Gastkommentar
John Neumeier in Baden-Baden – Kompliment an das Bayerische Staatsballett und die Baden-Badener Philharmonie – Gastkommentar von Inga Dönges

Gastkommentar von Inga Dönges
04.10.2026, 00:00 Uhr
Baden-Baden Tanzfestival Baden-Baden mit dem Bayerischen Staatsballett «Illusionen – wie Schwanensee» Ballett von John Neumeier Festspielhaus am 2. Oktober 2026. John Neumeier: 50 Jahre Ballett-Illusionen, wofür er ganz besonders schwärmt, wenn sie wieder aufgewärmt!
Es gibt mehrere «Schwanensee»-Interpretationen. 1895 die Choreografie von Marius Petipa und Lew Iwanow, 1976 Illusionen- wie Schwanensee von John Neumeier in Hamburg, 2011 in München. Welche ist die wahre und richtige?
An «Schwanensee» scheiden sich immer wieder die Geister. Ist die Choreografie von Petipa und Iwanow zur Musik von Peter Tschaikowsky die Originale? Schließlich wurde sie vom Kirov-/Mariinsky-Ballett in St. Petersburg immer wieder im Geiste von Iwanow und Petipa getanzt. Es gab im vergangenen Jahrhundert neue Forschungsergebnisse, die besagten, Tschailowsky habe beim Libretto die deutsche Märchenwelt im Besonderen vor Augen gehabt: König Ludwig II. von Bayern, dessen Leben und Tod märchenhaft waren, wobei der Schwan eine symbolische Rolle spielte. Tschaikowsky reiste 1883 in Deutschland, als Ludwig II. starb und sein Tod sagenumwoben blieb. Sein Freund, Richard Wagner komponierte im «Lohengrin» «Nie sollst Du mich befragen», was bei Tschaikowsky zum «sehnsüchtigen Schwanenmotiv in h-Moll» wurde. Soweit 1976 die Grundidee John Neumeiers für das heutige Ballett.
«Der Schritt vom Märchenmythos des Librettos zu einem anderen Schwanenmythos desselben Jahrhunderts, in dem sich die psychologische Struktur besser offenbart als im ursprünglichen Ballett, liegt nahe, zumal von beiden Mythen bis heute ähnliche Zauberwirkung, eine gleiche magische Aura ausgeht.» Eine unerwartete Parallelität sind die inneren Analogien im Schicksal Tschaikowskys, Ludwig II. und Siegfrieds, des Schwanenseeprinzen.
Der 1. Akt zeigt die Wirklichkeit. Ein König (Jakob Feyferlik) wird für wahnsinnig erklärt, während eines Maskenballs festgenommen und eingesperrt – im Rohbau seines eigenen Schlosses. Er spürt die Gegenwart eines «Mann im Schatten» (Severin Brunhuber). Ihr Pas de deux ist elegant, fast schlangenhaft. Sie verwickeln sich förmlich im Kampf um das Leben. Der «Mann im Schatten» wird dabei zum Alter Ego des Königs. Er ist das, was der König aus Gründen der Staatsraison nicht sein darf. Die Szene wird 1976 als erste offene homo-erotische Verbindung auf der Ballettbühne interpretiert.
In einer Art Wachtraum erlebt Ludwig II. das Richtfest des königlichen Schlosses. Die tanzende bäuerliche Bevölkerung und die Handwerker ergeben ein schönes, fröhliches Bild. Nur – der zur Verfügung stehende Raum auf der Bühne ist zu klein, so dass ein Gewusel entsteht, bei dem man die Tanzgruppen kaum identifizieren kann. Für Bühnenbild und Kostüme zeichnet Jürgen Rose verantwortlich. Er ist für seine opulenten Bühnenbilder bekannt. Für ihn gibt es nicht den leeren Raum, die leere Bühne, die erst durch Kunst gefüllt werden muss. Natürlich bekommt das Auge edle Ästhetik geboten, wahrlich ein Genuss, aber hinderlich für große Tanzszenen. Oft ist die Bühne zu klein, Runden von «Grand Jetés» enden fast in der Kulisse. Für die Tänze der Solisten wurde dann allerdings Platz geschaffen.

