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Corona-Bilanz im Klinikum Mittelbaden

Klinik-Chef Thomas Iber kann ein Rätsel nicht lösen – Baden-Baden in Deutschland mit vorne bei Corona-Intensiv-Fällen – Erfahrungen in bauliche Überlegungen einbeziehen

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goodnews4-AUDIO-Interview von Nadja Milke mit Thomas Iber

Bild Christian Frietsch Bericht von Christian Frietsch
29.05.2020, 00:00 Uhr



Baden-Baden Eine erste Corona-Bilanz zog Thomas Iber, Medizinischer Geschäftsführer des Klinikum Mittelbaden im goodnews4-AUDIO-Interview und zu dieser Bilanz gehört ein Rätsel, das bisher noch nicht gelöst werden konnte. «Von 133 Covid-positiven Patienten waren insgesamt 52 intensivtherapiepflichtig, die wir im Bereich der Intensivstation versorgen mussten und liegen damit in den Zahlen, was die Intensivmedizin angeht, unter den zwanzig am stärksten belasteten Intensivstationen in Deutschland.»

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Deutschland von 2018 führen 1.160 Krankenhäuser* intensivmedizinische Betten. Die Gesamtzahl der Intensivbetten (ITS-Betten) beträgt laut Statischem Bundesamt 28.031.

Eine Erklärung für diesen Rekord hat Thomas Iber nicht: «Eine stringente wissenschaftliche Erklärung kann ich Ihnen im Moment nicht geben, zumal keine 30 Kilometer entfernt in Karlsruhe die Situation eine deutlich andere war, wo die Intensivbetten, die vorgehalten wurden, nicht ansatzweise in ihrer Quantität benötigt wurden.» Allerlei Spekulationen dürften ins Kraut schießen, etwa der hohe Anteil an sehr alten Menschen in Baden-Baden. Die von Thomas Iber vorgetragene Statistik widerspricht dieser Annahme: «Was ich nicht bestätigen kann, war die häufig geäußerte Aussage es träfe nur ältere, sehr betagte Menschen mit Vorerkrankungen. Wir haben generell einen Altersdurchschnitt von 67 Jahren für alle Covid-positiven Patienten, das reicht von 39 Jahren bis 83 Jahren und, das kommt ergänzend hinzu, es gibt quasi keinen Unterschied, nur zwei Jahre, im Durchschnitt der intensivpflichtigen Patienten, die waren im Durchschnitt 69 Jahre alt.»

Im weiteren Verlauf des Interviews ging der Klinik-Chef auch auf die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise ein und richtete schon mal seinen Blick auf ganz andere Herausforderung, vor denen das Klinikum Mittelbaden steht, und welche Rolle die Erfahrungen der Corona-Krise zum Beispiel bei bauliche Planungen spielen könnten.

*Mehr: [Sichtbarer Text des Links]


Abschrift des goodnews4-AUDIO-Interviews mit Thomas Iber, Medizinischer Geschäftsführer Klinikum Mittelbaden:

goodnews4: Herr Dr. Iber, wie ist denn aktuell die Corona-Lage im Klinikum Mittelbaden? Haben Sie denn noch Covid-19-Patienten in Behandlung? Wie geht es ihnen?

Thomas Iber: Ja, wir haben aktuell noch zwei Patienten, die Covid-positiv sind, in Behandlung. Die befinden sich auf der Normalstation, sind mäßig schwer erkrankt, zumindest mal nicht intensivstationspflichtig, und im Bereich der Intensivstation haben wir mit diesem Tag heute die letzte Covid-Patientin in die Rehabilitationsklinik verlegen können, sodass wir aktuell keine Covid-Patienten im Intensivbereich mehr versorgen müssen.

goodnews4: Nach dem Lockdown nun der Rollback, es normalisiert sich alles langsam wieder. Ist es der richtige Zeitpunkt für eine Zwischenbilanz für das Klinikum Mittelbaden zum Thema Kranke und Gesunde einerseits und zur wirtschaftlichen Bilanz andererseits?

Thomas Iber: Ja, die sind wir dabei mittlerweile zu erarbeiten. Medizinisch können wir sicher schon sehr verlässlich antworten, weil wir sehr genaue Zahlen haben. Wir haben insgesamt 133 Covid-positive Patienten behandelt, dafür haben wir insgesamt knapp 500 Patienten mit dem Verdacht in unserem Klinik-in-der Klinik-Konzept im speziellen Bereich in der Klinik in Balg aufgenommen, um eine weitere Ausbreitung innerhalb des Klinikums zu verhindern. Von diesen 133 Covid-positiven Patienten waren insgesamt 52 intensivtherapiepflichtig, die wir im Bereich der Intensivstation versorgen mussten, und liegen damit in den Zahlen – das ist das Erstaunliche - , was die Intensivmedizin angeht, unter den zwanzig am stärksten belasteten Intensivstationen in Deutschland.

goodnews4: Haben Sie dafür eine Erklärung, woran das liegen könnte?

