Gastkommentar

„Triumpf der moralischen Revolution“ – Wir müssen von Michail Gorbatschow lernen – Gastkommentar von Franz Alt

Bild Franz Alt Gastkommentar von Franz Alt
23.02.2021, 00:00 Uhr



Baden-Baden In unregelmäßigen Abständen veröffentlicht goodnews4.de Beiträge von Gastkommentatoren. Zum engeren Kreis gehören der Baden-Badener Bestsellerautor Franz Alt und Thomas Bippes, der sich insbesondere den Themen der Digitalisierung, IT und Künstlichen Intelligenz zuwendet.

Franz Alt ist Journalist und Bestsellerautor. Er ist Herausgeber von www.sonnenseite.com.

Kommentar: Franz Alt Wir können und müssen von Michail Gorbatschow lernen. Heute brauchen wir eine globale Glasnost und eine globale Perestroika. Und keine Atombomben. Michail Gorbatschow ist und bleibt ein großes Vorbild.

In seinem Buch «Triumpf der moralischen Revolution» schreibt Michail Gorbatschow: «Im 21. Jahrhundert werden sich die tödlichen Krisen entweder noch verschärfen oder es wird zu einem Jahrhundert der moralischen Läuterung und geistigen Gesundung werden…Ich bin überzeugt davon, dass es die Aufgabe aller vernünftigen politischen Kräfte, aller geistigen und ideologischen Strömungen und aller Konfessionen ist, diesen Übergang voranzutreiben und dadurch der Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu ihrem Sieg zu verhelfen. Dann kann das 21. Jahrhundert auch wirklich zu einem Jahrhundert der Renaissance, zu einem Jahrhundert des Menschen werden.»

Der Autor dieses frommen Wunsches verbringt seinen 90. Geburtstag am 2. März abgeschieden in seiner Moskauer Dienstwohnung, es gibt – Corona bedingt – keine Party und keine Pressekonferenz. Der Mann hat vor 35 Jahren die Welt verändert. Seine Politik von Glasnost (Öffnung) und Perestroika (Wandel) hat den Kalten Krieg beendet, zur atomaren Abrüstung geführt, die deutsche Einheit ermöglicht und weltweit die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft genährt wie wohl noch nie in der Weltgeschichte. Zuvor standen Ost und West gefährlich nah am atomaren Abgrund. Vielleicht verdanken wir Michail Gorbatschow, dass wir noch leben.

Sein Mut war es, der die damals größte Bedrohung der gesamten Menschheit überwunden hat. In der heutigen Zeit neuer Feindbilder, neuer Kriege und neuen atomaren Wettrüstens bräuchten wir vermittelnde und versöhnende Stimmen wie die des erfahrenen Realisten Michail Gorbatschow.

Ein Visionär wie Michail Gorbatschow fehlt heute

Es ist wohl die Tragik unserer Tage: kein Gorbatschow weit und breit. Vor drei Jahren habe ich zusammen mit ihm das Buch geschrieben: ». Darin fordert er ein grundlegendes weltpolitisches Umdenken, bei dem Gewaltfreiheit in den Internationalen Beziehungen an erster Stelle steht. Gorbatschows Appell ist ein Weckruf, von nationalstaatlichem Denken und nationalistischem Egoismus endlich Abschied zu nehmen und das «Gemeinsame Haus Europa» zu bauen.

Gorbatschow träumt auch heute von einer atomwaffenfreien Welt. Seine große Hoffnung ist der Atomwaffenverbotsvertrag, der seit Januar 2021 in Kraft ist. Darin haben sich über 120 Staaten verpflichtet, Atomwaffen weder herzustellen, noch zu besitzen, noch zu lagern, noch weiterzugeben. Das ist jetzt gültiges Völkerrecht. Die neun Atomwaffen-Staaten sind nun politisch erstmals in der Defensive.

Vor zwei Jahren trafen wir uns wieder in Moskau. Ich durfte eine Laudatio auf ihn halten. Eine deutsche Nichtregierungsorganisation hatte ihm einen Preis verliehen. «Sind Sie im Herbst Ihres Lebens glücklich?», fragte ich ihn. Seine Antwort: «Es gibt kein glücklichen Reformer. Nur ganz wenige haben die Früchte ihrer Reformen selbst ernten dürfen. Aber ich hatte die Chance, einen realen Wandel zum Besseren in meinem Land und zu einem positiven Wandel in der ganzen Welt beizusteuern. Dafür bin ich dankbar.»

Das ist die pure Bescheidenheit, wenn man als deutscher Journalist daran denkt, dass wir Michail Gorbatschow die friedliche Wiedervereinigung verdanken. «In Russland», meint er, «kam die Perestroika zwar zum Stillstand, aber Millionen Russen und viele Menschen darüber hinaus können die Früchte meiner Reformen noch heute genießen. Mein Werk ist nicht tot.»

