Logo goodnews4Plus

Tourismusbilanz für Corona-Jahr 2020

Nora Waggershauser präsentiert Tourismuszahlen – „Gott sei Dank nicht nur in Baden-Baden“

goodnews4-LogoVIDEO anschauen!
goodnews4-VIDEO-Interview von Reyhan Celik mit Nora Waggershauser

Bild Christian Frietsch Bericht von Christian Frietsch
17.02.2021, 00:00 Uhr



Baden-Baden Vergeblich versuchte letzte Woche schon Guido Wolf, der für Tourismus zuständige Minister, den Hoteliers, Betreibern von Ferienwohnungen und Gastronomen Hoffnungen zu machen. goodnews4.de berichtete. Die vom Statistischen Landesamt schon letzte Woche veröffentlichten Zahlen ließen keinen Spielraum für positive Interpretationen.

Gestern suchte auch Nora Waggershauser im goodnews4-VIDEO-Interview nach einem Trost. Den fand sie im gemeinsamen Leid aller anderen: «Ich sage mal die Zahlen sind natürlich Gott sei Dank nicht nur in Baden-Baden so wie wir sie auch präsentieren mussten.»


Abschrift des goodnews4-VIDEO-Interviews mit Nora Waggershauser, Geschäftsführerin der Baden-Baden Kur und Tourismus GmbH:

goodnews4: Frau Waggershauser, das Statistische Landesamt hat die Tourismuszahlen für 2020 ja bereits in der letzten Woche veröffentlicht. goodnews4.de hat auch berichtet. Es war nun keine Überraschung, dass über die Hälfte der Übernachtungs- und Gästezahlen weggebrochen sind. Gab es dennoch bestimmte Erkenntnisse, die Sie aus den Zahlen für Baden-Baden herauslesen konnten?

Nora Waggershauser: Ja, Sie sagen es richtig, es war keine Überraschung. Natürlich haben wir mit dem Ergebnis gerechnet und wenn man sich jetzt mal überlegt, wie viele Zeiträume es überhaupt gab, wo touristische Gäste nach Baden-Baden kommen konnten, waren das auch ungefähr sechs bis sieben Monate, das heißt also so ein halbes Jahr war die Hotellerie für den Tourismus geschlossen, ein halbes Jahr geöffnet. Dann passt das mit den 50 Prozent Einbußen natürlich relativ gut.

Aber Sie fragten auch: Was kann man aus den Zahlen ableiten? Das ist schon einiges. Letztendlich ist Baden-Baden ja doch sehr, sehr stark von den Auslandsmärkten abhängig. Wir haben sehr, sehr viele Gäste, die vor allem aus sehr fernen Ländern nach Baden-Baden reisen und da war der Einbruch natürlich besonders groß. Also gar keine Frage. Wir hatten letzten Sommer die Möglichkeit im eigenen Land zu reisen, da waren viele Gäste auch aus Deutschland hier, auch aus der Schweiz, aus den Beneluxländern, aber natürlich nicht die Überseereisen, die konnten überhaupt nicht stattfinden und diesen Einbruch merkt man in Baden-Baden schon ganz gewaltig.

goodnews4: Was sind für Sie die wichtigsten Zahlen, die Sie heute vorgestellt haben?

Nora Waggershauser: Ich sage mal die Zahlen sind natürlich Gott sei Dank nicht nur in Baden-Baden so wie wir sie auch präsentieren mussten. Sie sind eben im Landesschnitt so. Es ist momentan so, dass wir sehr gut Trends davon ablesen können. Wir wissen jetzt auch, dass ländliche Regionen sehr schnell und sehr stark profitieren. Da hat Baden-Baden auch eine Chance mit dem angrenzenden Schwarzwald, mit unseren schönen Parks und Gärten. Wir sind also nicht nur der Städte-Trip, sondern wir liegen da ganz gut mittendrin. Der Gast muss sich nicht entscheiden: Will ich ein naturnahes Erlebnis oder möchte ich ein bisschen Kultur haben? Das stimmt uns positiv, dass wir da einen sehr guten Mix haben und dass wir uns wahrscheinlich schneller erholen werden als wirklich große Metropolen. Das sind so diese Dinge, die wir aus den Zahlen ablesen, um unsere Marketingaktivitäten auch entsprechend zu gestalten.

goodnews4: Können Sie unseren Lesern kurz erklären, weshalb sich die Zahlen, die Sie heute genannt haben, unterscheiden von denen des Statistischen Landesamts?