Foto: Katja-Lotter
Auf dem Fest begegnet der König Prinzessin Natalia, seiner Verlobten. Ksenia Shevtsova tanzt sie mit ihrem großen Können, ist sie doch an der Waganova-Ballettakademie in St. Petersburg ausgebildet. Sie bietet alles, was das Ballett ihr an Schwierigkeiten abverlangt. Jede Handbewegung als Verlängerung der Arme stimmt. Elisabeth Tonev als Odette bietet ebenso alle Künste des Tanzens. Die Pirouette, am Boden oder in der Luft gedreht, den Grand Jeté, den Sprung nach vorne. Beim Scherensprung öffnen sich beide Beine in der Luft wie zum Spagat. Es gelingen die extraordinären Fouettés. Drehungen auf der Spitze heißen so, weil jedes Mal das Spielbein «hinausgepeitscht» wird. Die Aufzählung ließe sich endlos fortsetzen. Und vor allem: auf der Spitze, einfach unvorstellbar.
Die Partien der Männer sind allesamt artistisch und voller Kraft bei den Sprüngen, den Drehungen und den Hebefiguren. Comprimarios erreichen ohne weiteres das Niveau der Solisten. Man kann sie leider nicht alle benennen und beschreiben.
Die Handlung geht weiter im Wechsel von Wirklichkeit, der König hinter Gittern, und seinen Träumen über das ersehnte Leben, welches dann oft originaler «Schwanensee» ist. – Gottseidank – So ist dann der 2. Akt ein weißer Traum. Die Tutus der Schwäne, die Frisuren, alles wie im Original, was die Herzen höherschlagen lässt. Man sitzt auf der Stuhlkante, um das alles aufnehmen zu können. Diese wunderbaren 16 Schwäne, die entzückenden vier kleinen Schwäne, ihr Tanz, diese Exaktheit und Übereinstimmung der Bewegungen, ihre Eleganz – das alles ist einmalig. Niemand möge auf die Idee kommen, das zu verbessern. Petipa und Iwanow seien für dieses Lebenswert bedankt und John Neumeer dafür, dass er die Ehrfurcht hatte, es in seinem Konzept von «Illusionen» beizubehalten. Für die große Kunst, das Werk unübertrefflich zu tanzen, sei den Tänzern gedankt.
Die weitere Geschichte wird nicht erzählt, sondern getanzt, und die Zuschauer verstehen und danken schon zwischen den Nummern mit Applaus. Der König verfällt endgültig dem Wahnsinn. Die Beziehung zu Natalia – Odette zerbricht. Dieser Traum geht zu Ende, die Wirklichkeit hat den König eingeholt, und der «Mann im Schatten» ist wieder da. Die beiden kämpfen mit überirdisch wirkenden Armen und Beinen …. und dann fällt der himmelblaue, bayerische Vorhang über beide und wird zum blauen Wasser des Starnberger Sees. Dazu klingt Tschaikowskys Schauspielmusik zu Hamlet. Der Rest ist Schweigen.
Ein ergreifender Schluss, der nach sekundenlangem Schweigen in sehr großen Beifall überging. Die Zuschauer waren begeistert. Mit eingeschlossen in den Jubel war das Orchester im Graben, die Baden-Badener Philharmonie unter ihrem Gast-Dirigenten Gavin Sutherland. Sie alle haben ihre Sache gut gemacht. Ein großes Kompliment an das Bayerische Staatsballett. Sie standen und tanzten ständig auf der Spitze. Das war einfach Spitze! Sie füllten die Lücke, die durch das politisch motivierte Fernbleiben des Mariinsky-Balletts entstanden war. Mögen sie bald wieder den Weg von München nach Baden-Baden finden.
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