Thomas Iber: Das ist die große und spannende Frage, aber ich muss sie im Moment leider verneinen. Es gibt im Moment für uns Indizien, Anhaltszahlen oder vielleicht auch Zufälle, die das erklärbar machen, aber eine stringente wissenschaftliche Erklärung kann ich Ihnen im Moment nicht dafür geben, zumal keine 30 Kilometer entfernt in Karlsruhe die Situation eine deutlich andere war, wo die Intensivbetten, die vorgehalten wurden, nicht ansatzweise in ihrer Quantität benötigt wurden.

goodnews4: Was sind denn das für Indizien, die vielleicht eine Erklärung sein könnten?

Thomas Iber: Ich glaube, dass es am ehesten möglicherweise ein unglückliches Zusammentreffen war von Skiurlaubzurückkehrern und dann einfach Zufälligkeiten, wo in der Initialphase, wo es noch keinen Lockdown gab, auf bestimmten Veranstaltungen einfach zufällig gute Vermehrungsbedingungen, Übertragungsbedingungen für diesen Virus vorhanden waren. Was ich nicht bestätigen kann, war die häufig geäußerte Aussage es träfe nur ältere, sehr betagte Menschen mit Vorerkrankungen. Das hat sich bei uns überhaupt nicht gezeigt. Wir haben generell einen Altersdurchschnitt von 67 Jahren für alle Covid-positiven Patienten, das reicht von 39 Jahren bis 83 Jahren und, das kommt ergänzend hinzu, es gibt quasi keinen Unterschied, nur zwei Jahre, im Durchschnitt der intensivpflichtigen Patienten, die waren im Durchschnitt 69 Jahre alt.

goodnews4: Wie sieht es denn mit der wirtschaftlichen Bilanz aus? Brauchen die Kliniken auch einen Rettungsschirm, wonach ja gerade auch die Kommunen rufen?

Thomas Iber: Ja, der wurde ja dankenswerterweise sehr frühzeitig schon vom Bundesgesundheitsministerium gespannt, der Rettungsschirm, der da lautete, dass es eine Pauschale pro freies Bett gibt in der Zeit bis 30.09. dieses Jahrs. Wir sind im Moment in der ersten Betrachtung und Abschätzung. Die Bettendokumentation erfolgte ja tagesgleich, wie viele Corona-Betten wurden belegt, wie viele wurden zur Verfügung gestellt und freigehalten für einen noch stärkeren Anstieg der Fallzahlen und wie viele Betten sind tatsächlich freigeblieben im Vergleich zur durchschnittlichen Belegung der Vorjahre zum gleichen Zeitraum. Wir sind in einer ersten Abschätzung inwieweit diese Pauschale kostendeckend ist oder nicht, können das aber im Moment, Stand heute, noch nicht abschließend beantworten.

goodnews4: Sind denn die Zahlen der Patienten und Operationen inzwischen wieder auf gleichem Stand wie vor der Corona-Krise?

Thomas Iber: Wir haben sehr frühzeitig und auch, muss man sagen, dem Bedarf entsprechend, der relativ groß war, eine große Nachfrage, die Operationszahlen wieder Woche für Woche hochgefahren, hatten auch wirklich den Erfolg, dass all die Maßnahmen der Besuchereinschränkung und das stringente Tragen von Mund-Nasen-Schutz und Einhalten der Abstandregel dazu geführt hat, dass wir bis dato keinerlei Komplikationen hatten beim Wiederanfahren. Wir müssen allerdings schon von einer neuen Normalität sprechen, da einfach der komplette Ambulanzbetrieb und auch das Einbestellwesen für Patienten unter Berücksichtigung der Abstandsregelung im Moment eine deutlich weitere Terminierung erfordern, um eben eine Gruppen- und Menschenansammlung zu vermeiden, sodass wir tatsächlich im Moment bei circa 80 Prozent der bekannten regulären Kapazität liegen und es schwierig werden wird, das noch weiter auf 100 Prozent zu steigern, weil wir dann einfach in das Risiko gehen, räumlich bedingt die Abstandsregeln nicht mehr einhalten zu können mit unseren Patienten.

goodnews4: Gibt es außer Corona noch bedeutendere Themen für das Klinikum Mittelbaden, denen sie sich auch zuwenden müssen?

Thomas Iber: Ja klar, die Strukturthemen, die Sie ja auch aus der Vergangenheit bestens kennen, aus der jüngeren Vergangenheit. Wir stellen ja das Klinikum Mittelbaden für die Zukunft auf, bewegen uns natürlich weiter, haben auch nicht vernachlässigt in der Pandemie-Situation, integrieren mehr unsere Erfahrungen aus der Pandemie-Situation in die Überlegungen für die Zukunft und insofern wird auch die Zeit nach Corona uns weiter sehr arbeitsintensiv beschäftigen.

goodnews4: Welche konkreten Schlussfolgerungen für die Struktur des Klinikum Mittelbaden konnten Sie denn ziehen aus den Erfahrungen der letzten Wochen?

Thomas Iber: Also ich glaube ganz entscheidend ist, dass man, wann immer es möglich ist, bauliche Überlegungen miteinbezieht wie man Patientengruppen gut trennen kann, um für kommende Pandemie-Situationen einfach noch besser vorbereitet zu sein.

goodnews4: Ich bedanke mich sehr für das Interview, Dr. Thomas Iber.

Thomas Iber: Ich danke Ihnen, Frau Milke.

Das Interview führte Reyhan Celik für gooodnews4.de

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goodnews4-AUDIO-Interview von Nadja Milke mit Thomas Iber


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