Gastkommentar

Digitalisierung: Deutschland hat die rote Laterne fest im Blick! – Gastkommentar von Thomas Bippes

Bild Thomas Bippes Gastkommentar von Thomas Bippes
09.09.2020, 00:00 Uhr



Baden-Baden In unregelmäßigen Abständen veröffentlicht goodnews4.de Beiträge von Gastkommentatoren. Zum engeren Kreis gehören der Baden-Badener Bestsellerautor Franz Alt und Thomas Bippes, der sich insbesondere den Themen der Digitalisierung, IT und Künstlichen Intelligenz zuwendet.

Thomas Bippes war in der Zeit von 1998 bis 2006 Pressesprecher von Fraktion und Partei der CDU Rheinland-Pfalz und ist heute Professor für Medien- und Kommunikationsmanagement an der SRH Hochschule Heidelberg sowie Gesellschafter der Online Marketing Agentur Online Marketing Agentur PrimSEO.de in Baden-Baden. Das Handwerkszeug für professionelles Online-Marketing lernte der Kommunikationsexperte im Presse- und Informationsstab des Bundesministeriums der Verteidigung, als Referent und Pressesprecher von Landtagsfraktionen sowie als Chefredakteur und Verleger von Mitgliedermagazinen für Institutionen und Verbände.

Kommentar: Thomas Bippes Mit Blick auf die Digitalisierung geizten CDU und SPD in ihren Koalitionsverträgen nicht mit Superlativen. 2013 sah die digitale Agenda der großen Koalition vor, Deutschland zum «digitalen Wachstumsland Nummer eins in Europa zu machen». Die Digitalisierung an Schulen sollte geprägt sein vom Leitbild der «digitalen Selbstständigkeit». Die sogenannte digitale Agenda nahm im Koalitionsvertrag insgesamt drei Seiten ein, die sich mit den Herausforderungen des gesamtgesellschaftlichen Megatrends auf verschiedenen Ebenen, in Wirtschaft, Bildung und Verwaltung auseinandersetzen.

Im Koalitionsvertrag aus dem Jahr 2018 setzten die Großkoalitionäre noch eins drauf: Ein ganzes Kapitel, zwölf Seiten und dazu eine Positionierung weiter vorne in der Themen-Agenda, umfasste im letzten Einigungswerk der regierungsbildenden Parteien das Thema Digitalisierung. Große Schritte wollte man wagen, um den damals wohl schon erkannten Digitalisierungsrückstand Deutschlands aufzuholen. Eine flächendeckende digitale Infrastruktur von Weltklasse, eine Gigabit-Gesellschaft an der Weltspitze im Bereich der digitalen Infrastruktur wurde dort wie das Blaue vom Himmel herunter versprochen. Digitale Schule, digitale Arbeitswelt, digitale Innovation, digitale Wirtschaft und – nicht zu vergessen – digitale Verwaltung und digitale Sicherheit. Ein ganzer Blumenstrauß aus Vorhaben der angesichts der aktuellen Bilanz ziemlich verdorrt und verwelkt anmutet. Spricht man Eltern auf das Leitbild der «digitalen Selbstständigkeit an Schulen» an, so wird man bestenfalls ein müdes Lächeln ernten.

 

Wie sehr Wunsch und Wirklichkeit beim Thema Digitalisierung auseinanderklaffen, zeigt der gerade veröffentlichte Digitalreport 2021 vom European Center for Digital Competitiveness an der ESCP Business School in Berlin und dem Institut für Demoskopie Allensbach. Befragt wurden dabei mehr als 1000 Bürgerinnen und Bürger sowie 500 Spitzenkräfte aus Politik und Wirtschaft. Die Autoren des Reports stellen dem vermeintlichen Digitalisierungsschub, von dem in der öffentlichen Diskussion oftmals die Rede sei, die Wahrnehmung ihrer Befragten gegenüber. Wurde schon 2019 das digitale Innovationstempo kritisch gesehen, so schneidet es im aktuellen Report noch schlechter ab. 92 Prozent der Befragten Führungskräfte diagnostizieren einen Rückstand der Bundesrepublik in vielen Bereichen der Digitalisierung. Nur etwa die Hälfte der Führungsspitzen zeigt sich optimistisch, dass dieser Rückstand aufgeholt werden könnte. Zwar habe die Digitalisierung im Zuge der Krise an Bedeutung gewonnen, gleichzeitig bestehe weiterhin großer Nachholbedarf. Im Vergleich der G-7 Staaten landet Deutschland in punkto Digitalisierung gerade einmal auf dem vorletzten Platz und schneidet schlechter ab als die bisherigen Nachzügler Italien und Frankreich. Deutschland hat die rote Laterne in Sachen Digitalisierung also fest im Blick.

«Besonders in den Schulen wird die Zukunft Deutschlands verspielt», bewertet Professor Philip Meissner vom European Center for Digital Competitiveness. Er fordert einen «Zukunftsplan Digitalisierung» mit neuen Chancen für die junge Generation durch Investitionen in digitale Bildung und Unternehmertum, eine exponentielle Transformation der Wirtschaft hin zu neuen Zukunftstechnologien und einem Mittelstand 4.0. Außerdem müsse der Staat selbst digitaler Vorreiter in einem globalen Kontext werden. Ob es das richtige Signal angesichts der großen Bedeutung dieses Themas war, ausgerechnet die in der zurückliegenden Legislaturperiode zuständige Staatsministerin für Digitalisierung Dorothee Bär (CSU) in das Zukunftsteam von CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet zu berufen, sei dahingestellt. Im Digitalreport schneidet keine der im Bundestag vertretenen Parteien beim Thema gut ab. Vielmehr sieht die Mehrheit der Bevölkerung nicht einen Vorkämpfer für Digitalisierung an der politischen Spitze Deutschlands. Es fehle ihr das digitale Profil.

In der Corona-Pandemie wurde offensichtlich, wie weit wir in der Digitalisierung hinterher sind. Nun hat auch Angela Merkel nach 16 Jahren Kanzlerschaft Versäumnisse in der Digitalisierung eingeräumt. Auf einer Veranstaltung bemerkte sie vor wenigen Tagen, «dass wir noch nicht auf dem Niveau sind, auf dem wir sein könnten». Eine späte Einsicht.

Eines ist klar: Die Bürde unerfüllter Aufgaben aus den zurückliegenden Legislaturperioden für eine wie auch immer geartete neue Bundesregierung ist groß. Doch es ist entscheidend, diese Herausforderung anzunehmen. Sonst gerät Deutschland als Wirtschaftsmotor in Europa und leistungsfähiger Innovationstreiber auf der Welt immer weiter ins Hintertreffen.


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