Leserbrief

Leserbrief „Meine Meinung“ – Bausünden in Baden-Baden – „Die Juroren des UNESCO Welterbes mit der Kutsche in der Lichtentaler Allee auf- und abgefahren“

Baden-Baden, 28.05.2022, Leserbrief In einem Leserbrief an die Redaktion nimmt goodnews4-Leser Wolfgang Holstein Stellung zu dem goodnews4-Bericht Diskussionen um Bausünden in Welterbestadt Baden-Baden − FBB-Stadtrat Wolfgang Niedermeyer zur Kapuzinerstraße: «Sehr viel schiefgelaufen».

Der Stadtrat Niedermeyer führt einen zwar ehrenwerten aber auch einsamen und deshalb vergeblichen Kampf gegen eine in Baden-Baden übermächtige Architekten-, und Bauträger-Lobby.

Wenn man die vielen Bausünden in der Stadt betrachtet, wo klobige, überdimensionierte Glas- und Flachdach-Baukörper Villengegenden mit altehrwürdigen und oftmals aufwändig renovierten Villen verschandeln, dann fragt man sich, ob es in Baden-Baden keine Bauvorschriften gibt und wie Baden-Baden an die Auszeichnung als Weltkulturerbe gelangen konnte?

Doch, Bauvorschriften und eine Satzung für die Gestaltung der Villen in historischen Villengebieten gibt es, aber die liegen in Baden-Baden aus guten Gründen in einer mit drei Vorhängeschlössern gesicherten Schublade, um eine Einsichtnahme zu verhindern, während die gleichen Vorschriften z.B. in Tübingen wortgetreu umgesetzt werden. Aber dort ist ein fähiger (noch grüner) Bürgermeister am Ruder und hier war es bisher leider immer die CDU mit ihrem durchschnittlich begabten und leicht zu beeinflussenden Personal.

Bei der Prüfung für das UNESCO Welterbe hat man die Juroren wahrscheinlich nur mit der Kutsche in der Lichtentaler Allee zwischen Kurhaus und Kloster Lichtental auf- und abgefahren und ansonsten unter Vorlage von gut retuschierten bunten Bildern über sonstige Sehenswürdigkeiten nach Strich und Faden belogen, u.a. bei der vergammelten, dem Verfall preisgegebenen Bauruine in dominanter Lage (Neues Schloss).

 

Wie muss sich ein Bürger wohl die Grundlage für diese unschöne Entwicklung vorstellen? Man vermutet, dass es wie folgt abläuft. Da beauftragt ein Bauträger oder Bauherr einen bestens vernetzten ortsansässigen Architekten. Der reicht dann bei der zuständigen Stelle eine Bauvoranfrage über einen extrem überdimensionierten Baukörper ein, wohlwissend, dass beide Seiten ein Erfolgserlebnis brauchen, er also in Kauf nimmt, dass sein Bauwunsch etwas beschnitten wird damit die zuständige Städtische Stelle ihre Daseinsberechtigung belegt, er aber trotzdem mehr «durchbringt» als die Vorschriften eigentlich hergeben. Also werden aus den sechs geforderten Geschossen nur noch vier genehmigte Geschosse. In den dann eingereichten Baugenehmigungsplänen werden dann aber statt der vier genehmigten einfach still und leise fünf Geschosse eingezeichnet. Wenn es keiner merkt, dann ist das prima, wenn dies tatsächlich bei der zuständigen Stelle auffallen sollte, dann hat man halt Pech gehabt. Und dass es, wie in einem aktuellen Fall tatsächlich aufgefallen ist, war offensichtlich wirklich reiner Zufall, denn eine zuständige Person löst scheinbar gerne Bilderrätsel und beim Vergleich der beiden Planzeichnungen (alt 4, neu 5 Geschosse) ist ihr dies aufgefallen. Aber das passiert leider nur selten und es kommt oft genug vor, dass sich Bauherren nicht an die genehmigte Planung halten und was passiert dann? Nichts, denn offensichtlich ist seitens der Städtischen Baubehörde keine Bauüberwachung vorgesehen und man wird einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. Dies führt dann zwar kurzfristig zu großer Aufregung, die sich aber schnell wieder legt, weil niemand ernsthaft einen Rückbau fordert. Und wenn, wie in einem aktuellen Fall eine unschöne und nicht genehmigte Stützmauer den ästhetischen Blick stört, dann wird diese Wand einfach für ein paar Euro fünfzig mit irgend einer billigen Kletterpflanze begrünt und schon ist das Problem gelöst.

Fazit: Solange in Baden-Baden das Geld der Spekulanten und Immobilienhaie regiert, welche offensichtlich auch den Stadtrat (in welcher Form auch immer) dominieren, wird keine Besserung eintreten. Es ist wirklich verwunderlich, dass sich die wohnungssuchende einheimische Bevölkerung dieses Trauerspiel mit ansieht, statt auf die Barrikaden zu gehen, bzw. bei der nächsten Stadtratswahl eine Änderung bei den agierenden Personen vorzunehmen. Es ist doch wirklich nicht schwer zu eruieren, wer die Befürworter und wer die erbitterten Gegner der Spekulationsbautätigkeit sind. In der aktuellen Besetzung ist der Stadtrat jedenfalls zumindest für Wohnungssuchende völlig wertlos. Um diesen unseligen Seilschaften Paroli bieten zu können, müssen mehr Parteilose in den Stadtrat gewählt werden. Dass man auch als Parteiloser Chancen hat, gegen die etablierten Parteien zu bestehen, hat der neue Oberbürgermeister eindrucksvoll bewiesen.

Wolfgang Holstein
Baden-Baden


Wenn Sie auch einen Leserbrief an die Redaktion senden möchten, nutzen Sie bitte diese E-Mail-Adresse: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

In Ausnahmefällen veröffentlicht goodnews4.de Leserbriefe auch unter einem Pseudonym. Die tatsächliche Identität des Verfassers ist goodnews4.de in jedem Fall bekannt.

PDF «Spielregeln» für Leserbriefe an goodnews4.de


Zurück zur Startseite und zu den weiteren aktuellen Meldungen.