Gastkommentar
„Wird der bestehende Mangel an Zivilcourage nur weiter verwaltet?“ – Gastkommentar von Inga Dönges zur Premiere „Mutter Courage" in Baden-Baden

Gastkommentar von Inga Dönges
28.09.2026, 00:00 Uhr
Baden-Baden Mutter Courage ist sesshaft geworden und nennt ein Häuschen ihr Eigen. Baden-Baden kennt keine Wohnungsnot!
Der neue Intendant Simon Meienreis gibt seine Visitenkarte ab und stellt sich mit Bert Brechts «Mutter Courage» vor. Kein neues Stück für ihn, hat er doch am Maxim-Gorki-Theater in Berlin bei einer Aufführung des Stücks als Dramaturg mitgewirkt.
Zur Vorgeschichte: 1962 wurde die Aufführung des Stücks vom damaligen Oberbürgermeister Ernst Schlapper verboten und nahm ihren Weg nach Straßburg zu einer gelungenen Premiere. Ein Filmchen dazu dokumentierte die damalige Busfahrt. Wer war eigentlich dieser Ernst Schlapper? Er wurde am 13.12.1888 in Essen geboren, stammte aus einer kleinbürgerlichen Familie mit 11 Kindern, hatte weder Abitur noch einen akademischen Abschluss, wurde Privatsekretär des Waffenfabrikanten August Thyssen, kam wegen Devisenvergehen ins Gefängnis und wurde 1937 daraus entlassen. Von 1946 bis 1964 war er Oberbürgermeister (CDU) von Baden-Baden, danach Ehrenbürger der Stadt und ein Platz wurde nach ihm benannt. Von 1947 bis 1952 war er Abgeordneter des Badischen Landtages. Er gründete den «Bund für loyale Restitution&rauqo; und es gelang ihm 1969 sogar, sich als Opfer der Wiedergutmachung zu stilisieren und entschädigt zu werden.
Lange vor Ernst Schlapper hatte schon Mark Twain eine schlechte Meinung von den offiziellen Baden-Badenern und den Menschen, die es in die von dem Amerikaner als «geistlos» bezeichnete Stadt zog. Dienstbeflissene Ratsschreiber und Bäderfrauen ließen ihre Abfälligkeiten an den Gästen der Stadt aus. Die Stadt sei voll von «Schein und Schwindel und mickerigem Betrug und Aufgeblasenheit». In diese schöne Stadt zog es immer schon jede Art von Spekulanten, Hochstaplern, Glücksrittern, Erbschleichern, Prostituierte und Kurtisanen. Dies ist nur ein unvollständiger Abriss der Geschichte von Baden-Baden, wo 1962 die Stadtgesellschaft nicht reif gewesen sein soll, Bert Brechts &lauqo;Mutter Courage und ihre Kinder» anzusehen, zu verstehen und zu überdenken.
Ist sie es denn heute, 64 Jahre nach dem Ereignis, welches bundesweit für Schlagzeilen sorgte? Oder treten wir noch auf derselben Stelle? Wird der bestehende Mangel an Zivilcourage nur weiter verwaltet? «The same procedure than every year?» Immerhin haben wir jetzt einen Oberbürgermeister, der nicht nur für Pop, sondern auch für Kunst und Kultur offen ist.
Nun endlich zum Stück: Wenn ich ins Theater gehe, will ich auf der Bühne Schauspiel sehen. Für Filme gehe ich ins Kino. Im Stadttheater war es unbekömmlicher Eintopf und keine Kunst. Etikettenschwindel war angesagt: Brechts Text erhielt vom Regisseur Nick Hartnagel eine neue Fassung, Paul Dessaus Musik wurde von Lukas Lonski neu arrangiert. Dachten sie etwa wie Schlapper, die «Courage» sei für die Baden-Badener Bürger immer noch unverständlich und unpassend?
Die Uraufführung des Stücks, bezeichnet als «Eine Chronik aus dem Dreissigjährigen Krieg», ein Bühnenstück in 12 Bildern von Bertold Brecht. 1939 geschrieben, die Premiere fand am 19.4.1941 im Schauspielhaus Zürich statt. Eine Familie zieht durch den Krieg, lebt von den Geschäften mit dem Krieg, wird vom Krieg verschlungen, die Kinder unwissentlich den Geschäften der Mutter geopfert, die Kriegsmaschinerie und die kleinen Leute zwischen den Fronten. Wer das Schwert verkauft, kommt durch das Schwert um. Eine naive Geschichte, deshalb hat Brecht sein Stück eine CHRONIK genannt. Georg Steiner nennt sie «eine Allegorie der reinen Verschwendung». Verschwendet wird die Lebensenergie der Courage, die nichts dazulernt, verschwendet, ohne an Kraft einzubüßen, verschwendet ohne Verlust. Mit wehendem Mantel rennt sie über die Schlachtfelder, dem Moloch hinterher, der ihre Kinder frisst, aber sie hat nichts gelernt. Uns bedrohen zukünftig technologischere Kriege, aber in deren Mitte wird immer eine Courage sein, unaufhörlich und unbelehrbar. Her ist Nadine Kettler die Courage: knallroter Hosenanzug mit Streifen an den Seiten, Stöckelschuhe, die sie über die Bühne tragen und ihren schönen braunen Locken. Das soll das Abbild der Helene Weigel sein? Bis ins hohe Alter, sie starb 1971, spielte sie «ihre» Rolle, eben die Marketenderin. Was hat sich die Regie dabei gedacht, Nadine Kettler so zu missbrauchen? Courage‘s Kinder, bis auf die stumme Kattrin (Helen Wills) verkommen zu Comprimarios – Schauspieler, die man an diesem Theater über Jahre wertgeschätzt hat. Oliver Jacobs, Sebastian Mirow, Max Ruhbaum und natürlich die Neuzugänge, die sicher danach streben, ihr Können noch zu zeigen.
