Hamburg Ballett im Festspielhaus

„Anna Karenina“ im Festspielhaus Baden-Baden - Nach dem Schlussvorhang atemlose Stille - Dann brach Jubel aus

„Anna Karenina“ im Festspielhaus Baden-Baden - Nach dem Schlussvorhang atemlose Stille - Dann brach Jubel aus
Foto: Kiran West

Baden-Baden, 15.10.2018, Bericht: Inga Dönges Ballett von John Neumeier, inspiriert von Leo Tolstoi, Musik von Peter Tschaikowsky, Alfred Schnittke, Cat Stevens/Yusuf Islam. Choreographie, Bühnenbild, Licht und Kostüme: John Neumeier; Kostüme Anna Karenina: AKRIS, Albert Kriemler. Hamburg Ballett John Neumeier, Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, Dirigent Simon Hewett.

«Anna Karenina» (s)ein «Opus Magnum» der Ballettgeschichte? John Neumeier liest Leo Tolstois Roman auf seine ganz persönliche Weise. Tolstois Roman erschien 1875 bis 1877 in einer Zeitschrift als Fortsetzungsroman, 1878 erst in Buchform. Tolstoi wendet sich von der russischen Historie ab und hin zur Idee der Familie.

Drei untereinander verwandte, der Oberschicht angehörende Familien: Karenin, Levin und Oblonski (genannt Stiwa) sind Träger der hochkomplizierten, miteinander verwickelten Verhältnisse. Die spannungsgeladene Handlung wird dadurch ausgelöst, dass Anna nach glückloser Ehe dem Offizier Graf Wronski in unwiderstehlicher Liebe verfällt, die in der Verzweiflungstat des Selbstmordes unter den Rädern eines Eisenbahnwagens endet.

Das Verhängnis nimmt seinen unaufhaltsamen Verlauf, als Anna ihren Mann und Sohn verlässt und sich für den Geliebten Wronski entscheidet. Den menschlichen Beziehungen in dieser Tragödie und ihrer unerbittlichen Macht stellt Tolstoi das Motto seinem Roman voran: «Die Rache ist mein, ich will vergelten.» (5. Moses 32, 35; wiederum entnommen aus A. Schopenhauer, «Die Welt als Wille und Vorstellung» 1819).

So bleiben auch bei John Neumeier vier Paare: Levin − Kitty, Wronski − Prinzessin Sorokina, Karenin − Lydia und Stiwa − Dolly. Anna bleibt allein und ausgeschlossen. Die Handlung ist aktuell in unsere Zeit verlegt, beginnt mit einem Wahlkampf in St Petersburg. Alexej Karenin, ein Spitzenpolitiker, der an die Macht kommen will, wird getanzt von Carsten Jung, seit 1994 im Ensemble, seit 2004 erster Solist. Ihm gelingt die Darstellung des vornehm frostigen Ehegatten, spöttisch überlegen in seinem Auftreten, gefühllos, engherzig und steif. Er bringt und tanzt das alles über die Bühnenrampe, in der gekonnten Mischung aus klassischem Tanz und heutigen Ausdruckstanz.

Hier zeigt und bewährt sich für den ganzen Abend das Bühnenbild. Einfache hölzerne Wand- und Schrankelemente werden geschoben, gegeneinander verschoben und gedreht, weitere Teile werden von oben herabgelassen. Der Hintergrund entweder schwarz-weiß oder ein blauer Himmel mit einer die Phantasie anregenden Wolke, die sich im wechselnden Licht parallel zu den Stimmungen der Tänzer ändert und immer ästhetisch schön bleibt − wie in der Natur!

Und damit beschreibt sich auch die Persönlichkeit, das Denken und Fühlen von Levin, der mit Anna die eigentliche Hauptfigur ist. Der junge russische Gutsbesitzer ist eine komplizierte Gestalt, getanzt von Aleix Martinez, geboren in Barcelona, seit 2010 in der Hamburger Kompanie, seit 2014 als Solist. Er ist schwerfällig-grüblerisch in seinem Denken, äußerlich nicht sehr anziehend, aber er besticht durch seine Charaktereigenschaften: er ist redlich, seinem Gewissen gehorchend, abgestoßen von den Gesellschaftskreisen, die ihn, den jungen Aristokraten, mit «Lug und Trug» umgarnten. Er strebt nach sittlicher Vervollkommnung, was berührend in dem Tanz der Bauern mit den Sensen dargestellt wird. Seine Musik fällt wie er selbst aus dem Rahmen: Cat Stevens ist mit seinen Songs und Texten auf der Suche nach der Natur und nach dem Sinn des Lebens. Sein Suchen nach Wahrheit wird bei ihm ergänzt durch das Verlangen nach Liebes- und Eheglück. Er findet sie schließlich in der liebreizende Kitty und so − im Sinne Tolstois − Ehe und Familie. Und er spricht als Bauer die einfache Wahrheit: Dass der Mensch für die Seele leben und an Gott denken muss.

Emilie Mazoń war Kitty (seit 2013 in Hamburg und ab 20 17 Solistin), von den gesellschaftlichen, aristokratischen Anfängen als Schwester von Dolly bis zur Bäuerin auf dem Traktor mit Baby. Sie war einfach bezaubernd und «ihre» Musik ist ihr von Cat Stevens auf den Leib geschrieben. Und das klassisch und modern getanzt und miteinander verschränkt.

