gemeinderat aber doch ein Hintertürchen eingebaut und beschlossen, dieses Objekt erst bis 2040 zu vollenden, will heißen, nach uns die Sintflut, weil bis dahin von den aktuell amtierenden Gemeinderäten sicher kaum mehr eine/r im Amt sein dürfte.

 

Was ist nun der Sehnsuchtsort? Was für die Katholiken das Paradies ist, sind für Touristen Paris und Venedig, für den Gourmet 3-Sterne-Restaurats und für den Spieler Las Vegas. Aber es gibt keinen Ort auf der Welt, an dem sich die gesamte Menschheit trifft. Auf supermodernen amerikanischen Kreuzfahrtschiffen mit tausenden von Passagieren versucht man zwar diesem Ziel näher zu kommen, aber das Optimum hat man auch dort noch nicht erreicht.

Aber das wird nun anders, jetzt steigt Baden-Baden in den Ring und hier hat man ja bekanntlich den Stein der Weisen gefunden. Bevor sich aber nun die sündhaft teuren «Berater» ans Werk machen, sollte eine Bestandsaufnahme erfolgen. Und die sieht kläglich aus. In einer Liste sind u.a. diese aufgeführt, fehlende bezahlbare Wohnungen, extreme Wetterereignisse, fehlende Grundstücksoptionen, schlechter Zustand der Infrastruktur, Unzufriedenheit mit der Stadtraumgestaltung, Leerstände im Einzelhandel, hoher Verkehrsbelastung, zu viele Veranstaltungen usw. usw.

«Quo Vadis, Baden-Baden? (wohin gehst du, Baden-Baden?)» Gibt es bei uns eigentlich noch verantwortungsvolle Offizielle, die sich ernsthafte Gedanken machen, wie und auf welchen Gebieten man Baden-Baden weiterentwickeln könnte um sich von anderen konkurrierenden Gemeinden absetzen zu können? Und zwar neben der Beseitigung der oben genannten Mängel, nicht nur durch die Ausweisung von Gewerbegebieten und dem Neubau von überflüssigen Hotels?

Blickt man zurück, dann waren in der Vergangenheit folgende Veranstaltungen von mehr oder weniger Erfolg gekrönt. Die in den vier Jahreszeiten stattfindenden Festspiele im Festspielhaus. Die beiden Rennwochen in Iffezheim. Konzerte der Baden-Baden Philharmonie, das New Pop Festival, der Weihnachtsmarkt und die Weihnachtsdekoration im Löwenbräu. Am Rande dann noch die eine oder andere mehr oder weniger erfolgreiche Ausstellung im Burda-Museum. Die Kunsthalle mit ihren paar Besuchern kann man vergessen und das Stadtmuseum fristet ohnehin nur ein Randdasein.

Was könnte man also besser machen, um dem Wunsch nach einem Sehnsuchtsort näher zu kommen und auch die Auslastung der heimischen Hotellerie, Gastronomie und der Läden positiver zu gestalten? Da sich der Ideenreichtum der angestellten Touristikmitarbeiter der Gemeinde, speziell deren glücklos agierenden Chefin Waggershauser in sehr engen Grenzen halten, sind kreative Ideen seitens der Gewerbetreibenden und der Bevölkerung willkommen.

Bei den vier Festspiel-Jahreszeiten kann man wahrscheinlich nicht viel besser machen. Sie sind zwar kein Vergleich mehr mit dem Wirken früherer Jahre unter dem Intendanten Mölich-Zebhauser, was man auch an den notgedrungen stark reduzierten Eintrittspreisen erkennt, aber man kann auf die Schnelle auch nicht viel besser machen. Man müsste sich hier ein neues Gesamtkonzept überlegen, bei dem man sich von Salzburg unterscheidet. Zum Beispiel könnte man die Baden-Baden Philharmonie, die sich mittlerweile einen sehr guten Ruf in der internationalen Musikwelt erworben hat, besser in Festspielwochen mit einbinden. Wir kommen derzeit zwar an die Festspiele in Salzburg bei weitem nicht heran, was aber nicht an der Qualität der Künstler liegt, sondern am Beiwerk. Glanzvolle Empfänge, wie in Salzburg, gibt es halt in Baden-Baden während der Festspielzeit nicht und das strahlt natürlich ab. Sehen und gesehen werden ist in Salzburg (wie auch in Bayreuth) die Devise.

Bei den Rennwochen hat sich Baden-Baden/Iffezheim mittlerweile einen sehr guten internationalen Ruf erworben und hier wäre in der Tat zu überlegen, ob man diese Rennsaison nicht noch um weitere Wochen ergänzen könnte. Alle Voraussetzungen sind gegeben und bei diesen Preisgeldern und Wettumsätzen ist die internationale Spitzenelite am Start.

Das New Pop Festival ist zwar als Äquivalent an die Jugend gedacht und wird auch sehr positiv von dieser aufgenommen, aber das Niveau dürfte letztendlich nicht dem in Baden-Baden gewünschten entsprechen und auch die finanziellen Nebeneffekte für Gastronomie, Hotellerie und Handel dürften sich ebenfalls in engen Grenzen halten.

Und was den Weihnachtsmarkt betrifft, so kann dieser als regionale Veranstaltung durchgehen, aber einen Bekanntheitsgrad wie beispielsweise der Nürnberger Christkindlesmarkt wird er nie erlangen. Wer sich nur für Glühwein und gebrannte Mandeln interessiert, ist hier sicher gut aufgehoben, trägt aber auch nicht unbedingt zum besseren Image von Baden-Baden bei.

Als wohl meist fotografiertes Objekt der Stadt bildet die aufwändig gestaltete Weihnachtsdekoration im Löwenbräu eine absolute Ausnahmestellung und wertet die ansonsten relativ trostlose städtische Weihnachtsdekoration wesentlich auf.

Etwas enttäuschend entwickelt sich das Burda-Museum. Waren vor einigen Jahren die Nolde-, Kiefer- und die Richter-Ausstellungen absolute Renner, die viele Menschen aus weiter Umgebung nach Baden-Baden gelockt haben, so hat das Museum derzeit leider keinen herausragenden Anteil an der kulturellen Entwicklung in Baden-Baden.

Generell ist festzustellen, dass die noch vorhandene Anziehungskraft von Baden-Baden fast ausschließlich mit privatfinanzierten Projekten (Leuchttürmen) aufrechterhalten wird. Heute gilt es bei der Stadt Baden-Baden schon als Kultur-Revolution, wenn auf dem Hindernissparcour, dem sogenannten Sophienboulevard eine angeblich weltbekannte Künstlerin ein paar verrostete Stahlbuchstaben ausstellt.

Gibt es in dieser aufgeblähten Baden-Badener Verwaltung denn wirklich niemand, der sich über die Zukunft von Baden-Baden Gedanken macht? Dass von den Laienschauspielern im Bürgermeisteramt mit ihren Zeitverträgen nichts zu erwarten ist, daran haben sich die Bürger-innen von Baden-Baden schon gewöhnt, aber vielleicht hätte auch einmal ein Gemeinderat eine zündende Idee? Müssen denn wirklich für alles und jedes hochbezahlte Externe verpflichtet werden, weil man selbst nichts zuwege bringt? Dann sollten, wie bisher auch, private einheimische Initiatoren das Zepter in die Hand nehmen und sich unter Verzicht auf diese hochbezahlten sogenannten externen Experten gegen den Niedergang dieser einstmaligen Europäischen Sommerhauptstadt wehren.

Wolfgang Holstein
Baden-Baden


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