Regisseur Nick Hartnagel fühlt sich bemüßigt, in diesem Stück alles neu und anders zu machen als die bewährte Aufführungspraxis. Er sollte erst einmal seinen, nein unseren Brecht so inszenieren, wie dieser es vorgesehen hat. Der Abend dauerte drei Stunden mit Pause, also ca. zweieinhalb Stunden reine Spielzeit. Brechts Text und Dessaus Songs machen ca. zwei Stunden aus. Die vom Regisseur hinzugefügten Handlungsstränge stören nur und sollten wegbleiben, denn Zuschauer sind sehr wohl selbst in der Lage zeitgeschichtliche Parallelen zu ziehen. Selbst Brechts erhobener Zeigefinger wird oft als lästig empfunden.
Die Bühne (Lena Schmid) ist obsolet. Der große Hans Hoffer brauchte dazu nur die lange, endlose Straße, auf der die Marketenderin durch die Kriegsjahre ihren Wagen zog. Wenn es nicht ohne Bühnentechnik (Sara Haun) geht, so offenbart dies nur, dass das Team mitsamt Regisseur nicht dem Gehalt des gesprochenen Wortes vertraut. Die Kostüme (Martha Lange) waren Trash – ohne Bezug zu den differenzierten Rollen – und oft nur Lumpen.
Soweit – so schlecht. Aber lassen wir den Intendanten Simon Meienreis, vormals Maxim-Gorki-Theater in Berlin, zu Worte kommen. Er will Altes mit Neuem verknüpfen, einen unlösbaren Knoten machen. Wir kennen die Geschichte des Gordischen Knoten. Da brauchte es einen Alexander, das untrennbare mit dem Schwert zu teilen, so wie heute Dr. Alexander Stummvoll sich darin übt, die katholische Bernhardus Gemeinde vom Immobilienbestand zu befreien. Erich Kästner sagt dazu: «Wäre meine Mutter danebengestanden, hätte es bestimmt großen Ärger gegeben. Denn wenn ich als Junge mein Schwert, bzw. mein Taschenmesser gezogen hätte, um den gordischen Knoten zu durchschneiden, hätte sie in strengem Ton gesagt: ‚Das gehört sich nicht Alex – Knoten schneidet man nicht durch. Einen Strick kann man immer gut gebrauchen!‘.»
Vom GORKI zu kommen, da ist der Name schon Programm! Gibt es da Krypto-kommunisten (s.a. Süverkrüps Lied auf Youtube)? Simon Meienreis sollte also, statt sich an Knoten zu versuchen, versuchen etwas Neues zu bringen. Statt ganz im Sinne von Karl Marx den Hegel vom Kopf auf die Füße zu stellen, sollte er es mal mit These – Antithese – Synthese versuchen. Keinesfalls aber Maxim Gorki nachahmen, der 1934 auf dem Kongress der Sowjetschriftsteller die kommunistische Welt mit «Ikra i Schampanskoe» (Kaviar und Sekt) feierte (Klaus Mann).
Und die Moral von der Geschichte: Die Baden-Badener Stadtgesellschaft hat wieder keine «Mutter Courage» zu sehen und hören bekommen. Es gab nicht den kompletten Brecht-Text, nur eingestreute Appetithäppchen, quasi Brecht in Tapas. Die ausdrucksstarken, mitreißenden Lieder von Paul Dessau wurden eher im Blues-Rhythmus geboten. Die Courage war in einem grasgrünen Bademantel gekleidet, das sollte wohl das Prinzip Hoffnung ausdrücken, und so weiter ….
Das Stück an sich könnte ein Pfahl im Fleische der sich in Baden-Baden ausbreitenden Event-Kultur sein. Durch die aktuellen Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine bestätigt sich Brechts These «der Krieg ernährt den Krieg». Die steigenden Aktienkurse der Rüstungskonzerne beweisen dies. Die Verfälschung der von Brecht intendierten Verfremdung führt im Ergebnis dazu, dass die Baden-Badener Stadtgesellschaft die «Mutter Courage» im Jahr 2026 genau so wenig zu sehen bekommt wie 1962, als OB Schlapper die Aufführung verboten hat.
Sollen die Baden-Badener ewig dumm bleiben? Oder soll sich die Stadtgesellschaft zusammensetzen und das Stück mit verteilten Rollen lesen? Jedenfalls: der Beifall war tosend. Nur meine Sitzecke war merkwürdig schweigsam und verließ fluchtartig das herrliche Theater, welches sich von außen auf die Klassik bezieht und innen im Stil des Rokokos glänzt. Fazit: Es bleibt alles beim Alten. Es ist keine Erneuerung in Sicht!
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