Draußen schneite es die ersten Flocken. Das frostige Moskauer Wetter passte gut zum politischen Klima zwischen Russland und dem Westen. Doch Gorbatschow spricht auch jetzt unerschütterlich von «möglicher Versöhnung» und erinnert daran, dass auch vor 35 Jahren mitten im Kalten Krieg Abrüstung möglich war. «Warum soll das heute nicht möglich sein?»

Der große alte Mann hatte mich zum Drei-Stunden-Gespräch mit diesen Worten empfangen: «Nun lebe ich schon 17 Jahre ohne Raissa.» In seiner Stiftung sehe ich viele Bilder von seiner Frau, weit mehr als von US-Präsident Bush, Helmut Kohl oder von den damaligen sowjetischen Spitzenpolitikern. Wer Gorbatschow oft getroffen hat, weiß um sein inniges Verhältnis zu Raissa und um die große Liebe dieses Paares.

Vor 25 Jahren habe ich ihn bei einem ARD-Interview gefragt woher er die Kraft nehme für seine umstrittenen Reformen. Lachend deutet er auf seine Frau, die hinter der Kamera stand. «Sie ist die Kraft», sagte er. Sie lächelte zurück. Dieses Ehepaar war das politische Liebespaar des 20. Jahrhunderts. Michail lernte von Raissa und Raissa von Michail. Und beide lernten voneinander, dass Vertrauen der Goldstandard aller Beziehungen ist, der privaten wie der internationalen Beziehungen.

In der Politik heißt das: Die Dinge auch vom Standpunkt des Anderen zu sehen und zu verstehen. Nur so, meint Gorbatschow auch heute, findet man zu Gemeinsamkeiten. Und nur mit diesem Urvertrauen konnte er eine Politik der einseitigen Vorleistungen riskieren. Schon 1996 hatte er mir gesagt: «Nur mit Hilfe der westlichen Friedensbewegung konnte ich meine Abrüstungs-Politik gegen die Hardliner meiner Umgebung durchsetzen.» Das größte Kompliment für die Friedensbewegung überhaupt.

In der Innenpolitik kritisiert er seinen heutigen Nachfolger Putin heftig. Doch mit Kritik an dessen Außenpolitik hält er sich zurück. «Beide Seiten müssen abrüsten. Zu Putin muss man Vertrauen aufbauen. Auch er hat einen guten Kern. Wir brauchen Geduld,» sagt Gorbatschow und fügt hinzu: «An Frieden denken heißt an unsere Kinder denken. Das ist das Wichtigste.»

Nie wieder Krieg - Frieden ist möglich

«Solange es noch Atombomben gibt, besteht die Gefahr eines Atomkriegs. Wirklich. Ein solcher Krieg wäre der letzte in der Menschheitsgeschichte, denn danach gäbe es keine Menschen mehr, der noch einen Krieg führen könnten. Ein neues atomares Wettrüsten wäre Wahnsinn und widerspricht der Lebens- Intelligenz von uns Menschen.»

Auch 30 Jahre nach seinem Rücktritt hat «Gorbi» seinen Humor nicht verloren. Zum Abschied erhebt er sich, nimmt seinen Krückstock und meint lachend: «Seit zwei Jahren laufe ich auf drei Füßen.» Im Westen gilt er den meisten als Held, aber in Russland sehr vielen als «Verräter». Der Mann hat schließlich ein Reich zerstört und Millionen Regime-treue Funktionäre arbeitslos und politisch heimatlos gemacht. Beinahe täglich bekommt er Morddrohungen. Aber er hält konsequent an seiner Devise fest: Nie wieder Krieg. Frieden ist möglich.

Am 25. Dezember 1991 trat Gorbatschow als Präsident der Sowjetunion zurück. Vier Tage zuvor hatte das staatliche Fernsehen seine Abendnachrichten so begonnen: «Guten Abend, die Sowjetunion gibt es nicht mehr.» Heute sagt Gorbatschow dazu: «Es war ein Putsch. Um einen Bürgerkrieg zu verhindern, bin ich zurückgetreten. Es hätte auch einen Atomkrieg geben können. Mein Rücktritt war meine Sieg.»

Gorbatschow praktizierte als erste Weltpolitiker im 20. Jahrhundert eine Politik mit Herz und Verstand. Der Friedensnobelpreisträger gehört zur Avantgarde des Guten, auch weil er um das Böse in uns Menschen weiß und wusste. Sein Verdienst ist es, dass vor 35 Jahren aus dem „atomaren Gleichgewicht des Schreckens“ ein Gleichgewicht der Vernunft wurde – zumindest vorübergehend. Wir können und müssen von ihm lernen. Heute brauchen wir eine globale Glasnost und eine globale Perestroika. Und keine Atombomben. Michail Gorbatschow ist und bleibt ein großes Vorbild.


Zurück zur Startseite und zu den weiteren aktuellen Meldungen.