Nora Waggershauser: Ja, sehr gerne. Da gibt es nur einen Unterschied, und zwar im Statistischen Landesamt werden Unterkünfte unter zehn Betten, also Kleinbetriebe oder auch Ferienwohnungen, Privatzimmer, nicht mit eingezahlt. Und in unseren Übernachtungszahlen sind die auch mit dabei. Daher kommt der kleine Unterschied zwischen den beiden Statistiken.

goodnews4: Die Corona-Pandemie und damit eben der ausbleibende Tourismus trifft sehr viele hart und alle versuchen irgendwie durchzuhalten. Kennen Sie besondere Härtefälle in Baden-Baden?

Nora Waggershauser: Es ist schwierig da jetzt einen einzelnen Betrieb rauszupicken. Ich muss einfach sagen: Je größer die Betriebe, natürlich die Betriebskosten sind immens. Ich denke da an unsere Therme zum Beispiel oder an das Festspielhaus, wirklich an große, große Betriebe, die natürlich trotz Schließung und trotz Mitarbeiter in Kurzarbeit wirklich viele Kosten haben. Weil einfach auch, ich denke an das Kongresshaus, wir stehen ja gerade hier, das sind natürlich Häuser, die trotzdem Geld kosten, auch wenn keine Gäste hier sind. Das sind natürlich schon immer wirklich Fälle, wo monatlich viele Kosten anfallen, die man eigentlich momentan nicht gedeckt bekommt, weil es mit den Hilfen sehr schlecht klappt. Das heißt, «Novemberhilfe», «Dezemberhilfe», das höre ich von sehr vielen, die sind noch nicht ausbezahlt worden und das bringt die Betriebe an die Härtefallgrenze. Da erhoffe ich mir einfach, dass das jetzt zügig passiert und dass wir auch bald wieder bisschen öffnen dürfen, damit die Betriebe da auch aus der Krise rauskönnen und das wird da keine Insolvenzen bekommen.

goodnews4: Sind schon Insolvenzen bekannt?

Nora Waggershauser: Nein, derzeit ist noch nichts bekannt und ich hoffe, dass das durchgehalten werden kann.

goodnews4: Für die Stadt Baden-Baden sammeln die Hotels und Ferienwohnungsbetreiber ja die Kurtaxe ein, die fehlt jetzt natürlich auch. Wird die Kur und Tourismus GmbH deshalb Verluste schreiben dieses Jahr?

Nora Waggershauser: Nein, wir sind eine Gesellschaft, die eigentlich ja nicht gewinnorientiert arbeitet, sondern je mehr Einnahmen wir haben – und wir haben auch weniger Einnahmen, weil wir natürlich keine Provision durch die Vermittlung von Leistungen bekommen – desto weniger können wir ausgeben. Das heißt also, das wird einfach im Marketing entsprechend eingespart, sodass wir am Jahresende immer Nullergebnis anstreben, was sich dieses Jahr dann auch nicht ändern wird.

goodnews4: Wie sieht es aus mit dem Rückversicherer-Kongress oder dem Oldtimer-Meeting?

Nora Waggershauser: Wir sind, was die Open-Air-Saison in Baden-Baden angeht, noch positiv gestimmt, sodass wir doch hoffen, die ein oder andere schöne Open-Air-Veranstaltung stattfinden lassen zu können, sind da auch in den Gesprächen – teilweise sind wir selbst Veranstalter, teilweise sind es andere Veranstalter – dass wir doch Gelände abgrenzen können, dass wir vielleicht über symbolische Eintritte was regeln können. Also da ist ja auch digital viel passiert, um solche Formate abzuwickeln. Also da bleiben wir noch positiv, gerade mit unserem Projekt «Kunst findet statt» der Baden-Baden Events, sodass wir denken, das sind Programme, die auch mit der Krise gut funktionieren können und da hoffen wir einfach, dass das klappt.

Mit den Rückversicherern sind wir im Gespräch, weil wir jetzt schon absehen können, dass im Oktober sicherlich ein weltweites Reisen gar nicht möglich sein wird. Das heißt, auch da laufen schon Gespräche. Kann man vielleicht ein Europa-Treffen stattfinden lassen? Wenn ja, wie würden wir es durchführen? Würde es hier eine Teststation geben müssen? Wie wäre es am sichersten durchführbar? Wir sind sozusagen bei allen Projekten im Gespräch mit einem Plan B und einem Plan C und schauen, wie sich die Pandemie entwickelt, um dann entsprechend zu reagieren.

goodnews4: Wird denn 2021 besser werden?