Dolly (Patricia Friza, aus Wien, seit 2006 in der Kompanie und Solistin seit 2009) und Stiwa (Dario Franconi aus Argentinien, seit 2006 Solist). Er ist ein heruntergekommener Aristokrat, der wie ein Hallodri über seine Verhältnisse lebt. Er verkauft dafür sein Land, ohne überhaupt seine Bäume dort zu zählen.

Und Wronski? Getanzt von Edvin Revazov (geboren in der Ukraine, ab 2003 im Hamburger Ensemble, Erster Solist seit 2010). Er tanzt jede Nuance seiner Persönlichkeit mit aller Finesse des klassischen Tanzes. Seine äußere Erscheinung und die gesellschaftliche Glanzrolle vertuschen die Beschränktheit seines Charakters. Solange die Verbindung mit Anna dem ehrgeizigen Weltmann schmeichelt und seine Leidenschaft befriedigt, fühlt er sich in der Sicherheit «seines Besitzes». Doch das gemeinsame Kind lässt ihn sich abwenden zu den nächsten Frauen, und er stößt Anna brutal in die Einsamkeit, da Karenin die Scheidung verweigert und Anna den gemeinsamen Sohn vorenthält.

Und damit endlich zur Titelfigur Anna Karenina, getanzt von Anna Laudere. Aus Lettland kam sie 2001 ins Hamburger Ensemble, Erste Solistin seit 2011. Sie tanzt und berührt das Innerste des Zuschauers. So wie John Neumeier den Tanz und seine Choreographie als Gefühlswelt bezeichnet. Nicht diese Mode des «Geschichten-Erzählens», wie sie heute in jeder Kunstsparte üblich ist. Geschichten erzählt man seinen Kindern, auch mit dem Sinn auf das spätere Leben.

Das Ballett will aber unsere innersten Gefühle treffen. Bei jedem andere − vielleicht auch Träume. «Träume sind daher ein bindendes poetisches Element meines Werkes», so John Neumeier. Die Traumgestalt fällt hier vom Bühnenhimmel herab. Ein «Muschik» (das russische Wort für den leibeigenen Bauern), und er spricht sogar Französisch, die Sprache der russischen Aristokratie. Der Muschik war der wahrlich akrobatisch tanzende Armenier Karen Azatyan, seit 2014 Mitglied, seit 2016 Erster Solist der Compagnie. Anna, Karenin und Wronsky träumen von ihm, unabhängig voneinander. Was er ist bleibt offen, dem Gefühl des jeweiligen Zuschauers überlassen.

Anna tanzt in den Kostümen von Albert Kriemler (AKRIS), die sie geschmeidig und den unterschiedlichen Stimmungen entsprechend umhüllen, und die Röcke wie Schmetterlinge fliegen lassen. Anna Laudere ist einfach die andere Anna Karenina! Sie tanzt atemberaubend auf der Spitze, dreht und springt, ist eine phänomenale Geliebte und Mutter. Das fühlt man alles, auch wenn man die Romanvorlage vielleicht nicht kennt.

Aus dem Gefängnis der Qualen findet Anna keinen anderen Ausweg mehr, als «die Kerze» zu löschen, «in deren Schein sie das von Unruhe, Täuschungen, Kummer und Übel erfüllte Buch ihres Lebens gelesen» (Tolstoi). Eine kleine Modelleisenbahn fährt die Rampe entlang und markiert die Ortswechsel der Handlung. Anna Kareninas Selbstmord lässt die Waggons auseinanderspringen. Der Sohn setzt sie danach wieder zusammen. Aber nicht zu einer Familie.

Die Musik ist ein gelungenes «Mixtum Compositum» von Peter Tschaikowsky (1840 bis 1893), Alfred Schnittke (geboren 1934 in Engels in der Sowjetrepublik der Wolgadeutschen, gestorben 1998 in Hamburg) und schließlich Cat Stevens (geboren 1948 in London), er spielte Gitarre und Klavier, war ein Idol der «Blumenkinder», konvertierte 1977 zum Islam.

Bleibt zum Bühnenglück noch das Orchester und sein Dirigent im Graben. Wenn auch unsichtbar: es spielte die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern. Ein besonderes Kompliment den Bläsern, vor allem den Holzbläsern und den Soli von Fagott, Oboe und Klarinette. Der Dirigent Simon Hewett arbeitet schon länger mit John Neumeier, und er hält nicht nur sein Orchester in der richtigen Balance − auch die Tänzer können sich auf ihn und sein Mit-Atmen für die Tanzschritte verlassen. Diese Begabung ist nicht allen Dirigenten gegeben, umso größer das Lob für Simon Hewett.

Nach dem Schlussvorhang erst einmal atemlose Stille, dann brach Jubel und Beifall des Publikums aus. Jeder Tänzer wurde akklamiert, schließlich standen alle: auf der Bühne und im Publikum. Dann kam John Neumeier und Verehrung und Beifall brachen für ihn aus. Es war einfach ein großer Abend, das empfand jeder Zuschauer. Auch wenn man nicht ad-hoc alles verstehen und verarbeiten konnte, so nahm man diese Gedanken mit sich, und sie werden irgendwann und irgendwie wieder aufblitzen.

Eine großartige Leistung aller Beteiligten − BRAVO!


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