Nora Waggershauser: Hätten Sie mich das vor vier Wochen gefragt, hätte ich gesagt: «2021 wird besser.» Mittlerweile haben wir das Gefühl, es wird so ein Abbild von 2020. Auch der Sommer vielleicht, der sich ein bisschen erholen wird, aber ansonsten sieht es wirklich ähnlich 2020 aus, sodass ich momentan keine Prognose wage, dass es viel besser wird, auch wenn wir uns das natürlich sehr wünschen.

goodnews4: Dann letzte Frage, Frau Waggershauser, wird denn Baden-Baden oder wann wird denn Baden-Baden wieder an die Tourismuszahlen anknüpfen können?

Nora Waggershauser: Das werde ich tatsächlich oft gefragt und das wüssten wir auch sehr gerne. Natürlich lesen wir viele Studien, die Deutsche Zentrale für Tourismus macht viele Erhebungen und je länger jetzt der zweite Lockdown dauert, desto länger wird auch die Perspektive nach hinten. Mittlerweile sagt man, gerade da, wo internationale Märkte eine große Rolle spielen, kann es Ende 2024 werden, bis man die Übernachtungszahlen von 2019 wieder erreicht. Das ist der momentane Stand, der aber sicherlich auch ein bisschen in die Glaskugel geschaut ist.

goodnews4: Dann vielen Dank für das Interview, Frau Waggershauser.

Nora Waggershauser: Ich danke Ihnen.

Das Interview führte Reyhan Celik für goodnews4.de.

goodnews4-LogoVIDEO anschauen!
goodnews4-VIDEO-Interview von Reyhan Celik mit Nora Waggershauser


Die Erklärung der Baden-Baden Kur und Tourismus GmbH im Wortlaut:

Der Tourismus in Baden-Baden ist auf¬grund der Corona-Beschränkungen im vergangenen Jahr um gut die Hälfte eingebrochen: 563.013 Übernach¬tungen verbuchten die Beherbergungsbetriebe im Jahr 2020 im Stadtkreis – ein Rückgang von 50,9 Prozent gegenüber dem Rekordjahr 2019 mit 1.146.836 Über¬nachtungen. Die Zahl der ankommenden Gäste sank von 500.235 auf 198.695 (minus 60,3 Prozent). «Solch einen massiven Rückgang haben wir seit Einführung der sta¬tistischen Aufzeichnungen noch nie gehabt», betonte Nora Waggershauser bei der Vorstellung der Gäste¬statistik für das Jahr 2020. Die Geschäftsführerin der Baden-Baden Kur & Tourismus GmbH stellte heraus: «Stütze in diesem herausfordernden Jahr waren Gäste aus Deutschland, die für mehr als 82 Prozent aller Über¬nachtungen verantwortlich zeichneten.» Knapp 463.500 Übernachtungen steuerten die Gäste aus dem Bundes¬gebiet bei, was einem Rückgang von 36,9 Prozent gegenüber 2019 entspricht. Der Anteil ausländischer Übernachtungsgäste ging dagegen um 75,9 Prozent zurück.

Dabei hatte das Jahr 2020 aus touristischer Sicht außer¬ordentlich gut begonnen: Im Januar und Februar sind die Übernachtungen in Baden-Baden um rund 12 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen. «Dann kam ab Mitte März mit dem Lockdown der harte Schnitt», beschreibt Waggershauser die Situation: «Die Telefone standen in den Hotels und auch bei uns nicht mehr still. Stornierungen und Rückfragen gingen gewissermaßen im Minutentakt ein.» Im Rückblick sollte sich der April als Tiefpunkt erweisen: 96,8 Prozent weniger Gäste kamen im Vergleich zum Vorjahresmonat nach Baden-Baden, die Übernachtungszahlen gingen um 87,6 Prozent zurück.

Mit den Lockerungen zum Sommer setzte eine leichte Erholung ein: In den Haupturlaubsmonaten Juli und August sanken die Gästezahlen im Juli um 45,4 Prozent und im August um 33 Prozent, die Übernachtungszahlen gingen um 37,2 Prozent (Juli) und 29 Prozent (August) zurück. Waggershauser: «Im August 2020 konnten wir bei den Übernachtungen von Gästen aus dem Inland sogar ein Plus von 2,3 Prozent gegenüber August 2019 verbuchen.» Dies freut die Baden-Badener Tourismus-Chefin besonders, da von der Skepsis deutscher Urlau¬ber bezüglich Fernreisen insbesondere klassische Ferien-Domizile in der Natur und weniger typische Städte-Ziele profitiert haben.

«Die unmittelbare Verbindung zum Schwarzwald, der große Stadtwald, die hervorragenden Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten in der Natur mit Wandern und Rad¬fahren sowie die Tatsache, dass wir als besonders ‚grüne Stadt‘ mit unseren Parks und Gärten bekannt sind, hat uns sehr geholfen», erläutert Waggershauser.

Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer deutscher Gäste stieg im vergangenen Jahr auf knapp 3,1 Tage, 2019 blieben deutsche Gäste durchschnittlich 2,4 Tage. Andere Städte hätten weit weniger davon profitiert, dass die deutschen Urlauber sich Ziele im Inland gesucht haben.

Aufgrund des zweiten Lockdowns ab Anfang November brach für die Baden-Badener Beherbergungsbetriebe auch das Weihnachtsgeschäft weg, das in den vergange¬nen Jahren stetig gewachsen ist. «Allein im Dezember hatten wir 100.000 Übernachtungen weniger als im Vor¬jahresmonat», berichtet Waggershauser und resümiert: «Letztendlich konnten Hotels und Pensionen dieses Jahr nur sieben Monate lang Gäste aufnehmen.»

Rund 17,7 Prozent betrug der Anteil ausländischer Gäste an allen Übernachtungen in Baden-Baden im vergange¬nen Jahr. 2019 lag der Anteil noch bei 36 Prozent. In Zahlen ausgedrückt: 99.520 Übernachtungen gingen auf das Konto von Gästen aus dem Ausland (Vorjahr: 412.170). Manche, für Baden-Baden in den zurückliegen¬den Jahren wichtige Auslandsmärkte sind drastisch ein¬gebrochen: Gäste aus Russland stellten 2019 mit rund 49.000 Übernachtungen die größte Gruppe aus dem Ausland.

2020 waren es noch 9.200 Übernachtungen, ein Minus von 81 Prozent. Nahezu vollkommen ferngeblieben sind Gäste aus den Arabischen Golfstaaten, die 2019 mit knapp 46.000 Übernachtungen die zweitwichtigste Gästegruppe für Baden-Baden war. Um 98,5 Prozent auf nicht einmal 700 Übernachtungen ist dieser Markt einge¬brochen. Massive Rückgänge um 91 Prozent (von 27.800 auf 2.500 Übernachtungen) sind auch bei Urlaubern aus den USA zu verzeichnen.

Stattdessen führen andere Länder das Ranking in der Baden-Badener Gäste-Statistik 2020 an: Die wenigsten Rückgänge (minus 14,4 Prozent) verzeichnen die Nieder¬lande, die mit 15.380 Übernachtungen die größte Gruppe aus dem Ausland stellt. Dicht gefolgt vom Nachbarland Frankreich mit 14.100 Übernachtungen (minus 65,7 Pro¬zent). Auf Platz drei folgt die Schweiz mit 10.000 Über¬nachtungen (minus 69,9 Prozent). Waggershauser: «Neben den Gästen aus dem Inland, waren es somit ins¬besondere Urlauber aus direkten Anrainer-Märkten, die im Sommer nach Baden-Baden kamen und den Touris¬mus belebt haben.»

Für das laufende Jahr 2021 rechnet die Baden-Baden Kur & Tourismus GmbH weiterhin mit deutlich weniger Gästen aus dem Ausland und setzt die Hoffnung auf Reisende aus Deutschland sowie den Anrainer-Märkten.

«Entscheidend wird sein, wie sich die Virus-Mutationen entwickeln und wie effektiv und schnell die Impfungen vonstattengehen», erklärt Waggershauser. Auch bei internationalen Lockerungen sieht sie den Trend eher Richtung «Urlaub im eigenen Land» und einem verhalten vorsichtigen Umgang mit Fernreisen. «Auch 2021 werden ein hohes Sicherheitsbedürfnis und die Suche nach in¬takter Natur für viele Reisende im Vordergrund stehen», betont Waggershauser und fügt hinzu: «In Baden-Baden können wir diese beiden Aspekte perfekt erfüllen und haben in den vergangenen Monaten auch unsere Marke¬tingaktivitäten in diese Richtung intensiviert.»

Denn für die Tourismus-Chefin steht fest: «Urlaubsent¬scheidungen werden schon heute, und zwar täglich für den immer näher rückenden Sommer getroffen. Gerade auch erste Kurzurlaube für einen Tapetenwechsel werden hoch im Kurs stehen. Baden-Baden als Sehnsuchtsort intensiv zu bewerben und mit potenziellen Gästen im Gespräch zu bleiben, ist in der Krise wichtiger denn je. Diesbezüglich haben wir das Corona-Jahr gut genutzt und arbeiten gerade intensiv mit allen touristischen Playern in der Stadt an einer großen Restart-Kampagne. Wir sind aktiv in der Planung und Umsetzung.»

Mehr: PDF Präsentation Touristische Entwicklung


Zurück zur Startseite und zu den weiteren aktuellen Meldungen.